Rekonstruktion einer blutigen Nacht

„Wie starb Benno Ohnesorg?“ Viele Fragen offen

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Benno Ohnesorg am 02.06.1967 umringt von Helfern des Roten Kreuzes bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus, wo er kurze Zeit später verstarb.

Ein Schuss mit vielen Folgen: Vor 50 Jahren wird Benno Ohnersorg in Berlin von einem Polizisten getötet. Bis heute sind dazu noch viele Fragen offen, wie eine ARD-Dokumentation zeigt.

Berlin - Am Morgen danach ist auf dem Hinterhof der Krummen Straße 66-67 in Berlin der Kreideumriss eines Körpers gezeichnet. Wenige Stunden zuvor, am Abend des 2. Juni 1967, liegt hier auf dem Pflaster Benno Ohnesorg. Er verblutet, getroffen von einer Pistolenkugel. Etwa eine Stunde nach dem Schuss ist der Germanistik-Student tot, Opfer eines schießwütigen Polizisten und einer damals noch quicklebendigen Kasernenhofmentalität in der Berliner Polizei.

„Wie starb Benno Ohnesorg?“, eine Koproduktion des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB) und des Hessischen Rundfunks (HR), rekonstruiert, wie die Demonstrationen gegen den Besuch des persischen Schahs Reza Pahlavi und seiner Frau Farah Diba zur Blutnacht an der Deutschen Oper eskalierten. Sie läuft an diesem Montag (29. Mai) zu später Stunde um 23.45 im Ersten Programm.

Noch am Abend des 2. Juni, als die Nachricht von Ohnesorgs Tod durchsickert, versammeln sich die Studenten zum Protest. Es ist der Anfang einer Bewegung, die bald die ganze Republik erfassen wird. Das Entsetzen über Ohnesorgs Tod gibt der Außerparlamentarischen Opposition (APO) Auftrieb. Die Wut legt auch die Saat für den Terror der „Bewegung 2. Juni“ und der „Roten Armee Fraktion“.

Mit detektivischem Spürsinn gehen Margot Overath, Uwe Soukup und Klaus Gietinger in ihrer Dokumentation der Frage nach, wann der Schuss aus der Pistole des Polizisten Karl-Heinz Kurras fiel, wie die Tat vertuscht und der Täter später freigesprochen wurde.

Zwar sind die Umstände um Ohnesorgs Schicksal in groben Zügen aufgeklärt. Zuletzt wurde der Fall 2009 wieder aufgerollt, als bekannt wurde, dass die DDR-Staatssicherheit Kurras, Sohn eines ostpreußischen Polizeibeamten und einstiger Wehrmachtsoldat, als Stasi-Agent in die West-Berliner Polizei eingeschleust hatte.

Doch viele Ungereimtheiten blieben: Warum schoss Kurras, obwohl er entgegen seiner Darstellung nachweislich nicht bedroht war? Weshalb war im Obduktionsbericht von „Schädelverletzung“ bei „stumpfer Gewaltanwendung“ die Rede? Von einem tödlichen Schuss ist dort nichts zu lesen. Und warum verschwand die Todeskugel?

Für ihren Film haben die Autoren Zeitzeugen befragt, Filmmaterial und Fotos unter die Lupe genommen, Archive durchforstet. Das Ergebnis ist die Rekonstruktion eines dramatischen Tages, an dem der Schah von Persien vom sozialdemokratischen Bürgermeister, dem Pfarrer Heinrich Albertz, mit Ehren empfangen und danach in „Die Zauberflöte“ begleitet wurde.

Die Dokumentation liefert auch ein Porträt der Berliner Polizei, die sich damals als mitten im Kalten Krieg als militärischer Verband verstand und der noch viele frühere Wehrmachtssoldaten angehörten. Schon vor den Demonstrationen gegen den Schah hatte Polizeipräsident Erich Duensing mit der Warnung vor einem „Studentenkrieg“ die Lage angeheizt.

Zu den Zeugen jenes Tages gehört Hans Brombosch, der als Achtjähriger von seiner Wohnung nahe der Deutschen Oper aus sah, wie Kurras mit seiner Pistole auf Ohnesorg zueilte. Das rote Hemd, das Ohnesorg an dem Tag trug, blieb ihm in Erinnerung - und wurde dem Studenten wohl zum Verhängnis. Zusammen mit anderen Demonstranten war er von der Anti-Schah-Demo vor der Polizei in den Hinterhof geflüchtet. Wie der damalige Medizinalassitent Götz Friedenberg berichtet, fiel ihm Ohnesorg in seinem bunten Hemd sofort auf - und wohl auch der Berliner Polizei und dem als „Greifer“ in Zivil eingesetzten Kurras.

Auch der Chirurg Arlan Schmidt demonstrierte damals mit. Heute ist er sich sicher: Ohnesorgs Leiche wurde manipuliert. Nur so lasse sich das große Loch im Schädel erklären. Daraus seien Teile herausgebrochen worden, um die Kugel zu entfernen. Am Tag danach durchsuchte die Polizei auch das Krankenhaus Moabit nach Knochenresten - ohne Erfolg.

Auch der Prozess strotze vor Versäumnissen. Beweismittel seien verschwunden, beteiligte Polizisten hätten sich plötzlich an nichts erinnern können, berichtet Otto Schily, der in seinem ersten politischen Prozess damals Ohnesorgs Vater vertrat.

Was aber viele heute als politisches Fanal für die Studentenbewegung sehen, bleibt für Lukas Ohnesorg eine Familientragödie. „Schade, dass ich ihn nie kennegelkernt habe“, sagt Benno Ohnesorgs Sohn. Seine damals schwangere Mutter Christa war ebenfalls auf der Demonstration - ging aber Hause, bevor die Kurras auf seinen Vater schoss.

dpa

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