"Ich bin kein Rache-Engel"

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Beate Krafft-Schöning konfrontiert Männer, die sich in Chats an Minderjährige heranmachen.

Rosenheim - Mit RTL2 jagte Beate Krafft-Schöning Pädophile im Internet – im rosenheim24-Interview zieht sie Bilanz und erzählt, wie sie den Rosenheimer Fall „catweazle22“ erlebt hat.

Die Journalistin Beate Krafft-Schöning arbeitet seit mehr als zehn Jahren an dem Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder im Internet. Sie ist im Bereich Aufklärung und Prävention tätig, im Jahr 2000 gründete sie die Initiative "NetKids". In der Sendung "Tatort Internet" jagte sie mit dem Team von RTL2 als verdeckte Ermittlerin Pädophile und potentielle Sex-Täter.

 

rosenheim24: Was ist Ihre Bilanz nach zehn Folgen "Tatort Internet"?

Krafft-Schöning: Was mich sehr gewundert hat, war der sehr große Zuspruch von jenen, die selber sexuell missbraucht wurden. Die sagten zu mir: 'Endlich berichtet mal jemand, so wie es tatsächlich läuft.' Eltern haben mir in Massen geschrieben: 'Danke, dass Sie das gemacht haben. Wir wussten nicht mal, dass wir ein Problem im Kinderzimmer haben. Jetzt haben wir das mit unseren Kinder geschaut und es zur Prävention benutzt und finden es sehr schade, dass die Sendung ausgelaufen ist.' Der negative Aspekt ist das Presseecho. Ich finde es sehr schade, dass man sich daran aufgehalten hat, das Sendeformat oder die eingearbeitete Musik zu kritisieren. Es hat sich interessanterweise aber kaum jemand aufgeregt, dass dort Personen aufgetaucht sind, die in wenigen Chattagen sich mit einem Kind zum Sex verabredet haben. Die Presse hat wieder einmal geschafft, vom eigentlichen Thema abzulenken, indem sie sich an den Äußerlichkeiten aufgehalten hat.

 

rosenheim24: Die Kritik kam nicht nur von der Presse, einige Kinderschutzorganisationen haben sich auch distanziert. Wäre es besser gewesen, dieses Thema weniger reißerisch aufzuarbeiten?

Krafft-Schöning: Es ist immer eine Gratwanderung. Meiner Meinung nach ist der amerikanische Schnitt auch nicht das Wahre, ich bin ein Freund der leisen Töne. Viele Kinderschutzorganisationen haben sich aber ganz bewusst hinter die Sendung gestellt, und es mit 'Ok, es ist uns auch zu reißerisch, aber wir müssen zeigen, wie es wirklich läuft.' begründet. Ich denke, das hat die Sendung wirklich erreicht.

 

rosenheim24: Wie haben Sie den Fall von „catweazle22“ aus Rosenheim erlebt?

Krafft-Schöning: Er war sehr gut vorbereitet. In meinen Augen hat er eine sehr professionelle Vorgehensweise an den Tag gelegt. Er kam an und hatte schon eine Ausrede parat. Er war sehr überlegt und vorsichtig. Er hat zwei Stunden vorher bereits das Terrain ausgekundschaftet. Das war jemand, der das nicht zum ersten Mal gemacht hat.

 

rosenheim24: Im Fall von „catweazle22“ wird die Staatsanwaltschaft kein Verfahren einleiten. Was sagen Sie dazu?

Krafft-Schöning: Das wusste ich im Grunde vorher. Wir sind alle nicht mehr 13. Das heißt, es gibt kein echtes Opfer. Wir haben hier einen tauglichen Versuch am untauglichen Objekt, d. h. in dem Fall findet keine Straftat statt. Das große Problem aus Rosenheim besteht jedoch darin, dass er in dieser Form schon einmal aufgefallen ist. Es wäre sicher nicht sinnlos gewesen, hier ein Ermittlungsverfahren einzuleiten.

 

Wie ist es für Sie persönlich, wenn Sie einem potentiellen Täter gegenüberstehen?

Krafft-Schöning: Es ist immer eine Mischung von Gefühlen, ich bin kein Rache-Engel, der dann irgendwelche Leute verurteilt. Man tritt diesen Menschen relativ nüchtern entgegen. Man sieht auch oft ihre Seite, es gab auch Täter wo ich sehr nachdenklich war. Wir müssen unbedingt auf der Täterseite sehr viel mehr tun. Wir müssen mehr Therapieangebote machen und präventiv tätig werden.

(red ro24/cs)

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Quelle: rosenheim24.de

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