Schonungslos entlarvt

"Kreuzweg": Marias Weg aus dem Leiden

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Berlin - „Kreuzweg“ von Dietrich Brüggemann entlarvt schonungslos und hervorragend kollektiven religiösen Wahn. Hier gibt's den Kinotrailer:

Der Wahn eines Einzelnen kann kuriert werden, denn meist hat er einen realen Kern. Erfasst der Wahn jedoch ein Kollektiv, verselbstständigt er sich, wird zur realen Gewalt, die eine Gesellschaft auffressen kann. Jenes Kollektiv ist in Dietrich Brüggemanns niederschmetterndem Drama „Kreuzweg“ die fiktive Religionsgemeinschaft der Paulusbrüder. Dieser ultrakonservativen Abspaltung der katholischen Kirche ist der Papst zu modern, der Gottesdienst zu volksnah und die Gesellschaft zu satanisch. Der Sekte gehört auch die Familie der 14-jährigen Maria (Lea van Acken) an. Das Mädchen steht vor der Firmung und leidet wie ein Hund. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, den Ansprüchen der Glaubensgemeinschaft zu entsprechen, deren stärkster Repräsentant die eigene Mutter (Franziska Weisz) ist, und dem Drang, ein Teenagerleben zu führen, wählt sie einen ebenso genialen wie entsetzlichen Ausweg aus der Misere.

Brüggemanns Paulusgemeinschaft erinnert nicht zufällig an die echte Piusbruderschaft. Deren Mitglieder leugnen schon mal den Holocaust, finden Schwule blöd und halten Frauen für minderwertig. Bewusst thematisieren der Regisseur und seine Schwester, die Schauspielerin Anna Brüggemann, im gemeinsamen Drehbuch nicht die üblichen religiösen Radikalinskis (Stichwort: Islamismus), sondern eine oft verlachte, mittlerweile jedoch wieder aufstrebende ultrachristliche Gemeinschaft.

Das Ergebnis ist ästhetisch fein komponiert und reich an psychologischer Tiefe. Zu Beginn besitzt das Drama noch einen ironischen, fast humoristischen Unterton, etwa wenn der Pater (Florian Stetter) mit den Firmlingen am Tisch sitzt wie Jesus und die Jünger beim letzten Abendmahl. Doch von Sequenz zu Sequenz werden die Bilder ernster und bedrückender. So hat Brüggemann seine Tragödie dem Titel gemäß in die 14 Stationen des Kreuzwegs unterteilt. Dessen Crescendo in Richtung Tod und Selbstopfer spiegelt sich auch im Sein der jungen Maria wider. Metaphorisch ähnliches widerfährt dem Zuschauer – den treibt es vom sanften Grinsen ins blanke Entsetzen.

Das Ensemble leistet Großartiges. Franziska Weisz gibt die Mutter als mythische Figur, die bedingt durch ihr Gefühl, als Frau kastriert zu sein, ihre Tochter jeglicher Sexualität berauben will. Bis in die Nebenrollen ist „Kreuzweg“ wunderbar besetzt. Das Grauen, das der Film auf hochintelligente Art in exquisite Bilder fasst, ist gegen Ende kaum mehr zu ertragen. Doch das muss so sein. Die Fratze des kollektiven Wahns jedenfalls wird schonungslos entblößt.

Katrin Hildebrand

Rubriklistenbild: © Dietrich Brüggemann/Camino Filmverleih/dpa

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