Film der Woche

Trailer zu „Jackie“: Das Leben nach dem Fall

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Wer ist der Mensch hinter der perfekten Maske der Präsidentengattin? Natalie Portman bietet für ihre Rolle als Jackie Kennedy einige Antworten an.

München - Der Kinofilm „Jackie“ setzt da an, wo die Geschichte John F. Kennedys aufhört – eine Woche nach der Ermordung des US-Präsidenten.

Der Regisseur William Wyler wusste schon, warum er in „Ben Hur“ seinen Jesus nur von hinten zeigte. Es gibt kaum etwas Schwierigeres, als von einer Legende zu erzählen. Im Kino ist das fast unmöglich. Anders als im Theater, das verfremden darf, besteht für den Mainstream-Film noch immer ein seltsamer Anspruch auf Pseudo-Realismus, der freilich nie eingelöst werden kann. Selbst der Außerirdische E.T. sollte noch irgendwie echt aussehen.

Im Jahr 2015 verkörperte Dane DeHaan im Film „Life“ den großen James Dean. Obwohl er ein wunderbarer Schauspieler ist, musste DeHaan an dieser Herausforderung ein Stück weit scheitern. Denn eine Ikone kann man nie realistisch spielen, man kann sie allenfalls karikieren. DeHaan rettete, was in dieser ausweglosen Situation zu retten war. Das Gleiche gilt nun für Natalie Portman. Auch sie ist eine wunderbare Schauspielerin. Aber auch sie muss in der Rolle der Jackie Kennedy fast schon naturgemäß irritieren.

„Jackie“ setzt da an, wo die Geschichte John F. Kennedys aufhört. Eine Woche nach dem Mord an ihrem Mann erhält die Witwe Besuch von einem Reporter (Billy Crudup), der notieren soll, wie sie das schreckliche Attentat und die Zeit danach erlebt hat. Der Journalist ist mit einer Jackie konfrontiert, die zwischen der Rolle des Medienprofis, der Trauernden und der sarkastisch-nüchternen Analytikerin hin und her wechselt. Um sich an Jackie Kennedy anzunähern, lauschte Natalie Portman allen zugänglichen Audiointerviews mit der ehemaligen First Lady. Sie schaute sich alle verfügbaren Videos an, in denen Kennedy auftrat, und las Bücher zum Thema. Gerade bei einer Politikergattin, die repräsentieren muss und niemals die wahre Fassade preisgeben darf, ist es schwer, den Menschen hinter der Maske zu entlarven.

Portman allerdings bietet schauspielerisch einiges an. Sie imitiert den seltsam somnambulen Sprachduktus, den Kennedy bei einigen öffentlichen Auftritten an den Tag legte. Sie imitiert ihn sogar so explizit, dass die Medienfigur Jackie wie eine Karikatur wirkt, die sie – wie jede Medienfigur – irgendwie auch war. In krassem Gegensatz dazu stehen all die Momente, in denen ihre Fassade fällt. Auch hier übertreibt Portman. Doch es ist eine wissende Übertreibung, eine, die sich dessen gewahr ist, dass sie eine solche Überfigur niemals realistisch abbilden kann.

Das Drama rekapituliert Jackies leidvolle Tage, die mit dem Attentat auf JFK am 22. Oktober 1963 in Dallas begannen, bis über die Beerdigung des Präsidenten hinaus. Viele Szenen, etwa die des kolossalen Leichenzugs, liefen im Fernsehen und wurden Allgemeingut. Diesen ikonografischen Momenten stehen Szenen höchster Intimität gegenüber. Jackie raucht im Bett. Jackie weint. Jackie wirkt versteinert, während der neue Präsident Lyndon B. Johnson vereidigt wird. In diesen Szenen widersetzt sich der Film einer reinen Nacherzählung und Psychologisierung. Er wird zu einer Reflexion. Was passiert mit einem Menschen nach dem Fall? Wie geht er damit um, wenn er innerhalb weniger Sekunden seinen Status, seine Liebe, seine Identität verliert?

„Jackie“

mit Natalie Portman Regie: Pablo Larraín

Laufzeit: 100 Minuten

Sehenswert

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