Maß nehmen an Tschernobyl - Passt "Sarkophag" für Fukushima?

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ARCHIV - Blick auf das Atomkraftwerk Tschernobyl (Archivfoto vom 19.04.2010). Nach der Katastrophe wurde der Reaktor mit einem Betonmantel abgeriegelt - dem sogenannten " Sarkophag".

Kiew - Angesichts der Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima Eins ziehen japanische Ingenieure einen "Sarkophag" wie in der Ukraine in Erwägung. Doch der Weg dorthin wäre weit.

Bedrohlich ragt das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl rund 75 Meter hoch in den Himmel. Der "Sarkophag" ist auch ein Mahnmal, das an die Höllenkräfte einer außer Kontrolle geratenen Kernenergie erinnert. Seit der verheerenden Reaktor-Katastrophe vor knapp 25 Jahren gilt der hässliche Betonklotz als bekannteste Ruine der Ex-Sowjetrepublik.

Damals bauten Techniker nach der Kernschmelze und anschließenden Explosion innerhalb von sechs Monaten einen riesigen "Sarkophag" um den havarierten Meiler, um die tödliche Strahlung zu stoppen. Bei dem schwerst beschädigten japanischen AKW Fukushima Eins wird nun ebenfalls ein solcher Schutzmantel erwogen. Dies wäre aber erst möglich, wenn Hitze und akute Strahlung abgeklungen sind. Zumindest wird in Fukushima mit jedem Tag, den die Einsatzkräfte eine komplette Kernschmelze verhindern, eine Explosion wie in Tschernobyl unwahrscheinlicher.

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Mit 7000 Tonnen Blei und 300 000 Tonnen Beton hatten "Freiwillige" nach der Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 den zerstörten Reaktorblock verschlossen. Tausende Arbeiter - vor allem Soldaten und Kranführer in bleiverkleideten Kabinen - erlitten dabei schwere Gesundheitsschäden. Unzählige Hubschrauberflüge waren nötig. Auch ferngesteuerte Technik wurde eingesetzt. Doch Konstruktion und Zustand des "Sarkophags" beunruhigen seitdem die Experten. Regen, Frost und Sturm setzen der damals von der Sowjetunion ohne ausreichende Planung errichteten Hülle zu. Risse durchziehen den Mantel. Zudem stützt sich die Konstruktion auf die Reste des Blocks, von denen keiner weiß, wie stabil sie sind.

Nach der bislang schwersten Katastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie lagern noch immer rund 200 Tonnen Brennstoff als radioaktiver Trümmerberg hinter 15 Meter dickem Beton. Bräche die Schutzhülle, würde eine strahlende Wolke aufsteigen. Experten favorisieren daher den Bau einer stabilen Hülle für die nächsten 100 Jahre, allerdings kostet das Projekt mindestens 900 Millionen Euro - zu viel für die verarmte Ukraine. Zuletzt bewilligte die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung 195 Millionen Euro für die Sanierung des "Sarkophags". Bereits für das Abschalten des letzten der insgesamt vier Blöcke Ende 2000 hatte Kiew EU-Ausgleichszahlungen erhalten.

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"Die Sicherheit Europas und der Welt hängt nicht an den funktionierenden Reaktorblöcken, sondern an dem einen zerstörten", mahnte die ukrainische Wochenzeitung "Serkalo Nedeli" einmal. Der "Sarkophag" sei eine "tickende Zeitbombe". An die Sicherheit der Anlage in Tschernobyl sollen übrigens nicht einmal sowjetische Experten geglaubt haben.

Lange vor der Katastrophe von 1986 hätten sie vor Mängeln gewarnt, berichtet das Magazin "Der Spiegel" unter Berufung auf bisher unveröffentlichte Sitzungsprotokolle der Kreml-Führung. Die damaligen Appelle, Atomanlagen abzuschalten, seien von der Führung in Moskau aber nicht erhört worden.

Nach Schätzungen des Zentrums für Umweltpolitik in Russland leidet die Ex-Sowjetrepublik Ukraine wie auch das benachbarte Weißrussland "noch in 150 Jahren" an den Folgen der Katastrophe von 1986.  

Von Wolfgang Jung, dpa

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