Eine Bayerin in Bollywood

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Hat sich in die erste Reihe des Bollywood-Films getanzt: Lisa-Marie Rettenbacher (vorne links).

Stephanskirchen – Lange blonde Haare, ein Gesicht wie Porzellan: Lisa-Marie Rettenbacher ist bildhübsch. Doch sie kann auch tanzen, singen und vor allem schauspielern.

Eine Idealbesetzung für einen deutschen Teenager-Film? Vermutlich, doch die 15-jährige aus Stephanskirchen startet Ende Juni bereits international durch. Sie spielt eine Hauptrolle in einem indischen Tanzfilm (Bollywood), der von einem der führenden Choreografen der produktivsten Filmindustrie der Welt gestaltet wird.

„Aufgeregt bin ich eigentlich noch nicht. Ich habe einfach zu viel Schulstress im Moment“, wischt Lisa-Marie Rettenbacher die Vermutung vom Tisch, das erste Engagement als Schauspielerin würde ihr schlaflose Nächte bereiten. Vier Wochen vor den großen Ferien wird sie statt die Schulbank am Finsterwalder- Gymnasium zu drücken am Set in Mumbai, dem indischen Hollywood, ihren ersten Film drehen. Sie ist für diese Zeit von der Schule befreit, muss aber in den Tagen bis zum Abflug am 29. Juni einen vorgezogenen Klausurmarathon absolvieren.

Gestresst wirkt die junge Stephanskirchenerin trotzdem nicht – eher wie eine normale Teenagerin, lässig gekleidet in Jeansrock, die Fingernägel als Tribut an die von ihr verehrte Fußballnationalmannschaft in Schwarz-Rot-Gold lackiert. Doch bald werden für drei Wochen Spitze und glänzender Tüll, farbenfrohe Tücher und reich bestickte Saris ihre Garderobe und Englisch ihre Sprache bestimmen. Sie wird auf Hindi singen und indische Tänze interpretieren – in der Rolle einer jungen Tänzerin, die sich bei einem Casting mit modernen Interpretationen klassischer Bollywood- Musik gegen einen Mitkonkurrenten durchsetzt – samt charakterlicher Verwandlung zum Star mit Durchsetzungskraft, so sieht es der Inhalt des Kinofilmes vor. Der Regisseur ist Suman Ganguli, ein bekannter Name im indischen Film. Der Choreograf ist Raju Khan, einer der Top Ten im Bereich Bollywood, wie Lisa-Maries Trainerin Lamira Faro, Inhaberin der in Rosenheim und in München beheimateten „Bollywood-Dance & Acting School“, berichtet. Der geplante Kinofilm gehört zu ihrer Freude zur höchsten Qualitätskategorie A, wird am Set in Mumbai mit 100 Leuten und fünf Kameras gedreht.

Eine deutsche Blondine, die mit ihrem ebenmäßigen Engelsgesicht ein wenig an die berühmte Barbie-Puppe erinnert, spielt, tanzt und singt eine Hauptrolle in einem internationalen Kinofilm: Das gilt in der Fachwelt als „Sechser im Lotto“, wie ihre Trainerin stolz betont. Ihren guten Kontakten zum indischen Bollywood-Film hat das blutjunge Ausnahmetalent das Engagement zu verdanken. Dass es gleich beim ersten Mal eine Hauptrolle werden würde, damit hatte jedoch keiner gerechnet. Lisa-Marie überzeugte die indischen Produzenten mit ihrem frischen Gesicht, ihren temperamentvollen modernen Tanzinterpretationen, aber auch mit ihrem Schauspieltalent. Denn Bollywoodtanzen kann, so erklärt Lisa-Marie, nur, wer auch schauspielern kann. Tanzend und singend werden hier Gefühle symbolisiert, mit Bewegungen, Gesten und Gesichtsausdrücken vermittelt. „Diese Möglichkeit, sich auszudrücken und sich vom Alltag zu befreien, hat mich von Anfang an fasziniert.“

Die Eltern haben ihr Temperament und ihren Leistungswillen stets unterstützt. Schon als kleines Kind durfte sie viel ausprobieren: das Reiten oder den Hip-Hopsowie Bauchtanz, von dem aus der Funke jedoch nie richtig übersprang. Stattdessen stieg sie in den Bollywood- Tanz ein, trainierte fünf Jahre lang hart, ergänzt durch Schauspielunterricht, stand regelmäßig für große Shows auf der Bühne.

Als das Angebot aus Indien kam, die weibliche Hauptrolle in einem Bollywood- Film zu übernehmen, dominierte im Elternhaus nach Lisa-Maries Angaben jedoch zuerst verhaltene Skepsis. Viele lange Gespräche waren notwendig, bevor der Familienrat in Person des Vaters, eines Bankfilialleiters, und der Mutter, einer Steuerfachangestellten, sowie der kleinen Schwester zustimmte. Schließlich sprang auch die Medienmaschinerie auf den Zug auf: RTL rückte mit Kamerateams für eine Homestory aus Stephanskirchen an, will Lisa-Marie auch bei ihren ersten Schritten auf der Karriereleiter als Bollywood-Talent in Indien begleiten. Der 15-Jährigen, die am Set in Mumbai ihren 16. Geburtstag feiert, steht ein eigener Betreuerstab mit ihrer Rosenheimer Trainerin, die sie auch nach Indien begleiten und dort als „Tanz- Mama“ über sie wachen wird, sowie einem Pressekoordinator zur Verfügung. Oberstes Ziel: kein Abheben!

„Ich weiß, was ich kann und was ich noch nicht kann, ich reflektiere meine Leistungen stets kritisch.“ Das klingt extrem erwachsen für eine 15-Jährige. Doch die Stephanskirchenerin besitzt jene Mischung aus Leidenschaft und Sachlichkeit, die für die richtige Portion Bodenhaftung sorgt. Und wenn ihr der Trubel doch zu viel wird, setzt sie sich auf ihr Pferd und taucht auf dessen Rücken für ein paar Stunden ab in der Natur vor ihrer Haustür.

Heike Duczek (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

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