"Der Diktator": So derb ist Borats neuer Film

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In „Der Diktator“ hat sich der Brachialkomiker Sacha Baron Cohen ein dezidiert politisches Thema gewählt: Er spielt den talibanbärtigen Schwachmaten Aladeen, der gegen den Westen wettert – und von westlicher Dekadenz träumt.

Berlin - Sacha Baron Cohen ist bekannt für seinen derben Humor, der manchmal an die Grenzen des guten Geschmacks geht. In "Der Diktator" macht er seinem Ruf wieder alle Ehre, wie schon der Kinotrailer zeigt.

Wer will, kann den USA vieles vorwerfen. Eines jedoch ist Unsinn: Den Vereinigten Staaten Faschismus und diktatorisches Walten zu unterstellen. Selbst wenn es historische Phasen gegeben haben mag, in denen Teile der US-Politik darauf zusteuerten: Bevor das Land hineinglitt, schaffte es stets den Absprung.

Was das mit Sacha Baron Cohens neuestem Film zu tun hat? Eine Menge. So heißt das Werk nicht nur „Der Diktator“, es kommt diesbezüglich auch zur Sache. Der Komiker gibt darin den talibanbärtigen Schwachmaten Aladeen – als eine Mischung aus Ahmadinedschad, Gaddafi und Co., Kaiser Nero und einem rotzigen Lümmel. Dieser Aladeen beherrscht den Fantasie-Ölstaat Wadiya, will Israel vernichten und sehnt sich klammheimlich nach westlicher Dekadenz und seiner Mami. Leider wird er bei einem Besuch in den USA durch sein Double ausgetauscht und muss sich nun auf eigene Faust durchs amerikanische Großstadtleben schlagen.

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Eigentlich die besten Zutaten für eine deftige Diktatoren-Satire. Das Problem ist nur: Diesmal wechselt Baron Cohen die Fronten. Setzte er in den Vorgängerfilmen „Brüno“ und „Borat“ noch auf semidokumentarische Elemente und zog daraus die Kraft des realen Schocks, kehrt er nun zurück zur normalen Komödie, in der jeder Dialog dem Drehbuch entspringt und nicht dem Gespräch mit echten Menschen.

In diesem Genre entpuppt sich Baron Cohen als Adam Sandlers böser Bruder. Während Sandler in seinen Werken noch ganz züchtig den Fäkalhumor bemüht, stochert Baron Cohen im „Diktator“ in der Vagina einer Supermarktkundin herum und lässt Penisse gegen Fenster klatschen. So kennen, so lieben ihn all jene, die verstörende Satire und flott inszenierte Possen schätzen.

Diesmal aber hat sich Baron Cohen erstmals ein dezidiert politisches Thema ausgesucht, indem er Bezüge zu all jenen Regimes schafft, die auf Meinungsfreiheit pfeifen, Schlägerbanden auf ihre Leute hetzen, das Individuum verteufeln, Wahlen manipulieren und deren Justiz so unabhängig ist wie ein Leiblakai. In der Person des Aladeen verweist er auf arabische Diktaturen und den „Gottesstaat“ Iran. Dessen Wahnsinn thematisiert der Film mehr als deutlich: Institutionalisierter Judenhass, Vernichtungsfantasien, restriktive Sexualmoral und Frauenverachtung werden auf die derbe Sacha-Baron-Cohen-Art gründlich ausgeschlachtet. So will Aladeen ein neugeborenes Baby in den Mülleimer werfen, weil es ein Mädchen ist, oder er muss erst als erwachsener Mann lernen, dass sich dringende sexuelle Bedürfnisse ganz fix durch Masturbation lösen lassen. In solchen Momenten erreicht Baron Cohen wieder seinen alten, verstörenden Biss, wie er ihn in „Brüno“ zur Meisterschaft führte.

Manchmal allerdings wird er zu klamottenhaft, zu plump und schließlich dumm: In einem seiner letzten Monologe setzt Aladeen die USA mit einer Diktatur gleich. Schließlich gäbe es dort viele Arme, wenige Reiche, Rassismus und schlechte Gesundheitsversorgung. Das aber sind nicht die klassischen Merkmale einer Diktatur. Mit diesem falschen Vergleich redet der Film all jenen das Wort, die den Unterschied zwischen relativer westlicher Freiheit und Fundamentalismus nicht anerkennen wollen.

Katrin Hildebrand

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