Flexible Zeiten

28 Stunden in der Woche arbeiten? Das spricht dafür und das dagegen

Die IG Metall fordert kürzere Arbeitszeiten, die FDP will den Acht-Stunden-Tag aushebeln und die Ruhezeiten verkürzen - bei dem ganzen Streit um die Arbeitszeiten schauen die Arbeitnehmer in die Röhre. Ein Überblick über die Argumente.

München - Angestellte mit unregelmäßiger Arbeitszeit oder Schichtdienst leiden unter Schlaflosigkeit – 40 Prozent von ihnen sind betroffen, die Hälfte schläft höchstens fünf statt der mindestens nötigen sechs Stunden. Doch der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt, FDP und Union fordern das Ende des Acht-Stunden-Tages und weniger Ruhezeiten. Die IG-Metall wiederum setzt sich – neben der Forderung nach 6 Prozent mehr Lohn – für die befristete Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 28 Stunden ein. Wir zeigen die Argumente für und wider diese Vorschläge auf. 

Erreichbarkeit rund um die Uhr?

Ist der Acht-Stunden-Tag noch zeitgemäß? Christoph Schmidt, oberster Wirtschaftsberater der Bundesregierung, stieß die Diskussion am Sonntag in der WamS an: „Flexiblere Arbeitszeiten sind wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen,“ so der Wirtschaftsweise. Firmen, die in der digitalisierten Welt bestehen wollten, müssten agil sein und schnell ihre Teams zusammenrufen können. „Die Vorstellung, dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen der Firma beendet, ist veraltet“, so Schmidt. 

Arbeitnehmer sollten abends noch an einer Telefonkonferenz teilnehmen und beim Frühstück ihre Mails lesen. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeber (BDA) fordert seit Längerem flexiblere Arbeitszeitregelungen. Die FDP forderte in den Jamaika-Verhandlungen statt einer täglichen Höchstarbeitszeit von acht Stunden eine Wochenarbeitszeit von 48 Stunden. Das Arbeitsschutzgesetz sieht eine maximale Arbeitszeit von zehn Stunden am Tag vor, die Zeit muss innerhalb eines halben Jahres ausgeglichen werden. 

Wirtschaftsweiser Christoph M. Schmidt.

DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann hält die Debatte um den Acht-Stunden-Tag für unnötig, schon jetzt gebe es genügend Spielraum bei der Arbeitszeit: 2016 hat diese Flexibilität u. a. dazu geführt, dass die Beschäftigten 1,8 Milliarden Überstunden geleistet haben – die Hälfte davon unbezahlt. Nur die Arbeitgeber profitierten davon. Hoffmann weiter: „Was wir brauchen, ist eine Flexibilität, die Arbeitnehmern zugutekommt – wie zum Beispiel, dass Arbeitszeiten präzise erfasst und bezahlt werden, wenn Beschäftigte außerhalb der Büros online arbeiten, und ein Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit.“ 

Hoffmann verweist außerdem darauf, dass Experten zufolge nach acht Stunden die Unfallquote steige und die Effizienz sinke. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für Spiegel Online ergibt, dass 67,8 Prozent der über 5000 Befragten lieber an festen Arbeitszeiten festhalten wollen. FDP und Union wollen die gesetzliche Ruhezeit von elf Stunden zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn abschaffen. Auch diesen Plänen erteilt der DGB eine Absage. Ruhezeiten dienten dem Erhalt der Arbeitskraft.

Privatleben mit Beruf vereinbaren

Die IG Metall geht zum ersten Mal seit dem Kampf um die 35-Stunden-Woche wieder mit dem Thema Arbeitszeitverringerung in die Tarifauseinandersetzung. Doch bei der Forderung nach der 28-Stunden-Woche geht es nicht um eine generelle Arbeitszeitverkürzung: Zwei Beschäftigtengruppen sollen bei der Verkürzung der Arbeitszeit einen Lohnzuschuss erhalten: Schichtarbeiter sowie Beschäftigte in „anderen belastenden Arbeitszeitmodellen“ und Arbeitnehmer, die Kinder unter 14 Jahren erziehen oder Angehörige pflegen. Die Arbeitszeitreduzierung soll auf maximal zwei Jahre befristet sein – mit dem Recht auf Rückkehr in eine Vollzeitstelle. Die Arbeitgeber lehnen das Modell strikt ab. Sie sehen darin eine Art „Anreizprämie“. 

Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler.

Denn der Nettoverlust in den unteren Entgeltgruppen würde lediglich 30 bis 70 Euro monatlich betragen – für einen Tag frei in der Woche. „Diese Forderung verschärft den Fachkräftemangel, schafft eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in den Betrieben und hat als zwingenden Nebeneffekt Teilzeitstellen auf Zeit mit einem sehr geringen Stundenumfang – die die IG Metall prekär nennt“, sagte Hauptgeschäftsführer des bayerischen Arbeitgeberverbandes vbm, Bertram Brossardt. Dagegen entgegnete Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler, die Gewerkschaft wolle mit ihren Forderungen die Zukunft der Beschäftigten sichern. „Der vbm versteht unter Flexibilität, dass die Arbeitgeber allein über die Arbeitszeit der Beschäftigten bestimmen und verfügen. Das ist nicht mehr zeitgemäß.“ 

Die Beschäftigten stellten heute größere Ansprüche an die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben. Sie wollten über ihre Arbeitszeit mitbestimmen. Doch viele Arbeitnehmer fürchten im Falle einer Arbeitszeitreduzierung einen Karriereknick. „Wir wissen aus der Forschung, dass vor allem Teilzeitmodelle bis etwa 70 Prozent und längere Auszeiten zu einem Karriereknick führen“, so die Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE), Jutta Rump, Doch das müsse man differenziert sehen: Eine Reduktion auf 80 Prozent oder auf 28 Stunden hätte eher keine Auswirkungen. Offen sei aber noch, ob sich Führungspositionen und Teilzeitbeschäftigungen vereinbaren lasse, sagt die Expertin.

Kommentar: Wir arbeiten schon längst zu lange

Rubriklistenbild: © dpa

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser