"Das Schmuckstück": Aufstieg der edelblonden Grazie

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„Das Schmuckstück“ von François Ozon ist eine elegante Gesellschaftssatire mit selbstironischen Stars. Sehen sie hier den Kinotrailer und die Filmkritik:

Im knallroten Trainingsanzug läuft Madame durch den Wald. Die Lockenwickler festgezurrt, tänzelt sie durchs Laub. Erblickt ein Eichhörnchen hier, ein Blaumeiserl dort. Zückt ergriffen den Notizblock aus dem Anzug und verfasst unverzüglich ein paar Verslein. Die Anfangsszene in François Ozons neuem Spielfilm „Das Schmuckstück“ gibt den Ton für den restlichen Film vor: witzig, bissig, überdreht und wie immer ein reiner Augenschmaus, was die Ausstattung angeht.

„Das Schmuckstück“ spielt im Jahr 1977. Suzanne Pujol (Catherine Deneuve) hat den ganzen Tag über nichts zu tun. Die Kinder sind längst aus dem von Personal sorgsam bestellten Haus, der Gatte weilt meistens in der Firma oder bei seinen diversen Affären. Da greift die hauptberufliche Gattin eben zum Stift und dichtet.

Wie aus der Welt geworfen wirkt diese edelblonde Grazie des Großbürgertums anfangs. Bis der Ehemann Robert (Fabrice Luchini) einen Herzinfarkt erleidet und Suzanne die Regenschirmfirma des Angetrauten übernimmt. Das gelingt ihr überraschend erfolgreich. Statt Roberts eisernen Führungsstil zu übernehmen, verordnet Madame Pujol mit Hilfe des kommunistischen Abgeordneten Babin (Gérard Depardieu) Wohlstand für alle.

„Das Schmuckstück“ basiert auf einem Boulevard-Theaterstück von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy aus dem Jahre 1980. Ozon hat daraus einen präzisen, im Styling deutlich an „8 Frauen“ erinnernden Film gemacht, der seine Bühnen-Herkunft nicht verleugnet. Die Inszenierung wird dominiert von Dialogen, überraschende Aktion steht vor tiefgründiger Analyse des Innenlebens. Die Türen klappen auf und zu, wie das im Boulevardtheater so sein soll. Das hohe Tempo, das gute Komödien auszeichnet, hält Ozon mühelos bis zum Schluss durch.

Dass „Das Schmuckstück“ als elegante Gesellschaftssatire so gut funktioniert, liegt auch an Deneuve und Depardieu, die mit so viel Verve und Selbstironie spielen, dass man ihnen stundenlang beim Nachtclubbesuch oder dem Auffrischen der Jugenderinnerungen zusehen möchte.

Egal ob es „Swimming Pool“ war, „Unter dem Sand“, „Ricky“ oder zuletzt „Le Refuge“ – die Optik spielt bei François Ozon jedes Mal eine enorme Rolle. Unter der visuell höchst kunstvoll arrangierten Oberfläche brodelt es in seinen Filmen immer, da bildet auch „Das Schmuckstück“ keine Ausnahme. Doch die Kombination von Lustspiel und Sozialkritik überzeugt nicht durchgehend. Die Anspielungen auf die gegenwärtigen Verhältnisse sind zwar klar zu verstehen. Doch manche noch so zutreffende Aussage wird durch die dazwischen gestreuten, banalen Witzchen schlicht und einfach verwässert.

Ulricke Frick

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