Schönheit für alle: Beauty-Salon für Arme

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Paris - Paris, Hauptstadt der Mode, der Schönheit und des Luxus. Doch Schönheit soll kein Privileg der Reichen bleiben: Im Armutsviertel Goutte d'Or hat eine Edelfriseurin einen Schönheitssalon für mittellose Frauen eröffnet.

Arabische Halal-Metzger in blutbefleckten Kitteln schieben rohes Fleisch in Einkaufswagen über die Straße, eine alte Frau schreit Unverständliches aus dem Fenster, Hunde bellen. Das pinkfarbene Schild an der Tür des “Salon Joséphine“ wirkt in der Rue de la Charbonnière des 18. Arrondissement wie ein Objekt aus einer anderen Welt. “Für die Schönheit der Frauen“ steht auf der Glastür von Frankreichs erstem sozialen Schönheitssalon.

In den weiß-pink gestrichenen Räumen riecht es nach Nagellack und Zitronenshampoo. Drei Festangestellte und rund 30 Ehrenamtliche kümmern sich hier um Frauen, die sonst an sich selbst zuletzt denken: Arbeitslose, oft Mütter mit vielen Kindern und wenig Geld. Für die symbolische Summe von drei Euro bekommen die bedürftigen Frauen hier ein umfassendes Schönheitsprogramm: Sie lassen sich frisieren, schminken oder massieren, besuchen Yoga- oder Pilates-Kurse. Damit wirklich nur Mittellose von dem Angebot profitieren, wird das Einkommen der Frauen streng überprüft. Wer zu viel verdient, muss wieder gehen.

Nadia Hanouf ist etwas zu früh dran. Die 47-jährige Verlagskauffrau hat ihren ersten Termin im sozialen Beauty-Salon. “Ich warte gerne, ich habe ja Zeit“ sagt sie und lächelt etwas verlegen. Seit eineinhalb Jahren ist die Alleinstehende arbeitslos. In zwei Monaten wird sie keinen Anspruch mehr auf Arbeitslosengeld haben, dann bekommt sie nur noch 450 Euro Unterstützung im Monat. Wie das funktionieren soll, in einer Stadt in der eine 15-Quadratmeter-Wohnung mindestens 600 Euro Miete kostet?

Nadia weiß es nicht. Aber sie gibt die Hoffnung nicht auf, schickt weiterhin Bewerbungen, besucht Vorstellungsgespräche. Der “Salon Joséphine“ ist ihr dabei ein große Hilfe, hier kann sie vor den Gesprächen auch Kleider ausleihen, gestiftet von einer französischen Modemarke. “Der erste Eindruck ist extrem wichtig“, findet Nadia. Natürlich müsse man auch charakterlich überzeugen, aber das Erscheinungsbild öffne zunächst die Türen.

“Ich will Frauen helfen, die nicht die Mittel dazu haben, sich schön zu fühlen,“ sagt Lucia Iraci, Gründerin des sozialen Salons, “denn Selbstbild und Gemüt sind eng miteinander verbunden“. Iraci ist Friseurmeisterin und besitzt einen Edel-Salon im einem schicken Pariser Viertel. “Warum soll Schönheit ein Privileg reicher Frauen sein?“, hatte sie sich gefragt und vor einigen Jahren begonnen, einmal im Monat mittellose Frauen in ihrem Salon gratis zu frisieren.

Die Idee war zu gut, um klein zu bleiben. 2006 gründete Iraci die “Association Joséphine pour la Beauté des Femmes“, eine Stiftung für die Schönheit der Frauen. Sie bat Kosmetikfirmen und Modelabels um Produktspenden, rief Unternehmen und Einzelpersonen zur Unterstützung auf. Im März 2011 eröffnete sie den “Salon Joséphine“.

Kosmetikerin Anne Pellegrino fährt für ihre Arbeit bei “Joséphine“ dreimal die Woche aus der Normandie nach Paris. Sie hat im Fernsehen eine Reportage über das Projekt gesehen, wollte unbedingt mitmachen und gab dafür ihren Salon in Nordfrankreich auf. “Mir gibt die Arbeit hier sehr viel“, sagt die dreifache Mutter. “Oft kommen die Frauen mit traurigen Gesichtern hierher. Doch sie spüren schnell, wie gut der Salon ihnen tut, sie sprechen mit uns über ihre Probleme. Einen Tag lang sind sie die Prinzessinnen“.

Die 58-jährige Victoria lässt sich die Fingernägel lackieren. Dunkelrot, das wollte sie schon immer einmal ausprobieren. Sie ist vor 14 Jahren von der Insel Mauritius nach Paris gekommen, kurz darauf starb ihr Mann. Seitdem arbeitet sie eine Stunde am Tag als Putzfrau, dafür bekommt sie zehn Euro. Sie hat kein Recht auf staatliche Unterstützung, nur eine Aufenthaltserlaubnis und wohnt bei einer Freundin. “Ich komme schon klar“, sagt Victoria und lächelt.

Sie erzählt von früher, als sie eine schöne junge Frau war, mit langen schwarzen Haaren. Je älter man werde, desto mehr müsse man investieren, doch dafür bleibe einfach zu wenig Geld. Aber seit es den Salon “Joséphine“ gibt, kann sie sich den kleinen Luxus der Schönheit wieder leisten. “Ich fühle mich wunderbar, wenn ich aus dem Salon komme. Auch meine Freunde haben die Veränderung bemerkt“. Sie freut sich schon auf den nächsten Monat: Dann wird sie sich bei “Joséphine“ eine Massage gönnen.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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