Casey Affleck mit Lucas Hedges

Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“

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Auf der Beerdigung des Bruders muss Lee (Casey Affleck, li.) Verantwortung für seinen Neffen Patrick (Lucas Hedges) übernehmen.

München - „Manchester by the Sea“ trumpft vor allem im zwischenmenschlichen Bereich auf. Es geht um Verantwortung und Familie.

Der Mann redet nicht gern. Und wenn er doch einmal den Mund öffnet, verprellt er mit seinen ungeschminkten Ansichten alle Gesprächspartner, egal wie wohlwollend sie ihm zugetan sind. Dieser Lee Chandler (Casey Affleck), unumstrittener, düster strahlender Antiheld des neuen Kinodramas „Manchester by the Sea“ von Kenneth Lonergan, bemüht sich, keine Gefühle preiszugeben. Tagsüber verrichtet er als Hausmeister in Boston stupide Tätigkeiten wie Schneeräumen oder Wasserleitungen zu reparieren. Abends lässt er sich in Bars volllaufen.

Casey Affleck hat im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Ben als Schauspieler nie eine Starkarriere angestrebt. Das sieht man seiner ausgefallenen und anspruchsvollen Rollenwahl an. „Manchester by the Sea“ dürfte zweifellos den bisherigen Höhepunkt seiner Laufbahn bilden. Einen Golden Globe hat er soeben kassiert. Der Oscar wird hoffentlich in ein paar Wochen folgen.

Es scheint Ironie des Schicksals zu sein, dass der große Erfolg den unprätentiös auftretenden Casey Affleck ausgerechnet mit einer Figur ereilt, die sich ebenfalls erst vom Schatten des großen Bruders emanzipieren muss. Dieser raue, ungehobelte und immer melancholische Klotz Lee erhält eines Tages einen Anruf. Sein älterer Bruder Joe (Kyle Chandler) ist an Herzversagen gestorben. Ausgerechnet Lee soll sich als einziger Angehöriger um Joes 16-jährigen Sohn Patrick (Lucas Hedges) kümmern. Lee will nicht. Weder zurückkehren in die Kleinstadt Manchester. Noch den Neffen betreuen. Aber weigern kann er sich auch nicht recht. Also bleibt er aus einem Funken Familiensinn heraus erst einmal da und regelt Joes letzte Dinge. Bis ihn, wie befürchtet, die schrecklichen Schatten seiner eigenen Vergangenheit einholen.

Der Tod eines Angehörigen bildet den Anlass, dass alle Familienmitglieder zusammen finden und die längst verdrängten Dramen zur Sprache kommen. Dieser Plot funktionierte schon immer, und auch bei dem versierten Drehbuchautor Lonergan klappt das reibungslos. Er erzählt seine angenehm wortkarge Tragödie nicht aus, sondern tupft immer wieder nur kleine Kleckse hin, aus denen sich schließlich ein Bild ergibt. In knappen Rückblenden skizziert er die Beziehung der Brüder – und was genau aus Lee ein solches Psychowrack werden ließ. Das Schönste an „Manchester by the Sea“ aber ist: Kenneth Lonergans Figuren dürfen echte Charaktere aus Fleisch und Blut sein, die sich nicht immer nur edel und moralisch korrekt verhalten, aber auch nicht einfach nur dämlich und boshaft sind. Sondern wirklich und wahrhaftig echte Menschen.

„Manchester by the Sea“

mit Casey Affleck, Michelle Williams, Kyle Chandler Regie: Kenneth Lonergan

Laufzeit 137 Minuten

Hervorragend

Der Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Im August in Osage County“ oder „You can count on me“ mochten.

Ulrike Frick

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