Schwache Dosis der Potter-Droge

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Harry Potter muss sich in diesem Teil auch der Liebe stellen.

Harry Potter ist eine Droge. Gebraut aus dem klaren Gegensatz von Gut und Böse, Weltflucht, Nostalgie und Heldenkult. Mal ist die berauschende Wirkung dieser Droge stärker, mal weniger aufregend, manchmal sogar enttäuschend schwach, wie bei der Verfilmung von „ Harry Potter und der Halbblutprinz“.

Aber vorhanden ist sie immer und gewährt dem Leser oder Zuschauer eine von Joanne K. Rowling verabreichte Dosis Realitätsflucht.

Lesen Sie auch dazu:

Die Potter-Mania: Zahlen und Fakten

Daniel Radcliffe schämt sich für Potter-Filme

Mit dem Zauberstab zur Film-Prämiere

Ein Waisenkind kämpft gegen den Fürsten der Finsternis. Sieben Bände währt diese Auseinandersetzung bis zum, wie man seit vergangenem Jahr weiß, glücklichen Ende. Gut gegen Böse, darum dreht es sich immer in Mythen und Religionen. Weil die Autorin ihren Helden geschickt mit Attributen einer trivialen Erlöserfigur ausgestattet hat, trifft uns sein Schicksal umso vieles stärker als das vergleichbarer Fantasy-Protagonisten. Harry ist der Auserwählte und trägt ein entsprechendes Mal auf der Stirn. Wie Moses oder Herkules entgeht er in seiner Kindheit knapp einem Mordanschlag. Er durchlebt Phasen des Zweifels und der Schwäche, begegnet dem Bösen aber trotz aller erlittenen Härte mit einer kindlich-unschuldigen Neugier.

Bilder aus dem Film und von der Premiere

Harry Potter: Bilder aus dem Film

Und schließlich hängen natürlich Wohl und Wehe der gesamten Menschheit von ihm ab. In „ Harry Potter und der Halbblutprinz“ gerät Harry buchgemäß in diverse Schwierigkeiten, am Ende müssen er und seine Freunde sogar den Tod des verehrten Schulleiters Dumbledore betrauern. Das zieht sich schon im Buch in die Länge. „ Harry Potter und der Halbblutprinz“ hat in der Abfolge der Rowling-Werke die relativ spannungsarme Funktion, Schauplätze, Charaktere und Motive für das Endspiel in „ Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ vorzubereiten. Wenn man sich also einen Teil der Saga ersparen möchte, darf es getrost dieses Buch sein. Denn dass Severus Snape eine der interessantesten Figuren des gesamten Potter-Kosmos ist, dürfte dem aufmerksamen Leser oder Zuschauer schon zuvor klar geworden sein.

Um die Minimalgeschichte spielfilmgerecht aufzuhübschen, legte Regisseur David Yates den Schwerpunkt seiner Inszenierung wohl überlegt auf den parallel verlaufenden Kampf der Hormone, der in Harry und seinen Kameraden tobt. Amor saust durch die Gänge von Hogwarts, trifft alle mit seinen Pfeilen – und gibt dem Film im Gegensatz zur zähen Buchvorlage eine angemessen straffe Dramaturgie. Da knutscht Ron Weasley (Rupert Grint) mit dem blonden Dummchen Lavender, Hermine (Emma Watson) wehrt sich gegen die Avancen einer tumben Sportskanone, und Harry wirft Rons Schwester Ginny so verliebte Blicke zu, dass seine Brillengläser beschlagen. Während Harry mit seinen Freunden früher in der Bibliothek nach dem Stein der Weisen fahndete, gilt das Hauptinteresse der Zauberlehrlinge in der Minne vornehmlich den Rezepten von Liebestränken und aphrodisierenden Pralinen.

Das verleiht dem Film „ Harry Potter und der Halbblutprinz“ wenigstens etwas Tempo und Witz. Doch Süchtige haben keine Wahl. Wer allerdings noch nie von Rowlings Droge gekostet hat, darf den „Halbblutprinzen“ unbesorgt überspringen und gleich auf das hoffentlich auch im Kino furiose Finale warten.

Ulrike Frick

Zurück zur Übersicht: TV & Kino

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser