Filmkritik

"Imagine" - ein liebenswertes Drama

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In „Imagine“ bringt Ian seinen blinden Patienten bei, die Welt durch Akustik kennenzulernen und zu sehen.

"Imagine" ist ein liebenswertes, humorvolles Drama, das die Welt der Blinden mit den Augen erfahrbar macht. Das klingt absurd, macht allerdings Sinn - vor allem mit Edward Hogg als Blindentrainer. Eine Kritik:

Nein, das kann nicht passen. Da eiert dieser Brite durch einen Hof voll gleißender Sonne. Er hat den Habitus eines abgehalfterten Popstars, Dreitagebart, Sonnenbrille, das Gesicht fein. Er wirkt selbstsicher und zugleich verloren. Ins Bild passt er jedenfalls nicht. Schon als er die portugiesische Blindenanstalt betritt, ist der Engländer Ian ein Fremdkörper. Auch wenn wir noch nicht wissen, was uns erwartet: Schon in den ersten Minuten von Imagine macht uns Regisseur Andrzej Jakimowski gekonnt damit vertraut, dass an diesem Ort alles etwas langsamer gehen wird als draußen. Im Innenhof der Lissaboner Augenklinik gibt es nur wenige Geräusche, Gegenstände und Menschen. Wände, Mauern, der Boden, ja sogar Ians Hemd leuchten weißlich-beige, so als würde jede drastische, satte Farbe den Zuschauer irritieren. Schließlich soll dieser in den folgenden 100 Minuten die Welt der Blinden mit den Augen erfahren. Das klingt absurd, macht allerdings Sinn, sobald Ian, der neue Lehrer für räumliche Orientierung, seine Patienten in diesem reizarmen Hof mit auf akustische Entdeckungstour nimmt.

Edward Hogg spielt den blinden Blindentrainer mit viel Understatement. Ian hat ein Geheimnis, das spürt man vom ersten Augenblick an. Als er seine Schüler, allen voran die scheue Eva (Alexandra Maria Lara), lehrt, ohne Blindenstock durch die Welt zu gehen, gibt er nur einen winzigen Teil davon preis. Diesen Ian, der seine Schüler aus der Enge der Klinik in die Welt locken will, nimmt man ihm in jeder Sekunde ab. Zwar klingt der Titel Imagine schrecklich romantisierend: Dennoch ist Jakimowksi mit wenig Aufhebens und hohem Feingefühl für seine Darsteller ein liebenswertes, humorvolles Drama gelungen. Ohne in Sentimentalität zu verfallen, erzählt er die Geschichte einer Emanzipation. Dabei gelingt es ihm, die strahlenden Bilder der Stadt Lissabon in einer Zweitwelt voller Geräusche und Imagination zu doppeln.

Katrin Hildebrand

Bewertung: ✪ ✪ ✪ ✪ ✪

Abc, Atelier

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