Deutscher fliegt in Moskau "zum Mars und zurück"

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Das Team um den Deutschen Oliver Knickel (3.v.l.), das an dem Experiment in moskau teilnahm.

Moskau - Ein kleiner Schritt für Oliver Knickel , ein großer Sprung für die Forschung: Nach 105 Tagen weitgehender Isolation stieg der Bundeswehr-Hauptmann Knickel am Dienstag in Moskau lächelnd aus einem nachgebauten Raumschiff.

Zunächst gab es Blumen von jungen Russinnen, dann Gratulationen von Mitarbeitern des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR. Seit Ende März hatte der 29-Jährige im Institut für biomedizinische Probleme (IBMP) mit vier Russen und einem Franzosen Teile eines mehr als 50 Millionen Kilometer weiten Flugs zum Mars simuliert. "Jetzt haben wir eine Menge Erkenntnisse für nächste Missionen", freute sich DLR-Chef Johann-Dietrich Wörner. Im März soll in Moskau ein weiterer Test starten, dann für 520 Tage.

Pünktlich um 1200 MESZ war das Siegel vor der Luke des röhrenförmigen Modells zerschnitten worden, und die in blaue Overalls gekleidete Crew wurde von Wissenschaftlern in Empfang genommen. "Kapitän" Sergej Rjasanski erstattete den IBMP-Forschern Bericht, dann stellte sich die Crew winkend den Journalisten. Dabei war die "Landung" völlig anders als bei sonstigen russischen Missionen: Hier schlagen Sojus-Kapseln oft hart in der kasachischen Steppe auf. Aber die holzvertäfelten Container rührten sich ja auch in Wirklichkeit keinen Millimeter von der Stelle. "Da ist Fantasie gefragt", hatte der gebürtige Düsseldorfer Knickel vor dem "Start" eingeräumt.

Gelangweilt habe man sich selten, schrieb Knickel in ein Tagebuch, das die Crew führte. Einmal feierten die Männer den Geburtstag des Deutschen, ein anderes Mal brachte Rjasanski seinem "Co-Kosmonauten" Cyrille Fournier das Walzertanzen für dessen Hochzeit im August bei. Bei einer solchen Reise lerne man "nicht nur den Mars, sondern auch den Menschen" besser kennen, schrieb der Franzose in Anspielung auf die räumliche Enge in dem 550 Kubikmeter großen Modul. Nachdenklich wurde der Air-France-Pilot auch nach dem Absturz des französischen Airbus mit 228 Menschen vor Brasilien Anfang Juni, über den ihn die Moskauer "Bodenstation" informierte. "Leben bedeutet Risiko, und Experimente wie das unsere sollen helfen, das Risiko zu verkleinern."

Obwohl man in dem Modul zum Beispiel auf Schwerelosigkeit verzichtete, soll das Langzeit-Experiment laut Wörner Wissen für eine echte Mission zum Roten Planeten "in 30 bis 40 Jahren" bringen. In der Realität würde eine solche Reise wahrscheinlich fast zwei Jahre dauern. Wie bei "Big Brother" übertrugen Kameras in dem fensterlosen Container das Geschehen in einen benachbarten Kontrollraum. Der nahezu isolierte Alltag wurde unter anderem von Forschern der Universität Erlangen überwacht. An dem rund 15 Millionen Euro teuren Experiment war auch die Europäische Weltraumbehörde ESA beteiligt.

Für den Test hatte sich Knickel gegen 5600 Bewerber durchgesetzt. In das "Raumschiff" hatte er auch russischsprachige Bücher mitgenommen, um die von seiner russischstämmigen Freundin erworbenen Sprachkenntnisse zu verbessern. Bei einer Pressekonferenz am Dienstag sprach der sonst in Eschweiler bei Aachen stationierte Soldat bereits wesentlich besser Russisch als vor dem Test. Den "Sprachkurs" werde die DLR aber Knickel nicht in Rechnung stellen, scherzte Wörner. 

Von Wolfgang Jung, dpa 

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