Protagonisten verstricken sich in Widersprüchen

Kinofilm „Safari“: Ein starkes Stück

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Bruder und Schwester samt Beute. Das Wichtigste, so wird schnell klar, ist für Großwildjäger das Foto nach vollbrachter Tat. 

München - Von wahnsinnig komisch bis erschreckend abstoßend: Ulrich Seidl porträtiert in „Safari“ Großwildjäger in Afrika.

Und wieder fragt man sich: Wie hat Ulrich Seidl seine Protagonisten dazu gebracht, bei diesem Film mitzumachen? Denn sie stellen sich selbst bloß. Geben ihre Naivität, Ignoranz, ja, Dummheit preis. Das ist in vielen Momenten wahnsinnig komisch. In anderen erschreckend abstoßend.

Ein echter Seidl eben.

Der Österreicher, der es so meisterlich beherrscht, Menschen vor der Kamera dazu zu bewegen, sich zu zeigen, wie sie sind, ist nach Afrika gereist. Zur Großwildjagd. Die ist heute nicht mehr nur für Großkopferte erschwinglich, sondern auch für Durchschnittsmenschen wie die Familie, die das Zentrum des Films bildet. Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Ehe wir ihnen zuschauen, wie sie durch die Savanne pirschen, erzählen sie, was für sie die Faszination beim Erlegen der Tiere – O-Ton Mutter: „Ich benutze das Wort ,Töten‘ nicht, ,Erlegen‘ ist schöner“ – ausmacht; sie dürfen sich erklären. Doch leider hält nichts, was sie sagen, kritischen Fragen stand.

Da faselt die Tochter mit verschüchtertem Dauergrinsen davon, dass man der Natur ja helfe, indem man „das Stück“ töte. „Das Stück“, das sind Zebras, Gnus, Giraffen. Wobei, na, bei Giraffen und Elefanten, da dad es net mehr mitmachen, das liabe Madel aus der Alpenrepublik. Und Leoparden? Auch nicht. Weil die doch so schön ausschauen. Tun das Löwen nicht auch? „Ja, aber von den Löwen gibt’s mehr. Leoparden sind Einzelgänger, deswegen wirkt es so, dass es davon weniger gibt.“ Ah ja.

Seidl muss nicht mit Worten kommentieren, um die Widersprüchlichkeiten zwischen Reden und Handeln der Protagonisten aufzudecken, und ihre Art, sich ihr Weltbild zurechtzulegen. Das tun sie schon selbst. Stattdessen macht er es wie immer: Er arrangiert die passenden Kulissen, platziert seine Gesprächspartner wie in einem Gemälde. Mit Requisiten und in Kleidung, die wirken wie aus dem Theaterfundus herangeschafft – in Wahrheit aber tatsächlich den Interviewten gehören.

Der deutsche Besitzer einer Jagdfarm in Afrika etwa ist bemüht, den Habitus adeliger Großgrundbesitzer zu imitieren, ja noch zu übertrumpfen. Vergeblich. Wenn er so dasitzt in seinem Wohnzimmer in Gelsenkirchener Barock-Optik, die Gattin in Dreiviertelhose und Leoparden-Shirt daneben, fragt man sich: Warum die Jagd? Hier ist es das Großbürgerliche, an dem man teilhaben möchte. Und bei der Familie? Ein schräges, Gruppengefühl stiftendes Ritual, bei dem der Sohn nach dem Schuss anerkennendes Schulterklopfen erntet – und unklar ist, was bei ihm mehr Adrenalin erzeugt: die Angst vorm Töten oder davor, den Papa zu enttäuschen.

Dann sind da die Rentner, die stundenlang in ihrem Schießstand sitzen, mit Dosenbier, immer wieder schnarchend einnickend. Öde, Langeweile. Warum Jagd in Afrika? Irgendwie muss man seine Zeit wohl rumkriegen.

Doch dieser Film ist auch ein politischer. Darüber, wie wir uns die Welt Untertan machen. Die Großwildjagd als unrühmliche Krönung westlicher Dekadenz. Denn wer findet für die Touristen die Tiere? Wer transportiert die Kadaver ab, wer nimmt sie aus? Die Schwarzen. Auch sie zeigt Seidl, ihre „Kulissen“ sind das Gegenteil von protzig. Klug entschied er, sie nicht zu Wort kommen zu lassen. Als Symbol dafür, dass sie nicht gehört werden. Da bleibt auch der Zuschauer sprachlos zurück.

„Safari“

Regie: Ulrich Seidl

Laufzeit: 90 Minuten

Sehenswert

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