Sicherheit von Nutzfahrzeugen

Pkw vs. Lkw: Wie der ADAC um das Leben von Autofahrern kämpft

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Nur wirklich wirksame Notbremsassistenten können den Aufprall eines Lkw verhindern oder entscheidend abmildern. Die aktuellen Vorschriften bleiben hinter den Möglichkeiten zurück.

Der Unfall mit einem Lkw ist für Autofahrer in vielen Fällen ein Todesurteil. Ein funktionierender Unterfahrschutz könnte Leben retten. Weil die EU in dieser Frage mauert, sucht der ADAC Lösungen.

Landsberg – Die beiden Unfälle sehen nahezu gleich aus. Einmal handelt es sich um einen roten Ford Focus, einmal um einen blauen. Beide prallen mit 56 km/h auf einen stehenden Lkw. Beide sind danach Wracks. Wären die Dummies in den Fahrzeugen auf der Crashanlage des ADAC in Landsberg Menschen, käme für die Insassen des roten Ford jede Hilfe zu spät. Die des blauen Ford könnten das Fahrzeug mit leichten Blessuren verlassen. Der Unterschied am Lkw ist kaum sichtbar: Weniger als 100 Euro reichen für lebensrettende Veränderungen. Zwei Streben, die den EU-weit vorgeschriebenen Unterfahrschutz stabilisieren. Und eine Ausweitung des Schutzes um zehn Zentimeter nach unten.

Jahrelang kämpfte der deutsche Autoclub vergeblich dafür. Nun aber hatte er Erfolg. Viele Leben können bald gerettet werden, weil sich nun eine UN-Organisation der Sache angenommen hat und die Fehler der nach Auffassung des ADAC unzureichenden EU-Vorschrift zum Unterfahrschutz durch eine bessere ersetzt.

Neuregelung zum Unterfahrschutz bringt Besserung

Die kleinen Umbauten sorgte beim Crashtest dafür, dass die Knautschzone des blauen Ford die Aufprallenergie fast vollkommen schlucken konnte. Die Fahrgastzelle schützte deshalb die Insassen. Dagegen war beim Aufprall des roten Pkw ein Unterfahrschutz nach EU-Vorschrift montiert: Er wurde bei der ersten Berührung weggerissen. Nahezu ungebremst trafen Fahrgastzelle und Windschutzscheibe auf die Ladekante des Lkw. Der Oberbau wurde bis hin zu den Rücksitzlehnen zerquetscht. Keine Überlebenschance für die Insassen.

Die Fahrzeuginsassen haben beim EU-Schutz keine Chance: In Kopfhöhe prallen sie auf die Ladekante.

Trotz Unterstützung durch das Bundesverkehrsministerium konnte sich der ADAC mit seiner Forderung nach einem besseren Unterfahrschutz in Europa jahrelang nicht durchsetzen. Doch nun brachte eine internationale Lösung den Durchbruch: Die UNECE, die für technische Vorschriften für Radfahrzeuge zuständige Organisation der Vereinten Nationen hat mit einer Neuregelung zum Unterfahrschutz nicht allen, aber wesentlichen Forderungen des Automobilclubs entsprochen.

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So muss der Unterfahrschutz künftig an den äußeren Prüfpunkten einer Kraft von 100 Kilonewton (das entspricht einem Gewicht von rund 10 Tonnen) standhalten. Bisher waren es 50 kN. Weiter in der Mitte des Fahrzeughecks sind es sogar 180 statt bisher 100 kN. So ergeben sich bei einem Auffahrunfall auf den Lkw nach Auffassung von ADAC-Experten deutlich bessere Übelebenschancen für die Insassen. Allerdings können die Verbesserungen nur mit Verzögerung wirken. Sie gelten nicht für Bestandsfahrzeuge. Und es dauert wenigstens fünf Jahre, bis ein genügend großer Teil der alten Nutzfahrzeuge durch neue ersetzt wird.

Ein Vorteil der UNECE-Regulierung: Sie betrifft nicht nur Fahrzeuge aus der EU. Denn den verbindlichen UNECE-Vereinbarungen haben sich zahlreiche andere Länder, darunter Russland Weißrussland, die Türkei, Aserbeidschan und sogar Neuseeland angeschlossen.

Lkw-Auffahrunfälle: ADAC hofft auf mehr Berücksichtigung von Erkenntnissen

Ungelöst bleibt weiterhin die tödliche Gefahr, wenn ein Lkw auf einen oder mehrere Pkw auffährt. Zwar sind Notbremsassistenten für seit 2015 neu zugelassene Nutzfahrzeuge Pflicht, sie müssen aber die Geschwindigkeit nur um 10 km/h (für neue Lkw ab 2018 um 20 km/h) abbauen. Zu wenig, findet der ADAC und untermauert auch das mit einem Testergebnis: Ein leichter Lkw fährt dabei auf zwei hinter einem weiteren Nutzfahrzeug stehenden Pkw auf. Er wurde vorher auf 60 km/h abgebremst. Die Folge: Beide Pkw wurden völlig zerstört. Die Insassen haben so gut wie keine Überlebenschance. 

Das Auto ist ein Wrack. Doch die Insassen überleben dank kleiner Modifikation am Unterfahrschutz.

Dabei gibt es bereits weit wirksamere Assistenzsysteme, wie der ADAC bei Tests mit Lkw von Mercedes, MAN und Volvo feststellte, Auch bei künftigen Regulierungen könnten die Vereinten Nationen eine größere Rolle spielen. Und die Landsberger ADAC-Tester hoffen auf mehr Berücksichtigung ihrer Erkenntnisse. Diesen Dienstag waren bereits unter anderem UNECE-Exekutivsekretärin Olga Algayerova und Jean Todt, Präsident des internationalen Automobilverbands FIA, bei einem Arbeitstreffen in Landsberg, „einer Testeinrichtung“, wie Todt sagte, „für die Sicherheit und für Verbraucherinteressen nicht nur in Deutschland“.

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