Frisches Blut statt altem Rom

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Als willkommene Abwechslung zum Besichtigen antiker Überreste machen sich Rom-Besucher auch auf die Spuren von „Illuminati“

Die Piazza del Popolo in Rom um halb zehn Uhr morgens: Männer mit weißen Hemden und dunklen Krawatten suchen nach Taxen, zwei junge Touristinnen suchen im Stadtplan, wo sie überhaupt sind und Petra Kuhn sucht einen Mörder, besser: Den Mörder. Denn vier Stunden wird sie nun mit ihrem Mann sowie Axel und Brigitte aus Idar-Oberstein den mysteriösen Mörder aus dem Dan Brown Roman „Illuminati“ an die Spielorte verfolgen. Und nebenher will sie ganz Rom erkunden.

 „Wir begeben uns jetzt auf den Pfad der Erleuchtung“, sagt der Vierstunden-Reiseführer Ewout Kieckens verschwörerisch zur kleinen Gruppe, von der doch alle eine Sonnenbrille tragen. Sei's drum, der „Pfad der Erleuchtung“ ist jener, den im Buch „Illuminati“ der gestresste Wissenschaftler Robert Langdon durch Rom entlanghetzt. Langdon soll verhindern, dass der Vatikan durch Antimaterie ausgelöscht und vier Kardinäle verbrannt, ertränkt oder erstickt werden. Der Weg führt ihn durch Kirchen und die berühmtesten Plätze der Stadt. Als Wegweiser dient auch mal ein Pfeil, gehalten von einem lieblichen Barockengel. Nun will sich die Gruppe auf die Suche machen.

Der smarte Führer Ewout Kieckens ist Journalist und hat schon mehrere Bücher über den Papst geschrieben, nun aber hat er festgestellt, dass sich die Phantasien von Dan Brown viel besser verkaufen, als die trockene Kirchenwirklichkeit. „Sehr überrascht“ sei er von der großen Nachfrage, er sucht sogar neues Personal. Auch andere Agenturen bieten „Angels and Demons“ -Touren an, Kunden wie „Mr. and Mrs. Schacherl, USA“ hinterlassen begeisterte Kommentare im Internet: „Unsere ganze Familie hat das Buch gelesen, das war die beste Möglichkeit, Rom kennenzulernen.“

Petra Kuhn geht es wie dem Ehepaar Schacherl. Sie hat „Illuminati" „fast in einem durch“ gelesen, wie sie sagt jetzt steht sie an jener Stelle, wo nach Dan Brown der erste Kardinal dran glauben muss, in einer Seitenkapelle der Kirche Santa Maria del Popolo. Im Hauptschiff warten ein paar dutzend Polizisten auf den alljährlichen Polizeigottesdienst, unterdessen liest Ewout Kieckens vor, wie hier der bedauernswerte Kardinal mit Erde erstickt und senkrecht in den Boden eingegraben wird. Kieckens deutet auf ein Mosaik in dem ein geflügeltes Skelett einen Schutzschild hält. Petra Kuhn stößt ihren Mann an und flüstert: „Das kommt doch auch im Buch vor!“

Der Reiz der Tour ist, an den Spielorten zu stehen, nur manchmal steht man völlig falsch. Nach Dan Brown sollte zum Beispiel hier, wo gerade der Stadtverkehr um die Piazza Barberini kreist, auch die Kirche Santa Maria della Vittoria stehen. „Aber hier ist keine Kirche“, sagt Ewout Kieckens grinsend. Die Gruppe trabt einen Häuserblock weiter und da steht sie, und dort hinten ist auch der Engel, der laut Buch mit dem Pfeil zur Piazza Navona weist, wo der nächste Kardinal ermordet wird. Tatsächlich weist der Pfeil irgendwo in Richtung Olympiastadion von Rom. Was nicht passt, machte Dan Brown passend.. „Das ist eben eine andere Herangehensweise“, meint Tourist Axel Couradt, „das ist halt Infotainment“.

 Im Vatikan ist es genau das, was die Monsignori und Prälaten mal belustigt, mal verärgert, der Mix zwischen Dichtung und Wahrheit. Beim "Da Vinci Code" protestierten manche hochrangige Kirchenbedienste laut, und bewarben damit kostenfrei den Film, nun schweigt man. „Ach kann ich da nicht einfach gar nicht zu sagen?“ seufzt ein Prälat ins Telefon und tut genau das. Auch die Trattorien rund um den Vatikan springen nicht auf den Illuminati-Zug auf. Pizza Dan Brown und Freimaurerspaghetti gibt es bislang nicht.

Vier Stunden später, Petra Kuhn und die kleine Gruppe stehen auf dem Petersplatz und schauen hoch zur Kuppel. Im Buch würde jetzt weit über ihren Köpfen ein Hubschrauber mit Antimaterie explodieren, in der Wirklichkeit ist jetzt die Führung aus und die Sonne scheint harmlos. „Das war spannend“ sagt Petra Kuhn, „mal was ganz anderes“. Mehr besichtigen will sie heute nicht mehr. „Jetzt machen wir noch dolce vita“. Kein Blut, keine Steine, einfach Eis und Cappuccino.

Von Martin Zöller

Bilder aus dem neuen Kinofilm "Illuminati"

Bilder aus dem neuen Illuminati-Film

Rubriklistenbild: © zöller

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