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Kinokritik

"Nymphomaniac 1": Mehr als ein Skandalstreifen

Berlin - In „Nymphomaniac – Volume 1“ setzt Regisseur Lars von Trier zur bitteren Gegenwartsanalyse an. Das Ergebnis ist viel mehr, als einen Skandalstreifen.

Unsere Welt ist ein dunkles Labyrinth, verloren ist der Mensch darin. Mit perverser Langsamkeit fährt die Kamera zu Beginn von Lars von Triers neuem Film „Nymphomaniac – Volume 1“ Dachtraufen, Regenrinnen, Ecken, Kanten und Winkel eines düsteren, schäbigen Hinterhofs ab. Bis sie endlich die Frau findet, die verletzt auf dem nackten Stein liegt und kaum noch atmet. Ecce homo! Hilflos wie diese Frau ist die ganze Spezies, erzählt der dänische Regisseur mit diesen ersten Einstellungen. Brutal wurde der Homo sapiens in eine Moderne gestoßen, die zwar menschengemacht, doch nicht für Menschen gemacht zu sein scheint. Lars von Trier unterlegt diese ersten Bilder mit dem düsteren Klang von Rammstein: „Führe mich! Halte mich!“, heißt es so fies wie flehend im Refrain des Lieds. Was für ein starker Auftakt.

In den nächsten Stunden wird der Regisseur am Beispiel der halbtoten Frau, sie heißt Joe und ist um die 50, deklinieren, was den Menschen ausmacht. Dabei wird er Innerstes nach Außen kehren, Grausamkeiten, Komisches, Hoffnungsvolles finden – und konstatieren, dass unser vernunftgeleitetes, säkulares Zeitalter den Menschen von sich selbst entfremdet hat. Joe wird an einer Stelle dieses Films von sich sagen, sie sei eine „böse Frau“, ein „menschliches Monster“. Lars von Trier aber zeigt, dass das Monster unsere moderne Gesellschaft ist, die dem Menschen das Menschsein austreibt. Ein Jammer nur, dass sich der Verleih entschieden hat, diese Geschichte zu teilen, anstatt das gesamte vierstündige Werk in die Kinos zu bringen. Die Fortsetzung von Joes Passion startet erst am 3. April.

Von wegen Porno

Wie heftig wurde über diesen Film im Vorfeld debattiert. Einen „Porno“ habe von Trier gedreht, war da zu hören. Derartige Vorwürfe sind absurd. Sie sind Unsinn vor allem in einer Zeit, in der keine Werbung ohne Erotik auskommt und in der das menschliche Sein ganz dem Bewusstsein „Sex sells“ untergeordnet ist. Natürlich ist dieser Film expliziter als andere. Zugleich ist er sehr viel ehrlicher. Natürlich gibt es Szenen, die für manche Zuschauer nur schwer erträglich sind. Aber diese Aufnahmen sind niemals Selbstzweck, Voyeurismus oder Provokation, sondern dienen stets der Geschichte.

Charlotte Gainsbourg zeigt Joe als Frau, die unglaublich hart gegen sich selbst ist, und wir werden erst nach und nach erfahren, warum sie wurde wie sie ist. Die Misshandelte wird in jenem Hinterhof von Seligman gefunden. Der belesene Menschenfreund und Bildungsbürger, den Stellan Skarsgård mit unaufdringlicher Würde und großem Sanftmut („Ich kenne keine schlechten Menschen“) spielt, nimmt Joe mit zu sich in seine karge Klause, gibt ihr frische Kleidung, ein Bett und kocht ihr Tee. Wie Scheherazade wird Joe ihrem Retter in dieser Nacht Geschichten erzählen. Sie wird ihr Leben beichten, das Leben einer Nymphomanin. Und erst am Ende des zweiten Teils werden wir erfahren, ob auch von Triers Erzählung endet wie in „Tausendundeiner Nacht“.

In allen bisherigen Filmen experimentierte der Däne mit Genres. So auch hier: „Nymphomaniac“ ist keinesfalls Porno, aber – und das vor allem im ersten Teil – eine schräge Komödie und sein bislang lustigster Film. Durch die Komik kann Lars von Trier die hässlichen Seiten des menschlichen Miteinanders bloßstellen. Seine perfekt besetzten Schauspieler begleiten den Regisseur begeistert auf diesem Weg: Da erleben wir etwa Uma Thurman als Mrs. H. in einem wahnwitzigen Eifersuchtsdrama. Ihr Mann ist ein Liebhaber Joes. Das ist furios gespielt und urkomisch – bis Mrs. H. in Joes Wohnung ihren Kindern das „Hurenbett“ zeigen will, und die Kamera die verstörten Blicke der Kleinen einfängt.

Den Großteil seines Witzes zieht der Film aus den Gesprächen von Seligman und Joe: In Rückblenden erleben wir, was die Frau ihrem Beichtvater schildert. Seligman, dieser alternde, noch unberührte Junggeselle, assoziiert wiederum das Gehörte mit seinem enormen Wissen: Da berichtet Joe, wie sie sich als Heranwachsende mit einer Freundin zum Wettvögeln im Zug verabredet hat, und Seligman berechnet die Chancen, willige Partner zu finden, durch Vergleiche mit dem Fliegenfischen. Als Joe erklärt, welche drei Männertypen für ein erfülltes Liebesleben notwendig seien, findet der Homme de lettres in der Mehrstimmigkeit Bach’scher Orgelwerke eine Analogie.

Auf diese Weise erzählt dieser Film nicht nur vom Leidensweg einer Frau, die in der Moderne keinen Platz zu haben scheint, sondern auch von den Errungenschaften der Menschheit. Wie, fragt Lars von Trier, kann es dann sein, dass eine Frau wie Joe, die dem menschlichsten aller Triebe folgt, eine Ausgestoßene ist? Und das in einer Gesellschaft, die sich die Vernunft auf ihre Fahnen geschrieben hat? Immer wieder überblendet von Trier dazu die Filmbilder mit Diagrammen und Gleichungen – schließlich kann heute alles berechnet werden, selbst der Sex. Eine mögliche Antwort auf diese Fragen gibt die Hauptfigur selbst: „Der einzige Unterschied zwischen mir und anderen Menschen ist vielleicht, dass ich immer mehr vom Sonnenuntergang erwartet habe.“ Ob es Hoffnung gibt, verrät jedoch erst der zweite Teil.

Von Michael Schleicher

Rubriklistenbild: © Christian Geisnaes/Concorde Filmverleih / dpa

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