„Möglichst sozialverträglich“

Siemens schließt zwei Standorte - und streicht deutschlandweit 3300 Jobs

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In Leipzig wird bereits gegen einen möglichen Kahlschlag beim örtlichen Siemens-Werk protestiert

Stunde der Wahrheit bei Siemens: Im Wirtschaftsausschuss des Konzerns kamen am Donnerstag die geplanten Jobkürzungen auf den Tisch. Die IG Metall bekräftigte ihre Kritik.

München - Der Elektrokonzern Siemens will wegen der Probleme in der Kraftwerks- und der Antriebssparte weltweit rund 6900 Jobs streichen, davon etwa die Hälfte in Deutschland. Zwei Werke im sächsischen Görlitz und in Leipzig mit zusammen 920 Arbeitsplätzen sollen geschlossen werden, wie das Unternehmen am Donnerstag in München mitteilte.

Durch die geplante Zusammenlegung des in Erlangen und Offenbach angesiedelten Lösungsgeschäfts der Kraftwerkssparte dürfte auch der Standort Offenbach mit rund 700 Beschäftigten vor dem Aus stehen. Für ein Werk in Erfurt prüft Siemens zudem mehrere Optionen, darunter auch einen Verkauf. Die Maßnahmen sollten möglichst sozialverträglich gestaltet werden, erklärte Siemens.

Sächsische Regierung und IG Metall empört

Sachsen Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) bezeichnete die angekündigte Schließung von zwei Siemens-Standorten im Freistaat als "unverantwortlich". "Ich habe überhaupt kein Verständnis für diese Entscheidungen, die jegliche regionale Verantwortung eines großen deutschen Konzerns vermissen lassen", erklärte Tillich am Donnerstag. Auch Sachsen Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) zeigte sich "wütend und empört" über die Entscheidung.

Die IG Metall hat die Siemens-Pläne zu Stellenabbau und Werksschließungen als „breit angelegten Angriff auf die Arbeitnehmerseite“ abgelehnt und harten Widerstand angekündigt. „Ein Stellenabbau in dieser Größenordnung ist angesichts der hervorragenden Gesamtsituation des Unternehmens völlig inakzeptabel“, sagte Gewerkschaftsvorstand und Siemens-Aufsichtsrat Jürgen Kerner am Donnerstag. „Er kommt aus Sicht der IG Metall nicht einmal als ernsthafte Diskussionsgrundlage in Betracht.“

Kaeser hatte schon zuvor Arbeitsplätze gekappt

Die Siemens-Führung hatte am Donnerstag zuvor die Betriebsräte über die anstehenden Einschnitte in der Kraftwerks- und in der Antriebssparte informiert. Am Vormittag kamen Mitglieder des Managements mit den Arbeitnehmervertretern im Wirtschaftsausschuss des Konzerns zusammen. Bereits seit Wochen wird über die Streichung mehrerer tausend Stellen sowie mögliche Werksschließungen und -verkäufe spekuliert

In beiden betroffenen Sparten, die seit einiger Zeit unter einer Auftragsflaute und Preisdruck leiden, hatte Siemens-Chef Joe Kaeser schon Arbeitsplätze gekappt. Vor allem für das Kraftwerksgeschäft kündigte er erst in der vergangenen Woche bei der Bilanz-Pressekonferenz „schmerzhafte Einschnitte“ an. Auch betriebsbedingte Kündigungen schloss Siemens nicht aus.

IG Metall: „Geht es nur noch darum, Aktionäre zu befriedigen?“

Betriebsrat und IG Metall machen deshalb seit Wochen Front gegen die Pläne. „Das, was wir momentan erleben bei Siemens - das ist für mich so ein Zeichen, wie man eigentlich in Deutschland oder auch in der Metall- und Elektroindustrie nicht miteinander umgehen sollte“, sagte Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler am Rande der aktuellen Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie in Schweinfurt. Bei Siemens müsse man sich „langsam, aber sicher die Frage stellen: Will das noch ein integrierter Technologiekonzern bleiben, oder geht es nur noch darum, die Aktionäre zu befriedigen?“

Siemens sei momentan eine Baustelle, die ihm sehr viel Sorgen mache. Die Beschäftigten müssten nun für ihre Interessen eintreten und dem Management sagen, dass das, was jetzt passiert, so nicht gehe.

Berlins Bürgermeister mahnt Siemens

Mahnungen an das Management kamen auch aus der Politik. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) appellierte angesichts der drohenden Einschnitte an den Konzern, für Standorte in Ostdeutschland eine Perspektive zu schaffen. Es sei offensichtlich geplant, nicht nur Arbeitsplätze bei Siemens abzubauen, sondern komplette Standorte zu schließen. „Das wäre natürlich ein erheblicher Einschnitt insgesamt in die Industrielandschaft Ostdeutschlands“, sagte Müller. Er sehe Unternehmen in der Pflicht, sich des Problems bewusst zu sein.

dpa/fn

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