„Insolvenz ist kein Spaß“

Nach der Pleite: Airberlin-Chef spricht erstmals über die Hintergründe

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Ernsthafte Sanierungsabsichten: Krisenmanager Thomas Winkelmann. 

Erstmals seit der Pleite von Airberlin gibt der Chef der Fluglinie, Thomas Winkelmann, Einblick in die Hintergründe des Desasters. Vermutungen, die Insolvenz und der Teil-Aufkauf durch die Lufthansa seien ein abgekartetes Spiel gewesen, weist er scharf zurück.

München – Als Luftfahrt-Manager war Thomas Winkelmann, 58, eigentlich auf Erfolg gepolt. Lufthansa-Karriere in Miami, dann in New York. Doch ganz so geradlinig ist seine Karriere dann doch nicht verlaufen. Mittlerweile ist er, wohl wider Willen, der Mann für die schwierigen Fälle. Als 2015 die Germanwings-Maschine abstürzte, stand Winkelmann an der Spitze des Unternehmens und musste sich von Angehörigen der Toten bittere Vorwürfe anhören. Nicht vergleichbar, aber gleichfalls katastrophal war in diesem Jahr die Airberlin-Pleite, die der erst im Februar an die Spitze der Fluglinie gerückte Manager nun verantworten muss. Vehement wies Winkelmann vor den Mitgliedern des Luftfahrt-Presse-Clubs, die den Manager zu ihrer Jahrestagung an den Flughafen München eingeladen hatten, den Eindruck zurück, die Pleite sei von Beginn seiner Tätigkeit an einkalkuliert gewesen. Nein, sagte Winkelmann, so war es nicht. „Eine Insolvenz ist kein Spaß, ist kein zynisches Spiel.“ Der Auftrag des maßgeblichen Eigners Etihad sei vielmehr gewesen, das Unternehmen an einen Investor zu verkaufen. „Ja, das kriegen wir hin, aber ihr dürft nicht den Stecker ziehen“, habe er den Arabern gesagt – und um zwei, drei Jahre Zeit gebeten. „Diese Aufgabe war reizvoll.“ Doch der Stecker wurde dann doch gezogen, zugesagte Überbrückungshilfen von Etihad nicht gewährt. Mitte August schlitterte Airberlin in die Pleite.

Dass es dem Unternehmen nicht gut ging, war natürlich auch Winkelmann bekannt. Doch der Einblick in die Bücher habe ihn dann schon schockiert, sagte er. Da seien Flugzeuge zu „völlig überteuerten“ Leasingverträgen geborgt worden, es habe durch Zukäufe von Maschinen und Personal ein riesiges Gehaltsgefälle innerhalb des Unternehmens gegeben, und am Ende seien Finanzlöcher nur durch neues geliehenes Geld gestopft worden – wodurch sich die Misere immer weiter verschlimmerte. „Airberlin war kein einziges Jahr profitabel“, sagte Winkelmann. Am Ende habe der Kreditrahmen nicht mal ausgereicht, „um einen VW Polo zu leasen“.

Zu den Aussichten für die geschätzt 6000 Airberlin-Mitarbeiter ließ sich Winkelmann nicht viel entlocken. Der Verkaufsprozess an Lufthansa und Easyjet, die insgesamt 106 Flugzeuge übernehmen, soll Ende des Jahres abgeschlossen sein. Ziel sei es, 80 Prozent der Mitarbeiter sichere Jobs zu bieten.

Momentan ist freilich die Unruhe groß. Airberlin-Mitarbeiter rufen am Mittwoch in Berlin zu einer Demonstration auf (Motto: Billiglöhne sind kein Glück, wir wollen unsere Jobs zurück).

In München gibt es derweil eine Jobbörse für die 240 Mitarbeiter von Airberlin-Technik, die in einem Teil des Hangars Nummer 3 Flugzeuge warten. Noch läuft der Betrieb immerhin auf Sparflamme weiter. „Reine Tages-Checks, Reifen- und Bremsenwechsel, solche Dinge“, sagt ein Mitarbeiter. Wie viele hat der Fluggerät-Mechaniker schon einen neuen Job in Aussicht. Interessierte Unternehmen gibt es: Lufthansa Technik, Grob, Ruag, Tesla – alle waren schon da. „Das haben Arbeitsamt und Betriebsrat gut organisiert“, sagt der Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden will. Freilich sind die Angebote zumeist schlechter bezahlt – auch er selber, Ende 50, verdient statt 4200 Euro brutto künftig nur noch 3700.

Zeit für einen Abstecher zu den Airberlin-Mitarbeitern in München hatte Winkelmann übrigens nicht. Nach einer Stunde Vortrag wartete schon der Flieger. Der Betriebsrat wusste nicht einmal, dass sein Chef da war.

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