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Dunja Hayali: Jörg Meuthen wartet mit gravierenden Wissenslücken auf

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Dunja Hayali

Für ihr monatliches Probetraining als Auswechsel-Polit-Talkerin und vielleicht zukünftige Stammspielerin hat Dunja Hayali diesmal etwas tatsächlich Neues gewagt – und gewonnen.

Gerade mal eine Stunde jeden Monat kriegt Dunja Hayali im ZDF, um zu beweisen, dass sie bei den großen Polit-Talkern wie Maischberger, Lanz und Illner mitschwimmen kann. Auf dem Papier ist Hayali eine inspirierte Wahl: eine perfekte Symbiose aus Aktivistin und Moderatorin, die innerhalb von nur zwei Jahren die Goldene Kamera und das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommt. Zudem eine wichtige Identifikations- und Symbolfigur sowohl für Deutsche mit Migrationshintergrund als auch für die LGBTQ-Gemeinde. Aber ganz ehrlich: Was soll man in einer Stunde pro Monat schon reißen?

Nachdem Hayali einige Sendungen lang durchaus souverän gezeigt hat, dass sie den Polit-Talk-Tagesbetrieb beherrscht (was sie schon bei ihren Sommervertretungen für Maybrit Illner unter Beweis stellte), hatte sie nun eine neue, bessere Idee: Nicht zeigen, dass man es genauso gut kann. Sondern zeigen, was man alles besser machen könnte. Wie wäre es zum Beispiel mit einer dringend benötigten neuen Idee für den Umgang mit der AfD?

Dunja Hayalis originelle Idee: AfD das konkrete Bürgertum vorgesetzt

Die Alternative für Deutschland ist ein kaum zu lösendes Dilemma für den deutschen Talk-Betrieb*. Lädt man die Rechtspolitiker ein, gibt es einen Shitstorm, weil man radikale Meinungen normalisiert und als gleichberechtigt darstellt, anstatt sie vorab zu verurteilen. Wenn man sie aber abkanzelt, handelt man sich den Vorwurf ein, dass das tendenziöse Elitenfernsehen die von der Gesellschaft ohnehin vergraulten Anhänger nur noch weiter radikalisiert. Selbst eine Bloßstellung der nicht selten idiotischen und widersprüchlichen Positionen der wenig reflektierten Rechtspopulisten mit journalistischen Techniken scheint einfach zu verpuffen.

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An dieser Stelle setzt Hayalis durchaus originelle Idee an: Wenn die Journalisten die AfD-Politiker nicht bloßstellen dürfen, weil sie ja angeblich so tendenziös und abgehoben von der Bevölkerung sind – warum es nicht die Bevölkerung selbst machen lassen? Warum nicht der selbst-erklärten „bürgerlichen“ Partei das konkrete Bürgertum vorsetzen? Hayali hat dafür den AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen mit einem Unternehmer für erneuerbare Energien, einer Schulleiterin und einem Arbeitsvermittler für Geflüchtete zusammengesetzt, um die Parteipositionen der AfD doch mal einem Realitätstest zu unterziehen.

Dunja Hayali hat auch kein Allheilmittel gegen grassierende Polit-Idiotie

Um es vorweg zu nehmen: Dunja Hayali hat auch kein Allheilmittel gegen die grassierende Polit-Idiotie in unserer derzeitigen Gesellschaft gefunden. Und es bleibt auch die Frage, ob so ein Polit-Talk überhaupt das richtige Forum für eine Demaskierung der AfD ist – man hat den Verdacht, dass weder eine Analyse des Parteiprogramms noch die nuancierten abendlichen Talkshows wirklich ausschlaggebend für die AfD-Wähler waren. Und doch ist es ein bemerkenswertes Konzept, das überraschend gut aufgeht. 

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Jedesmal, wenn Hayali AfD-kritische Stimmen aus der Wirtschaft aufbringt, will Meuthen diese als fremdgesteuert hinstellen – das ist schon eine effiziente Strategie, eventuellen bürgerlichen AfD-Sympathisanten diese Partei abspenstig zu machen. Und von da wäre es nicht mehr weit, bis die AfD das eigene Zielpublikum beleidigt.

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Vor allem beim Thema Klimapolitik sondert Herr Meuthen so einige absonderliche Thesen ab. Er streitet eine Beteiligung des Menschen am Klimawandel zwar nicht komplett ab, holt aber trotzdem längst widerlegte und absonderliche Kamellen wie „Sonnenaktivität und ähnliches“ aus der Mottenkisten. Alle wissenschaftlichen Studien sagen das gleiche? Ja, aber keiner kann sie „alle auf einmal lesen“ – was für ein Argument. Und: „Da ist auch ziemlich viel Unfug dabei.“ Seine Erklärung für die Erderwärmung: „Bevölkerungswachstum ist das Kernproblem, und das findet nicht hier statt.“ Aha. Wie einst schon Gloria von Thurn und Taxis attestierte: Es ist also mal wieder die Schuld der Schwarzen, die schnackseln zuviel.

Jörg Meuthen bei Dunja Hayali: Subventionen für grüne Umwelttechnologie und Braunkohle streichen

Hier merkt man die gravierendsten Wissensdefizite des Wirtschaftswissenschaftler Meuthen. „Ich kenne kaum etwas Problematischeres für den Umweltschutz als Windräder.“ Mal abgesehen davon, dass er die Erklärungen des Fachmannes zum Thema Anlagenrückbau schlicht ignoriert: Wirklich? Er kennt nichts Schlimmeres? Hat er schonmal Braunkohleabbau gesehen? Apropos Braunkohle: Herr Meuthen will nicht nur die Subventionen für grüne Umwelttechnologie streichen, sondern die für Kohle übrigens gleich mit. Hat das schonmal jemand den Wählern in der Lausitz geflüstert? Vielleicht wäre die Brandenburg-Wahl dann nicht ganz so deprimierend ausgefallen.

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In Sachen Bildung bekommt es Meuthen mit einer resoluten Gemeinschaftsschulleiterin zu tun, die bei aller pädagogischer Geduld schwer an sich halten muss, nicht zu explodieren. Dass inklusive und gemeinschaftliche Schulformen mehr individuelle Freiheit und Entfaltung der Schüler erreicht, wird von Meuthen schlicht umgedeutet zu „Einheitsschule“ und Gleichmacherei, die alle Kinder in die selbe Schublade stecken will. Aber hier zeigt sich die Stärke des Formats: Die Schulleiterin hat einen erheblichen „Ich bin doch vor Ort, ich sehe die Ergebnisse“-Autoritätsvorsprung, während Meuthen mit seinen „Ich habe auch fünf Kinder“-Pädagogiknachweisen auch vom Publikum eher ausgelacht wird. Es wird zumindest klar, dass Meuthen und die AfD kein eigenes Konzept für die Zukunft der Bildung haben, sondern nur das klassische „In meiner Kindheit war alles besser, so sollten wir es ewig weitermachen.“

Manchmal vernachlässigt Hayali ihren Job etwas

Nur manchmal vernachlässigt leider auch Hayali ihren Job etwas. Immer wieder gibt es radikale Unterschiede zwischen dem AfD-Programm und Meuthens scheinbar privaten Positionen, ohne dass er darauf hingewiesen oder um Aufklärung gefragt wird. Zu viele Steilvorlagen seiner Wissenslücken bleiben unverwandelt von den Gästen oder der Moderatorin. Als Meuthen mit dem Zitat eines hochrangigen AfD-Mitglieds konfrontiert wird, der Kinder mit Trisomie 21 mit einer „ansteckenden Krankheit“ vergleicht, drückt er Abscheu über diese „fürchterliche Aussage“ aus. Aber wie es sich anfühlt,eine Partei mit solchen und noch schlimmeren Parteispitzen öffentlich verteidigen zu müssen, das fragt ihn niemand. „Wir sind keine Extremisten.“ „Wir sind keine rassistische Partei.“ „Wir sind missverstanden.“ - Hier hätte es einiges Potential zur Aufklärung eines Parteisprechers gegeben, der Ignoranz vorgibt, was in seiner eigenen Partei so geredet wird. Schade, dass ihn niemand aus dieser Leugnung herausreißt.

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Beim Thema Einwanderung ist Meuthen auf seinem vermeintlich stärksten Gebiet. Er nimmt die einzige Position ein, die für einen AfD-Sprecher ehrlich sein kann: „Wir wollen die Integration nicht. Wir halten davon nichts, wir brauchen das auch nicht.“Es folgen einige schön zurechtgebogene Statistiken über Geflüchtete in DAX-Unternehmen, die von Hayali immerhin zurechtgerückt und korrigiert werden. Trotzdem ist die ganze Argumentation natürlich, typisch für den rechtspopulismus, komplett paradox: Die nehmen uns allen die Jobs weg; und schaut nur, wie wenig Jobs die überhaupt kriegen. Wir wollen nicht, dass diese Menschen sich hier integrieren; aber schaut nur, wie fremdartig und unangepasst die hier sind.

Hat Jörg Meuthen das große Thema der Neunziger verschlafen?

Aber die größte Enttäuschung ist vermutlich, dass dieser alteingesessene Wirtschaftswissenschaftler offensichtlich das große Thema der Neunziger komplett verschlafen hat: den demographischen Wandel, der uns allen eine überforderte Arbeiter-Generation und unbezahlbare Rentnermassen versprochen hat. 

Einige, auch nicht gerade deutschlandfreundliche, internationale Zeitungen haben ja gemutmaßt, dass Merkels Landesöffnung für Geflüchtete ein egoistischer Akt zum Ausgleich der überalternden Bevölkerung war. Zumindest hört man vom Problem des demographischen Wandel derzeit nicht mehr so viel. Wenn man ihn jetzt auch noch unter den wahlberechtigten Deutschen ausgleichen könnte, würde die politische Landschaft vielleicht etwas gesünder aussehen.

Von D.J. Frederiksson

Dunja Hayali, ZDF, von Mittwoch, 4. September, 22.45 Uhr. Die Sendung im Netz

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