Reichtum geht anders

Filmkritik zu "Timm Thaler"

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Ein mehr als skeptischer Blick: Der schwerreiche Baron Lefuet (Justus von Dohnányi, re.) kauft Timm Thaler (Arved Friese) dessen Lachen ab. Liest man den Namen „Lefuet“ von hinten nach vorne, stellt man fest, dass der Bub sich auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen hat.

München - Andreas Dresen hat mit“ „Timm Thaler ein wunderbar warmherziges, zeitloses Kindermärchen erschaffen.

Mit der gleichnamigen Fernsehserie aus dem Jahr 1979 hat dieser Timm Thaler wenig gemeinsam. Regisseur Andreas Dresen hält sich in seinem ersten Kinderfilm relativ dicht an die Buchvorlage von James Krüss aus den Sechzigerjahren. Der hatte seine Geschichte über einen Buben, der sein Lachen an den finsteren Baron Lefuet verkauft und im Gegenzug fortan jede Wette gewinnt, in einer sanft zeitenthobenen Sphäre in den Zwanzigern angesiedelt, allerdings ohne Bezug zur Politik oder Weltwirtschaftskrise. Timm stammt aus einfachsten Verhältnissen, was den Unterschied zum futuristischen Ambiente um den schwerreichen Baron Lefuet umso krasser hervortreten lässt.

Diese Zeitlosigkeit hat Dresen konsequent beibehalten. Was angesichts seiner sonstigen, bewusst naturalistisch gehaltenen Arbeiten wie „Halt auf freier Strecke“ und „Halbe Treppe“ erstaunt. Krüss’ unterschwellige Konsumkritik hat der Regisseur geschickt verkleidet und behutsam aktualisiert. Spürbar ist sie dennoch. Nach wenigen Szenen ist deutlich, dass Dresen hier nicht wie sonst feinsinnig inszeniert, sondern kindgerecht direkt. Die Sonne glänzt auf der Pferderennbahn und spiegelt sich auf den fadenscheinigen Jacketts von Timm und seinem Vater (Bjarne Mädel). „Arm aber glücklich“ lautet die Überschrift des ersten Kapitels, das mit dem Auftritt der bösen Stiefmutter, ihres verschlagenen Sohnes und dem Tod des geliebten Papas jäh endet. Märchenhaft geht es weiter, bei Krüss wie auch bei Dresen, der für die folgenden Szenen anscheinend von Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ inspiriert wurde. Farbenfroh, mit verspielten Details und originellen Schauplätzen führt Dresen die Geschichte fort. Die Rennbahn markiert den Übergang von der prachtvollen Welt des Grand Hotels in die schmale Gasse der kleinen Leute. Beim Glücksspiel kann der Arme reich und der Reiche arm werden.

Mit Arved Friese hat der Filmemacher einen wunderbaren Titelhelden gefunden. Noch beeindruckender sind aber die vielen liebevoll ausgestalteten Charaktere daneben: Charly Hübner als Barkeeper Kreschimir, Nadja Uhl als Hausdame, Steffi Kühnert als Stiefmutter Lydia sowie Axel Prahl und Andreas Schmidt als in Ratten verzauberte Dämonen mit Gewissen. Dresen und sein genialer Drehbuchautor Alexander Adolph haben aus dem oft moralinsauren Krüss-Buch und der poppigen Siebzigerjahre-Serie ein wunderbar warmherziges, zeitloses Kindermärchen erschaffen, das den Kern der Original-Geschichte sehr klug bewahrt. Schließlich kann man diese Botschaft gar nicht oft genug vermitteln: Es gibt immer Dinge, die wichtiger sind als aller Reichtum der Welt.

Ulrike Frick

„Timm Thaler“

mit Arved Friese, Axel Prahl, Justus von Dohnányi Regie: Andreas Dresen Laufzeit 102 Minuten

Hervorragend (((((

Dieser Film könnte Ihnen und Ihren Kindern gefallen, wenn Sie „Die Perlmutterfarbe“ oder „Der Krieg der Knöpfe“ mochten.

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