Vier Tage Arbeit für vier Minuten Film

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Als Deutschlands „Kältepol“ ist der Funtensee im Nationalpark Berchtesgaden durch Jörg Kachelmann bekannt geworden. „Wenn man im Herbst und Winter vom Haus zum See runtergeht, ist es, als würd’ ma a Watschn kriang“, weiß Sigi Hinterbrandner, der Wirt vom Kärlingerhaus zu berichten.

Schönau am Königssee - Minus neun Grad zeigt das Thermometer am Funtensee. Die Nacht war sternenklar.

Das graue, fahle Licht des Morgens und der Rauhreif, der das Gras und die Bäume überzieht, lassen die Landschaft aussehen wie ein tristes Schwarz-Weiß-Foto. Die Felsen und Steine, die eigentlich schon gelb gefärbten Lärchen, das Schilf, das Gras und der See, dessen Rand schon eine Eisschicht überzogen hat – alles erscheint im selben kalten, bläulich-weißen Grau und lässt den Betrachter erschaudern.

Mit Stopps für Dreharbeiten und unhandlichem, schwerem Gepäck hat das Filmteam sechs Stunden für den Aufstieg zum Kärlingerhaus im Nationalpark Berchtesgaden benötigt. Bei der Ankunft begann es bereits zu dämmern. v.l.: Nationalpark-Ranger Wolfgang Palzer, Moderator Klas Bömecke, Redakteur Gregor Mahringer und Kameramann Oliver Korać.

Plötzlich wird die Stille gestört. Lautes Knirschen des hart gefrorenen Schnees unter den Stiefeln von fünf Männern, die strammen Schrittes vom Kärlingerhaus zum Funtensee hinabsteigen, durchdringt die Stille. Die Männer gehören zu einem Filmteam, das für das Wissensmagazin „Galileo“ dreht. Für die Reihe „Deutschland – Deine extremsten Orte“ haben die vier jungen Männer den kältesten Ort der Republik aufgesucht. Begleitet werden sie vom Nationalpark-Ranger Wolfgang Palzer.

Die Männer haben Glück: es ist Mitte Oktober und es sind gerade Mal minus neun Grad am Funtensee. Einer der extremsten Orte in Deutschland. Das ist es, was sie gesucht haben. Es ist ein komisches Bild, das die Gruppe inmitten der eiskalten Hochgebirgslandschaft abgibt. Die Männer gehen ständig scheinbar ziellos auf und ab, bleiben am Ufer des Sees stehen, man unterhält sich, einer deutet auf die umliegenden Berge, auf den See, erklärt den anderen offenbar etwas. Ein anderer geht zum Wasser, zerschlägt die dünne Eisschicht, taucht die Hand hinein.

Dreharbeiten an Deutschlands Kältepol, dem Funtensee im Nationalpark Berchtesgaden. Das Fernsehteam musste bei minus neun Grad ausharren.

„Man könnte in die Totale zurückspringen“, „Geht schon mal weiter, ich mach hier noch `nen beauty shot“, „Hier machen wir noch mal das pick up mit dem Thermometer“ – es sind ungewöhnliche Sätze, die über den stillen See hallen. Normalerweise fachsimpeln die Menschen, die hier entlanggehen, über Wanderrouten und die umliegenden Berge, und das in einer deutlich geringeren Lautstärke. Vielleicht bleibt der ein oder andere stehen, setzt sich am Ufer nieder, lässt die großartige Landschaft auf sich wirken und genießt die Ruhe. Nicht so die Leute vom Fernsehen.

Bis die Szene so im Kasten ist, wie sich das Redakteur Gregor Mahringer vorstellt, kann es schon sein, dass Moderator Klas Bömecke vier Mal das Thermometer vom Boden aufheben und in die Kamera halten oder zusammen mit Ranger Wolfgang Palzer mehrmals die gleiche Wegstrecke zurücklegen muss. Es ist ein ständiges Hin und Her. Dafür sind die Sinne der Filmleute für andere Dinge geschärft. Ranger Wolfgang hat sich auf dem Weg zum See seine Mütze aufgesetzt, und zwar als die Kamera gerade mal nicht lief. „Ähm, Wolfi, die Mütze müsstest Du bitte wieder abnehmen. Vorhin haben wir Dich ohne gefilmt, da sieht das komisch aus, wenn Du sie in der nächsten Szene plötzlich aufhast. Du kannst Sie aufziehen, wenn Du mit dem Klas sprichst und wir das aufnehmen“, erklärt ihm Gregor.

Der Wirt vom Kärlingerhaus, Sigi Hinterbrandner (2.v.l.), machte dem Filmteam den Aufenthalt an einem der extremsten Orte Deutschlands so angenehm wie möglich. Für den Beitrag erzählte er Moderator Klas Bömecke aus seinem Leben als Hüttenwirt.

Alles klar, so macht es Wolfgang dann auch. Mit Klas marschiert er am See entlang, setzt sich die Mütze auf, während er Klas’ Fragen beantwortet. Vor den beiden laufen Kameramann Oliver Korać, per Kabel verbunden mit Kamera-Assistent Rolf Martens, und Redakteur Gregor Mahringer. Eine wacklige Angelegenheit, auf dem steinigen Weg rückwärts zu laufen, noch dazu mit unhandlichem Gepäck auf den Schultern und in den Händen. Klas und Wolfgang gehen direkt ans Ufer. Der Nationalpark-Ranger erklärt das „Phänomen“ Funtensee: „Der Funtensee liegt 75 Meter unterhalb des Kaltluftablaufs beim Kärlingerhaus. Da kalte Luft kälter ist als warme….“ „Stopp. OK, machen wir noch mal“, unterbricht Gregor, „kalte Luft ist schwerer als warme, wolltest Du sagen, oder?“ Nochmal von vorn: „Kalte Luft ist schwerer als warme. Und weil der Funtensee in einer 75 Meter tiefen Senke liegt, sammelt sich die kalte Luft über Nacht hier und wird komprimiert. Begünstigt wird das Ganze durch klare Nächte ohne Nebel oder Bewölkung. Wenn der See im Winter gefroren ist, gibt es auch keinen Wärmeaustausch mit dem Wasser mehr. Die Luft kühlt immer weiter ab. Wenn die Hänge rund um den See schneebedeckt sind, kann die kalte Luft sogar noch besser in diese Senke hinein abfließen. So werden diese extremen Temperaturen erreicht.“

Klas möchte es dem Zuschauer noch begreifbarer präsentieren: „Das heißt, der Funtensee ist wie eine Schüssel, in der sich die Kaltluft sammelt und nicht mehr heraus kann?“ „Genau so ist es“, sagt der Ranger. Passt. Die wohl wichtigste Sequenz des Beitrags ist „im Kasten“. Weiter geht es zur Wetterstation am Südufer des Sees. Hier soll die Kälte visualisiert werden. Dafür soll Wolfgang Palzer einen Laptop aus seinem Rucksack packen und Klas die aktuelle Temperatur zeigen, die auf der Homepage des Wetterdienstes meteomedia zu sehen ist. Die Daten, die die Wetterstation aufnimmt, werden vollautomatisch per Satellit übertragen und online gestellt. So kann man auf der ganzen Welt die Temperatur am Funtensee abrufen.

Nationalpark-Ranger Wolfgang Palzer (links) zeigt Moderator Klas Bömecke die im Internet veröffentlichten Wetterdaten vom Funtensee.

Wolfgang packt den Laptop aus und klappt ihn auf. „Tiefer halten bitte“, sagt Kameramann Oliver. „Nochmal nur aufklappen bitte…Danke!“ Auch das Rausholen des Geräts aus dem Rucksack wird noch öfters gefilmt werden. Wolfgang und Klas nehmen es mit Humor. Nachdem eine Szene, in der die beiden über einen Bach springen, vier Mal gedreht wurde, sagt Klas: „Ach schade, ich dachte, wir machen das so lange, bis ich reingefallen bin.“

Die Arbeit am Funtensee ist was Besonderes: „So ein Naturerlebnis in Verbindung mit einem Dreh ist schon eine tolle Sache“, freut sich Gregor Mahringer. Die zwei Drehtage waren wohl der beeindruckendste Teil der Arbeit des Münchners. Das Ergebnis ist am 9. November um 19:10 Uhr im Magazin „Galileo“ auf Pro7 zu sehen. In einem rund 25-minütigen Beitrag werden sieben Extrem-Standorte in Deutschland vorgestellt. Für jeden Ort waren mindestens ein Tag Recherche, ein Drehtag und ein Tag Nach-Arbeit notwendig. Jeder Ort wird in der Sendung in knapp vier Minuten abgehandelt. Für den Funtensee im Nationalpark Berchtesgaden bedeutet das: vier Tage Arbeit für vier Minuten Film.

Pressemitteilung Nationalpark Berchtesgaden

Quelle: rosenheim24.de

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