Engpass: Deutschland braucht Ösi-Strom

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“Die Netzsituation ist nach wie vor angespannt“, betonte ein Sprecher der Bundesnetzagentur.

Berlin - Die Stabilität des deutschen Stromnetzes kann in diesem Winter zum Teil nur dank Nachbarschaftshilfe aus Österreich aufrechterhalten werden. Die Kaltreserve besteht allerdings nicht aus Atomstrom.

Ausgerechnet der kleine Nachbar im Süden ist an manchen Tagen Garant dafür, dass die deutsche Energiewende nicht in einem großen Blackout mündet. An manchen Wintertagen müssen alte Öl- und Gaskraftwerke in Österreich angefahren werden, weil sonst ein Zusammenbruch an bestimmten Stellen des deutschen Netzes droht. “Die Netzsituation ist nach wie vor angespannt“, betont ein Sprecher der zuständigen Bundesnetzagentur. Das Anfordern des österreichischen Stroms zeige aber, dass das Konzept der Kaltreserve funktioniere - sie umfasst neben deutschen Kraftwerken auch mehrere im Nachbarland.


Als der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, Ende August 2011 die Pläne für “Stand-By“-Kraftwerke zur Vorbeugung gegen Stromengpässe vorstellte, waren viele froh, dass er hierbei auf ein stillgelegtes Atomkraftwerk verzichten konnte. Diese Idee hatte besonders Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) forciert, war aber wegen des langen Wiederanfahrprozesses von Experten kritisch gesehen worden. Daher sollten es andere fossile Kraftwerke richten.

Besonders die Situation im süddeutschen Netz am 8. und 9. Dezember wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen durch die Abschaltung von acht AKW und den Ausbau des Ökostromanteils auf 35 Prozent bis 2020. Ulrike Hörchens von Tennet erklärt, man habe für diese Tage eine Windstromproduktion im Norden von 19 000 Megawatt prognostiziert bekommen - Tennet regelt die Stromautobahnen von Norddeutschland über Hessen bis nach Bayern. Da zugleich das bayerische RWE-Atomkraftwerk Gundremmingen C wegen Wartungsarbeiten als Stromlieferant ausfiel und Leitungen zum Windstromtransport vom Norden in den Süden fehlen, war man auf fremde Hilfe angewiesen, um die Lastflüsse stabil zu halten.


1075 Megawatt als Kaltreserve stehen beim Nachbar in Österreich zur Verfügung. Darunter in Niederösterreich die Gaskraftwerke Theiß und Korneuburg, sowie alte Ölkraftwerke, die bei Bedarf angefahren werden können. “Im Süden stand nicht genug an Kraftwerkskapazitäten zur Verfügung, daher musste wir dies entsprechend ausgleichen“, betont Hörchens. Die Lage sei aber weiter beherrschbar - aber an 306 Tagen habe Tennet 2011 eingreifen müssen, um das fast 11 000 Kilometer umfassende Höchstspannungsnetz stabil zu halten.

Der von Leuten wie RWE-Chef Jürgen Großmann befürchtete größere Stromausfall ist trotz des Atom-Aus auch dank der Nachbarhilfe aus Österreich bisher ausgeblieben. Die Kosten dafür sind über den Strompreis zu zahlen. Ab diesem Jahr kommen als weitere Sicherheit zu den 1075 Megawatt noch einmal 832 Megawatt aus Österreich hinzu. In Deutschland stehen unter anderem ein Kohlekraftwerk in Mannheim, die Gaskraftwerke 2 Mainz-Wiesbaden und Freimann in München sowie die Mineralölraffinerie Oberrhein als Kaltreserve zur Verfügung - dies macht weitere rund 1000 Megawatt aus und müsste laut Kurth reichen.

Die Atomkraftwerke in Deutschland und Europa

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In Deutschland sind 17 Atomkraftwerke in Betrieb (Gesamtleistung 20 490 Megawatt) © dpa
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In Bayern stehen insgesamt fünf AKW: Hier das Atomkraftwerk in Gundremmingen. © dpa
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Hier die beiden Atomkraftwerke Isar 1 und 2 nahe Essenbach in Niederbayern. Der Reaktor Isar 1 steht seit Jahren in der Kritik. © dpa
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Hier das Atomkraftwerk in Grafenrheinfeld bei Schweinfurt in Bayern. © dpa
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In Hessen stehen die beiden seit Jahren umstrittenen Atomkraftwerke Biblis A und Biblis B. Biblis A wurde im Jahr 1974 in Betrieb genommen und ist der älteste noch genutzte Reaktor. © dpa
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Niedersachsen zählt insgesamt drei Atomkraftwerke: hier das AKW in Grohnde an der Weser. © dpa
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Hier das Kernkraftwerk Emsland nahe Lingen in Niedersachsen. © dpa
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Das Kernkraftwerk Unterweser nahe Rodenkirchen in Niedersachsen. © dpa
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In Schleswig-Holstein sind insgesamt drei AKW am Netz. Hier das Kernkraftwerk Brokdorf. © dpa
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Hier das AKW Brunsbüttel in Schleswig-Holstein. © dpa
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Das Kernkraftwerk in Krümmel (Schleswig-Holstein). © dpa
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In Baden-Württemberg sind insgesamt vier AKW am Netz. Hier die besonders umstrittenen Kraftwerke Neckarwestheim 1 und 2. © dpa
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Hier die Kraftwerke Philippsburg 1 und Philippsburg 2 in Baden-Württemberg. © dpa
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In Europa sind derzeit 195 Kernkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 170 Gigawatt am Netz (Stand Januar 2011). © dpa
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In Belgien sind sieben Atomkraftwerke in Betrieb (5 926 Megawatt) © dpa
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Finnland betreibt vier AKW (2 716 MW) © dpa
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In Frankreich sind 58 AKW in Betrieb mit einer Gesamtleistung von 63 130 MW (hier der Standort Cattenom) © dpa
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In Großbritannien gibt es 19 AKW (10 137 MW) © dpa
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Die Niederlande betreiben nur ein Atomkraftwerk (487 MW) © dpa
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32 Atomkraftwerke stehen in Russland (22 693 MW) © dpa
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In der Schweiz sind fünf AKW am Netz mit einer Gesamtleistung von 3 238 MW (hier der Standort Leibstadt) © dpa
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Vier Atomkraftwerke stehen in der Slowakei (1 792 MW) © dpa
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Nur ein Kraftwerk mit einer Gesamtleistung von 666 MW ist in Slowenien in Betrieb. © dpa
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In Bulgarien gibt es zwei AKW (1 906 MW) © dpa
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Acht Atomkraftwerke sind in Spanien am Netz (7 516 MW, hier Asco) © dpa
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In Tschechien werden sechs AKW betrieben (3 678 MW) © dpa
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Ungarn zählt vier Kraftwerke (1 889 MW) © dpa
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In der Ukraine sind 15 AKW mit einer Gesamtleistung von 13 107 MW am Netz (hier Tschernobyl, bei dem sich im Jahr 1986 ein Super-GAU ereignete) © dpa
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In Rumänien stehen zwei Atomkraftwerke (Gesamtleistung 1 300 MW) © dpa
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In Schweden sind zehn AKW am Netz (9 303 MW, hier der Standort Oskarshamm) © dpa

Angesichts des milden Winters gibt es also weniger ein Versorgungs- oder Engpassproblem, sondern vor allem ein Stabilitätsproblem bei den Lastflüssen. Denn es gibt derzeit ungewöhnlich viel Wind, aber zu wenig Nord-Süd-Stromautobahnen. “Das war ein Rekord-Windstrom-Monat“, sagt der Direktor des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR) in Münster über den Dezember. Die Windräder hätten fast 8 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt. Das sei rund ein Sechstel der Gesamtmenge des Windstroms im vergangenen Jahr.

Das ostdeutsche Unternehmen 50Hertz, zusammen mit Tennet, Amprion und EnBW Betreiber der deutschen Höchstspannungsleitungen, hat besonders arg zu kämpfen - gerade an den aktuell sehr stürmischen Tagen. Während man 2010 an sechs Tagen wegen zu viel Windstrom im Netz Windparks zwangsweise abschalten musste, seien dies 2011 schon an 41 Tagen der Fall gewesen, sagt Sprecher Volker Kamm.

50Hertz versorgt über seine Leitwarte in Neuenhagen bei Berlin 18 Millionen Verbraucher - und dringt auf einen raschen Ausbau der Netze in den Süden, damit nicht immer mehr Windparks zwangsweise vom Netz genommen werden müssen. Sonst gibt es weiter das paradoxe Problem, dass im Norden und Osten Strom ins Ausland verschoben werden muss, während der Süden auf die Stromhilfe aus Österreich angewiesen ist.

dpa

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