RTL-II-Serie "Tatort Internet": Harsche Kritik

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Für Folge eins sorgte Stephanie zu Guttenberg als Studio-Expertin im Vorfeld für Aufmerksamkeit. Die Frau des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg kooperiert mit der Sendung als deutsche Präsidentin der Kinderschutz-Organisation “Innocence in Danger“.

Berlin - Skandalöses Format, misslungene Aufklärung, juristisch heikel - so lauten einige Vorwürfe von Kritikern gegen die neue Serie “Tatort Internet“ bei RTL II. Darin macht der Sender Jagd auf Männer, die sich im Internet an Kinder ranmachen.

Für das neue Magazin “Tatort Internet“ im Privatsender RTL II hagelt es neben Lob auch viel Kritik. Dabei hat die am Donnerstag angelaufene Serie ein hehres Ziel: Sie will warnen vor der Gefahr von Sexualstraftätern, die im Internet auf Kinder lauern. Für Folge eins sorgte Stephanie zu Guttenberg als Studio-Expertin im Vorfeld für Aufmerksamkeit. Die Frau des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg kooperiert mit der Sendung als deutsche Präsidentin der Kinderschutz-Organisation “Innocence in Danger“. Doch die Wahl der Mittel für die Serie ist umstritten: Die Frage ist, ob ein Fernsehpranger mit versteckten Kameras für Eltern und Kinder eine Hilfe beim Schutz vor Pädophilen sein kann. Und so lief das Ganze ab: Die Journalistin Beate Krafft-Schöning gibt im Internet den Lockvogel. Sie chattet mit dem Profil einer Teenagerin. Zum Beispiel als 13-jährige Julia. Bald wird sie von einem 45-Jährigen angesprochen. Die beiden tauschen sich im Netz aus. Als Julia alleine zu Hause ist, wird ein Treffen verabredet.

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Dafür baut sich das Kamerateam gut getarnt auf. Eine volljährige Schauspielerin mimt das Mädchen. Im Hintergrund hört der Zuschauer dramatische Musik. Der Mann nähert sich dem Haus, klingelt. Die Journalisten kommen aus der Deckung. Beate Krafft-Schöning geht mit Fragen auf ihn los: Warum er so was macht? Was seine Frau sagen würde? Der Mann ist gepixelt im Bild. Seine Stimme wird verzerrt. Doch diese Recherchemethoden sind aus Sicht der Medienrechtlerin Dorothee Bölke juristisch heikel. Denn ein solches Mitschneiden der Stimme vermeintlicher Sexualtäter sei grundsätzlich strafbar - daran ändere sich wohl auch nichts, wenn der Ton später verfremdet werde. Grundsätzlich sei der Schutz der Persönlichkeitsrechte ein hohes Gut. Bölke warnte: Trotz verfremdeter Bilder und Stimmen sei nicht immer auszuschließen, dass Rückschlüsse auf die Männer möglich sein könnten.

In der Sendung waren auch Wohnorte, Berufe und der Familienstand der Männer genannt worden. “Wenn dann ein markantes Kleidungsstück oder eine markante Figur Rückschlüsse auf die Identität zulassen, steht schnell womöglich die Ehefrau mit am Pranger. Und dann ist auf einmal auch deren Privatsphäre betroffen.“ Kritiker bemängeln an der Serie, dass sie sich reißerisch aufs Internet konzentriere. Experten verweisen nämlich darauf, dass um die 80 Prozent der sexuellen Missbrauchsfälle im nahen sozialen Umfeld stattfänden - etwa in Familie, Nachbarschaft oder Sportverein. Die erste Folge reihte mehrere Fälle aneinander. Häufig werden eindeutige Chat-Beiträge der vermeintlichen Kinderschänder eingeblendet.

Die gefilmten Männer versuchen teils zu leugnen, manche wirken verstört. Einige Fälle seien der Polizei übergeben worden. Zwischen den Beiträgen moderiert Hamburgs Ex-Innensenator Udo Nagel. Neben ihm steht Frau zu Guttenberg. Die 33-Jährige fordert vom Staat mehr Einsatz: Das Bedrängen von Kindern im Internet müsste strenger verfolgt werden, sagt sie. Ihre Organisation “Innocence in Danger“ geht davon aus, dass die Persönlichkeitsrechte in den Beiträgen gewahrt sind. “Die Sendung ist kein Aufruf zur Menschenjagd“, sagte Julia von Weiler, Geschäftsführerin der Kinderschutzgruppe. In einigen Medien war am Freitag bei den Besprechungen von “Menschenjagd“ (“Kölner Stadt- Anzeiger“) und einem “skandalösen Format“ (Spiegel Online) die Rede. “Innocence“-Geschäftsführerin von Weiler entgegnete, die Serie wolle aufklären, dass die Täter aus allen Gesellschaftsschichten kämen. Nach der Sendung hätten sich viele Zuschauer gemeldet und gelobt, dass das Thema auf diese Weise mehr Öffentlichkeit bekomme. Innocence setzt bei den Kampagnen oft auf Masse. Bei der Premiere der RTL-II-Serie schalteten 1,34 Millionen Zuschauer ein. Das war ein Marktanteil von 4,3 Prozent - ein passabler Wert.

dpa

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