Erdbeben, Regen, Cholera: Haitis Leiden ohne Ende

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Haiti kommt nicht zur Ruhe - jetzt bedroht die Cholera den Inselstaat.

Port-au-Prince - Nach dem Erdbeben die Cholera: Haiti droht die nächste Katastrophe. Die gefährliche Krankheit brach nördlich des Erdbebengebiets aus. Helfer berichten von dramatischen Szenen und großem Leid.

Die neue Katastrophe trifft Haiti ziemlich überraschend. Zu Beginn des Jahres hat die Haitianer ein fürchterliches Erdbeben heimgesucht. Sie hofften in dieser Woche eigentlich nur darauf, dass bald die Regenzeit zu Ende geht, die zurzeit fast täglich die Obdachlosenlager mit ihren insgesamt etwa 1,5 Millionen Bewohnern überschwemmte. Doch jetzt werden die Haitianer von der Cholera bedroht, einer Krankheit, die seit mehr als hundert Jahren nicht mehr in dem Karibik-Land aufgetreten ist.

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Nach dem Erdbeben im Januar sind zahlreiche Katastrophenszenarien für Haiti entworfen worden. Hungersnöte, durch Mücken übertragene Dengue-Erkrankungen, sintflutartige Überschwemmungen und vor allem die Zerstörung der Lager durch Hurrikane. Nichts dergleichen ist eingetreten. Aber jetzt haben sich Einwohner am Fluss Artibonite in einem Gebiet, rund 80 Kilometer nördlich der Erdbebenzone, mit der schlimmen Seuche Cholera infiziert.

Schnell trat ein, was die rasch eingreifenden internationalen Hilfsorganisationen befürchtet hatten. Am Samstag wurden die ersten Fälle aus der Hauptstadt Port-au-Prince gemeldet. Aus Sicht der Helfer wäre es eine Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes, wenn die Obdachlosenlager erfasst würden. Bisher wurden die eingeschleppten Fälle isoliert.

Die Menschen in der betroffenen Provinz am Fluss Artibonite waren sich offenbar recht schnell darüber im Klaren, was geschehen ist und woher die Gefahr droht, die bis zum Sonntag mehr als 200 Menschen dahinraffte. Ein Team der Hilfsorganisation Operation Blessing war schon am Freitag früh im Gebiet Artibonite unterwegs.

Ihr Direktor David Darg in Haiti berichtete: “Am Krankenhaus von Saint-Marc erlebten wir den reinen Horror. Ich musste mich durch eine riesige schreiende Menschenmenge quälen, die versuchte, ihre sterbenden Angehörigen in das Gebäude zu bringen. Im regennassen Hof lagen bereits zahlreiche Patienten. Kinder weinten in Agonie, andere, mit weit aufgerissenen Augen, bewegten sich nicht mehr, als Ärzte verzweifelt versuchten, sie zu behandeln. Das Hospital war überwältigt und plötzlich gefangen vom schnellsten Killer, den es gibt: der Cholera.“

Die Helfer von Operation Blessing machten sich auf den Weg zu dem Ort, aus dem die meisten Kranken nach Saint-Marc kamen; denn sie vermuteten, dass die Krankheit dort ausgebrochen war. “Die Straßen waren voll von Menschen, die um Wasser bettelten“, hieß es in dem Bericht. “Einmal wurden wir zum Anhalten gezwungen. Die Menschen hatten ein kleines Kind, das kurz davor war, zu sterben. Wir konnten mit einer Infusion helfen. Seine Mutter, die ein anderes Baby im Arm trug, sagte dass ihr Mann am Vortag gestorben sei.“

Später erreichten die Helfer Babou La Port, von wo die meisten Infizierten in Saint-Marc stammten. Dort begannen sie mit der Arbeit, trennten Gesunde von Kranken und installierten Geräte zum Reinigen von Wasser.

Durchfallerkrankungen sind in Haiti alltäglich. Die Infizierten legten sich in den vergangenen Tagen hin, wie sonst auch - in der Erwartung, dass es ihnen schnell bessergehen werde. “Ein Haitianer mag sich hingelegt haben, um, wie sonst auch, schnell zu genesen“, schrieb David in dem Bericht weiter, “aber er war innerhalb von Stunden tot.“

Die haitianische Innenpolitik wurde auch schon aktiv in der Region. Ende November sind Präsidentenwahlen und so sind Werbefahrzeuge der Kandidaten lärmend im Lande unterwegs. Von den mit Plakaten beklebten Trucks warfen die Wahlkämpfer kleine Plastiksäckchen mit Wasser in die dürstende Menge.

Von Franz Smets, dpa

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