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Nicht der erste Milliardär

Nach Flug ins All: Jeff Bezos setzt „ein Zeichen grotesker Ungerechtigkeit“

Jeff Bezos erfüllt sich einen Traum und fliegt ins All. Doch die Kritik ist groß. Der Grund: Soziale Ungerechtigkeit und fehlende Rücksicht auf das Klima.

New York – Kurz bevor Amazon-Gründer Jeff Bezos seinen Kurz-Trip ins All wagte, hat sich der Milliardär Richard Bransons regelrecht dazwischen gedrängelt. Zehn Tage vor dem angekündigten Weltraum-Ausflug flog der Brite mit seinem Raumschiff „VSS Unity“ ins All. Doch die Kritik daran wird immer lauter, während zwischen 720 und 811 Millionen Menschen weltweit nicht genügend Nahrung haben, liefern sich die Milliardäre einen Wettlauf, wer früher die Erde verlassen kann – und das aus Spaß. Ein Musterbeispiel für soziale Ungerechtigkeit?

UnternehmerJeff Bezos
Vermögen205 Milliarden
Größe1,71 m
Alter57 Jahre

Bezos will dennoch nachziehen – aber das schlagzeilenträchtige Milliardärs-Wettrennen rund um die Erfüllung eigener All-Träume und die lukrative Spitzenposition im Geschäft mit dem Weltraumtourismus bekommt starken Gegenwind von Kritikern, die egoistische Geldverschwendung ohne Rücksicht auf das Klima und weitgehend ohne wissenschaftliche Forschungsinteressen anmahnen.

Ein Blick aus dem Raumflugzeug “VSS Unity“ auf die Erde.

Milliardäre im All: „Kein Fortschritt, sondern groteske Ungerechtigkeit“

„Dass Milliardäre ins All fliegen, ist kein Zeichen von Fortschritt“, schrieb der frühere US-Arbeitsminister Robert Reich auf Twitter. „Es ist ein Zeichen von grotesker Ungerechtigkeit, die es einigen wenigen erlaubt, die Erde zu verlassen, während der Rest der Menschheit leidet.“ 

Der Chef des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen, David Beasley, rief Branson und Bezos auf, sich neben ihren Weltraum-Abenteuern auch für die Hunger leidenden Menschen auf der Erde einzusetzen. Das Vermögen von Jeff Bezos beträgt rund 205 Milliarden Euro. Der globale Durchschnitt einen Menschen pro Tag zu ernähren liege weltweit bei rund 0,67 Euro.

Kritik wegen fehlender Rücksicht auf das Klima

Auch die fehlende Rücksicht auf das Klima wird immer wieder kritisiert. Die Raumfahrt gehört zu den emissionsreichsten Unternehmungen der Menschheit, was von den zuständigen nationalen Behörden immer vor allem mit dem überbordenden Forschungsinteresse begründet wird.

Auch die privaten Raumfahrtfirmen geben solche an, in allererster Linie geht es jedoch um Tourismus. Bei den Weltraumflügen von Branson und Bezos handelt es sich zudem um Erfüllung von Kindheitsträumen und nicht um Wissenschaft.

Flug ins All und Gründung von Blue Origin: Amazon-Gründer Bezos hegt seinen Weltraum-Wunsch seit dem 5. Lebensjahr

„Seit meinem fünften Lebensjahr träume ich davon, ins All zu reisen“, sagt der 57-jährige Bezos. Schon vor rund 20 Jahren gründete der nach Angaben des Magazins „Forbes“ reichste Mensch der Welt deswegen die Raumfahrtfirma Blue Origin. Im Westen des US-Bundesstaates Texas hat Blue Origin in den vergangenen Jahren das Raumschiff „New Shepard“ entwickelt und getestet.

Bemannt ist die „New Shepard“ bislang noch nie geflogen – nun soll das symbolträchtig nach dem ersten US-Amerikaner im All, Alan Shepard, benannte Raumschiff auf den Tag genau 52 Jahre nach der ersten Mondlandung erstmals mit Menschen an Bord starten.

Seit dem fünften Lebensjahr will Jeff Bezos (2.v.l.) ins All fliegen.

Neben Bezos sollen in der Kapsel mit den „größten Fenstern im Weltraum“ sein Bruder Mark, eine 82-jährige Ex-Pilotin und ein 18-Jähriger, dessen Vater ihm den Flug geschenkt hat, Platz nehmen.

Bezos Flug ins All: Astronautin Wally Funk: 82-Jährige ältester Mensch im All aller Zeiten

Die 82-jährige Wally Funk wäre der älteste Mensch, der je ins All geflogen ist - der 18-jährige Oliver Daemen der jüngste. Daemens Vater, der niederländische Investment-Banker Joes Daemen, hatte bei der Auktion für den vierten Platz an Bord der „New Shepard“ im Juni mitgemacht, war aber überboten worden.

Der Sieger der Auktion, der 28 Millionen Dollar geboten hatte und zunächst weiter anonym bleiben wollte, könne wegen eines „Terminkonflikts“ diesmal nicht dabei sein und werde zu einem späteren Zeitpunkt starten, hieß es. Wie viel Geld Daemen nun für den Flug gezahlt hat, wurde allerdings nicht mitgeteilt.

Weltraum-Trip von Jeff Bezos mit der „New Shepard“ dauert rund zehn Minuten

Nach dem Start soll das Raumschiff „New Shepard“ innerhalb von zwei Minuten auf mehr als 3700 Kilometer pro Stunde beschleunigen. Nach drei Minuten soll die Schwerelosigkeit einsetzen, bevor die dann abgetrennte Kapsel ihren höchsten Punkt in mehr als 100 Kilometer Höhe über der Erde erreicht. Danach soll sie wieder in die Erdatmosphäre eintreten und durch große Fallschirme abgebremst in der texanischen Wüste landen. Insgesamt soll der Trip rund zehn Minuten dauern.

Richard Branson war mit seinem Raumschiff „VSS Unity“ als Tourist im Weltraum.

Der Internationale Luftfahrtverband (FAI) und viele andere Experten sehen 100 Kilometer über der Erde als Grenze zum Weltraum an, es gibt jedoch keine verbindliche internationale Regelung. Branson war mit der „VSS Unity“ in eine Höhe von etwa 86 Kilometern aufgestiegen. Zum Vergleich: Die Internationale Raumstation ISS fliegt rund 400 Kilometer über der Erdoberfläche.

Dennis Tito erster Tourist im All

Branson war aber nicht der erste Tourist im All: Mehrere andere Unternehmen und Raumfahrtbehörden haben bereits Reisende in den Weltraum gebracht. 2001 hatte der US-Unternehmer Dennis Tito eine Woche auf der Internationalen Raumstation verbracht und dafür rund 20 Millionen Dollar bezahlt, er gilt als erster Weltraum-Tourist. Es folgten rund ein halbes Dutzend weitere private ISS-Besucher.

Dennis Tito (l.) war der erste Weltraum-Tourist allerzeiten.

Aber trotz großer Hoffnungen und Erwartungen kam bislang nicht so richtig Schwung in die All-Ausflüge. Entwicklung und Durchführung einer Raumfahrt-Mission sind mit großen Sicherheitsrisiken verbunden und extrem teuer, sodass sie bislang nur ausgebildeten Professionellen und – top fitten – Superreichen vorbehalten schienen. Das wollen unter anderem Branson, Bezos und auch ein weiterer Milliardär, SpaceX-Gründer Elon Musk, nun ändern. Die deutlich günstigeren Kurzausflüge von Blue Origin und Virgin Galactic könnten dabei sogar eine Art Massentourismus möglich machen.

Blue Origin: Weltraumfahrt wie Transatlantikflug

Der Flug mit der „VSS Unity“ sei in Sachen Kohlendioxid-Ausstoß in etwa vergleichbar mit einem Hin- und Rück-Transatlantikflug, zudem würden Klima-Ausgleiche durchgeführt, heißt es von Virgin Galactic – das ist allerdings weder von unabhängigen Experten geprüft noch verifiziert. Blue Origin gibt an, dass die „New Shepard“ mit Wasserstoff betrieben werde und deswegen kein Kohlendioxid ausstoße – die Produktion von Wasserstoff tut dies allerdings doch.

Angesichts akut beispielsweise von extremen Hitzewellen und Bränden im Westen der USA und der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands, aber auch der Corona-Pandemie sendeten die All-Abenteuer der Millionäre kein gutes Zeichen, kommentierte der US-Nachrichtensender CNN.

„Dies scheint ein merkwürdiger Moment für die reichsten Menschen der Welt, ihre ungeheuerlichen Mittel für eine Unternehmung einzusetzen, die keinen sofortigen Nutzen für den größten Teil der Gesellschaft hat.“ * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © dpa/Uncredited

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