„Parasite“

„Parasite“ im Kino: Kellerkinder der Großstadt

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Den Kim-Geschwistern gelingt manches Kunstwerk.

Bong Joon-hos surreale Farce „Parasite“, der Gewinnerfilm aus Cannes, hält der modernen Klassengesellschaft den Spiegel vor.

Mit der fortschreitenden sozialen Ungleichheit kehren auch die symbolischen Bilder der alten Klassengesellschaft wieder zurück. In einer winzigen Kellerwohnung begegnen wir der arbeitslosen Familie Kim, den ungewöhnlichen Protagonisten von Bong Joon-hos satirischer Tragikomödie „Parasite“, beim Abendessen.

Den winzigen Raum teilen sich die Eltern und ihre beiden erwachsenen Kindern, dem gewitzten Ki-woo und seiner Internet-affinen Schwester Ki-jung, mit Hunderten von Pizzakartons. Für ein bescheidenes Salär falten sie die Pappen zusammen: Das heißt, solange, bis sie auch diesen Job verlieren. Es sind einfach schon zu viele Kartons wegen liebloser Arbeitsleistung wieder auseinander gefallen.

Durch die kleinen Fensterluken sehen die Kims die Lichter der Großstadt. Vor allem aber sehen sie den Dreck, der nach unten fällt. Ein Betrunkener uriniert mit Absicht in ihre Richtung. Die eklige Chemikalienwolke eines Kammerjägers vernebelt ihr armseliges Souterrain, doch die ist durchaus willkommen – denn ein Problem mit stinkenden Käfern haben sie auch. Familie Kim residiert noch tiefer als all dieser Unrat. Sie leben „ganz unten“, um mit einem Buchtitel Günter Wallraffs zu sprechen. Die Hoffnung auf sozialen Aufstieg aber haben sie noch nicht begraben, mögliche Strategien dazu sind das vorherrschende Gesprächsthema bei diesem primitiven Abendessen, aber besonders realistisch erscheinen sie nicht. Bis ein winziger Strohhalm das Blatt wendet.

Das koreanische Kino ist fasziniert von Rachefantasien

Ein ehemaliger Schulfreund Ki-woos bietet dem jungen Mann seinen Job als Nachhilfelehrer bei einer reichen Familie an – und öffnet den Kims dabei die Tür zu einer feindlichen Übernahme des gesamten anderen Haushalts.

Seit dem Klassiker „The Housemaid“ (1960), der jetzt beim Filmfestival Köln eine Wiederaufführung feierte, ist das koreanische Kino fasziniert von Rachefantasien einer ausgebeuteten Unterschicht an der reichen Klasse. Hier nun gelingt es einer ganzen Familie, sich im Haushalt eines reichen Unternehmers unverzichtbar zu machen: Der Sohn gibt der Tochter Nachhilfe, die sich gleich in ihn verliebt; seine Schwester verschafft sich eine Anstellung als angebliche Kinderpsychologin.

Ein falsches Uni-Zertifikat, eine erfundene amerikanische Vita als Künstlerin: Die Eintrittskarten in das Luxushaus sind schnell fabriziert – und vom Filmemacher gut gewählt. Denn die Zeit, in der wie in den alten Hochstaplergeschichten um „Felix Krull“ oder den „Hauptmann von Köpenick“ schon Charme und Kleider Leute machten, ist vorbei. Die moderne Klassengesellschaft verlässt sich beim Bewachen ihrer Schranken weniger auf Menschenkenntnis als auf Uni-Rankings. Um überhaupt von der abgeschirmten Elite wahrgenommen zu werden, muss man vom Radar eines kapitalistischen Wertesystems erfasst werden. Den Kims gelingt dieses Kunststück, ohne dass sie als Fremdkörper bemerkt werden.

Indes sorgt der "Joker" für kontroverse Diskussionen, wie kreiszeitung.de* berichtet.

Gewinner der Goldenen Palme in Cannes

Der Vater nimmt den Platz des Chauffeurs ein, die Mutter vertreibt erfolgreich die Haushälterin. Kaum merkbar wandelt sich der Film von einer etwas grellen Satire in einen psychologischen Thriller, bis er in einer unvorhersehbaren Wendung sein Gesicht noch einmal ändert. Und in einer surrealen Wendung seine tragende Metapher, die vertikale Schichtung der Gesellschaft, buchstäblich um ein weiteres Untergeschoss erweitert.

„Ich glaube, eine Möglichkeit, die Ungleichheit und Polarisierung in unserer Gesellschaft zu porträtieren, ist eine traurige Komödie“, sagte Bong Joon-ho anlässlich der Premiere seines Films in Cannes, wo er schließlich mit dem Hauptpreis, der Goldenen Palme nach Hause ging. „In der heutigen kapitalistischen Gesellschaft gibt es Rangordnungen und Kasten, die für das Auge unsichtbar sind. Wir verstecken sie und halten sie von uns fern, und blicken oberflächlich auf Klassenhierarchien herab, als seien sie ein Relikt aus der Vergangenheit… In der wirklichen Gesellschaft, würden sich die Wege von Menschen wie die unserer vier Arbeitslosen und der Familie Park kaum jemals kreuzen.“

Vor fast hundert Jahren, im Kino der Weimarer Republik, kritisierten Filmemacher soziale Ungleichheit in ähnlicher Symbolik. „Menschen untereinander“ nannte Gerhard Lamprecht ein Sozialdrama, Phil Jutzi erhob den Selbstmord einer Arbeiterin zu „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ und Fritz Langs „Metropolis“ verortete die Arbeiterklasse in den Katakomben der Gesellschaft. Was diese Filme einte, war die Hoffnung auf eine Überwindung der Klassengesellschaft. Heute scheint dieser Traum in den kapitalistischen Gesellschaften Geschichte. Die Reichen werden immer reicher, und die Ärmsten haben kaum Chancen auf sozialen Aufstieg – am wenigsten durch die Früchte ihrer Arbeitskraft.

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„Parasite“ ist bei aller Überzeichnung ein bezwingender Kommentar zu dieser erschreckenden Entwicklung. Kritisieren kann man das grell-blutige Fortissimo, das sich der so menschlichen Zeichnung der tragischen Helden am Ende in den Weg stellt. Allerdings gehört die poppige Überzeichnung auch zu den Stilmerkmalen des Regisseurs, von dem zuletzt „Okja“, eine Komödie über ein genmanipuliertes Schwein, zu sehen war. „Parasite“ ist der ungleich bedeutendere Film: Bewundernswert sind nun die Feinheiten im Dialog, die Liebe zum Detail, das visuelle Gespür und das Talent zu unvorhersehbaren Wendungen. „Eine Komödie ohne Clowns und eine Tragödie ohne Schurken“, nennt Bong selbst seinen Film, und das ist ihm gelungen. Während sich also die revolutionären Bewegungen in unseren von sozialer Ungleichheit bestimmten westlichen Gesellschaften erst langsam formieren, finden sie im Kino bereits statt.

Parasite. Korea 2019. Regie: Bong Joon-ho. 132 Min.

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