Gewalt in der Ehe

"Die Frau des Polizisten": Jede Sekunde wert

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Berlin - „Die Frau des Polizisten“ ist kein einfacher Film, aber jede Sekunde der mitunter quälend langen 178 Minuten wert. Unsere Filmkritik samt Kinotrailer:

Gewalt in der Ehe ist ein Tabuthema. Die Übergriffe werden gewöhnlich von den Opfern sorgsam verborgen. Aus Scham und Angst schweigen die Betroffenen, so lange es nur möglich ist. Genau dieses schwierige Sujet behandelt Philip Gröning in seinem neuen Spielfilm. Deswegen ist „Die Frau des Polizisten“ auch kein einfacher Film. Schon durch die strenge Einteilung in 59 Kapitel, von denen jedes einzelne auf- und abgeblendet wird, was bewusst mit den üblichen Sehgewohnheiten bricht.

Aber „Die Frau des Polizisten“ ist jede Sekunde der mitunter quälend langen 178 Minuten wert. Sorgfältig, genau beobachtend entwirft Gröning in seinem beklemmenden Psychodrama das Bild einer nach außen harmonisch wirkenden Familie. Man sieht Mutter Christine (Alexandra Finder) und Vater Uwe (David Zimmerschied) mit der kleinen Tochter Clara beim Spaziergang. Sie sitzen daheim beim Essen oder vor der Playstation. Keine Spur von Gewalt, stattdessen scheinen die drei sich ausnahmslos selbst genug zu sein. Niemand durchdringt die Gemeinschaft. Nur Uwe hat an seinem Arbeitsplatz, einer Polizeidienststelle, überhaupt Kontakte zur Außenwelt.

Beinahe bis zur Hälfte des Films dauert es, bis erstmals Gewalt sichtbar wird: indirekt durch die blauen Flecken auf Christines Körper. Die Hämatome häufen sich, ihr ohnehin schon unterwürfiges Verhalten wird immer devoter. Plötzlich registriert man als Zuschauer die leichte Veränderung des Tons, die beinahe unmerkliche Verschiebung des Blickwinkels. Grönings berührendes Familiendrama, das im Verlauf immer mehr einem langsam erzählten Psychothriller ähnelt, stellt nicht die Gewalt ins Zentrum. „Die Frau des Polizisten“ zeigt vielmehr die Normalität in einer gewalttätigen Beziehung, in der keiner der Beteiligten nur gut oder nur böse ist. Die kühl gefilmten Bilder zeigen, wie wenig passieren muss, um eine liebevolle Beziehung in eine brutale Hölle zu verwandeln.

Ulricke Frick

Rubriklistenbild: © Philip Gröning Filmproduktion/3L-Filmverleih/dpa

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