"Tänzer auf Krücken" dreht in Aschau

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Das Filmteam des Bayerischen Rundfunks im Interview mit Dergin Tokmak (rotes Stirnband), dem ehemaligen Internatsleiter Pater Max Sturm (rechts) sowie Dergins Friseur und Masseur Heinz Schmitt.

Aschau am Inn - Dergin Tokmak, der "Tänzer auf Krücken", der es bei der TV-Sendung "Supertalent" bis ins Finale schaffte, war früher im Berufsbildungswerk Waldwinkel - jetzt kam er zurück!

Das Berufsbildungswerk Waldwinkel hatte seinen berühmtesten Absolventen und ein Filmteam zu Gast. Dergin Tokmak, der "Tänzer auf Krücken", war von 1989 bis 1994 in der Einrichtung, um eine Ausbildung zum technischen Zeichner zu machen. Der BR dreht mit dem "Supertalent"-Finalisten einen Beitrag für die Reihe "Lebenslinien". Auch in seinem Buch "Stix" erzählt er aus seiner Zeit im BBW.

Dergin Tokmaks "Lebenslinien" werden derzeit vom Bayerischen Rundfunk verfilmt. Dazu kam das Filmteam mit dem "Tänzer auf Krücken" ins Berufsbildungswerk Waldwinkel, um Interviews und Aufnahmen zu machen. Als Vorlage für die Dokumentation dient sein im Mai erschienenes Buch "Stix - Mein Weg zum Tänzer auf Krücken".

Tokmak ist Augsburger und der Sohn türkischer Einwanderer. Er war noch kein Jahr alt, als er an Kinderlähmung erkrankte. Seine Beine konnte er nicht benutzen. Als Jugendlicher kam er mit Breakdance in Berührung und schaffte sich im Hinblick auf seine Krücken den Künstlernamen "Stix" an.

Der junge Mann entwickelte einen eigenen Tanzstil, mit dem er sich kontinuierlich in der deutschen Hip-Hop-Szene etablierte. Er tanzt auf den Krücken. 2003 bekam er als einziger körperbehinderter Künstler ein Engagement bei "Cirque du Soleil" in "Varekai" und mimte den "hinkenden Engel".

2011 machte der heute 39-Jährige Schlagzeilen, als er bei "Supertalent" ins Finale einzog (wir berichteten). Die Jury - bestehend aus Dieter Bohlen, Motsi Mabuse und Sylvie van der Vaart - zeigte sich begeistert von seine Stärke. Er sei ein Vorbild und habe sich von seinem Handicap nicht unterkriegen lassen.

Und das will Tokmak auch in seinem Buch vermitteln. Keine Behinderung sei zu einschränkend, um jemand vom Tanzen abzuhalten. "Meine Hoffnung als Künstler ist, der Welt zu zeigen, dass es in jedem Menschen eine schöpferische Seele gibt, ganz gleich, ob er eine Behinderung hat, oder nicht", schreibt Dergin Tokmak.

Dergins Auftritt beim "Supertalent" 2011. Foto

Nicht immer ruhte er so in sich selbst. Als Teenager hatte er seine Probleme - mit Regeln und Autoritäten sowie mit Rückschlägen. Als er 17 Jahre alt war, begann er im Berufsbildungswerk Waldwinkel eine Ausbildung zum Technischen Zeichner. In seinem Buch widmet er dieser Zeit ein Kapitel: "Mein Knast". So nannte der Augsburger das spezialisierte Internat. Dort herrschten strenge Regeln - die waren laut Dergin Tokmak auch notwendig, denn dort waren junge Menschen mit körperlichen Behinderungen und/oder mit psychisch bedingten Leistungs- und Anpassungsstörungen - zu Deutsch "ein Heim für Schwererziehbare und Körperbehinderte", heißt es im Buch.

Schule geschwänzt, um auf Tour zu gehen

Auf Nachfrage der Zeitung erklärte er, die strengen Salesianer-Regeln könnte man heute ein wenig dem Zeitgeist anpassen. Aber die Ausbildung im BBW sei eine super Möglichkeit für Menschen mit Behinderung. In anderen Ländern gebe es so ein Angebot nicht. Andererseits habe man Behinderte so auch "wegsperren" können. Zum Glück gebe es heute die Inklusion.

Als Jugendlicher wollte er dort nicht hin - bei dem bedrohlichen Wort ,Heim' habe er schon die Krise bekommen, wie er im Buch beschreibt - aber es war der Wunsch seiner Eltern, denn die staatlich geförderte Maßnahme war wohl seine einzige Chance auf eine solide Ausbildung. Doch Dergin hatte nur das Tanzen im Kopf und so schwänzte der damals 17-Jährige einfach tagelang die Schule, um mit einer Hip-Hop-Gruppe und dem damals noch unbekannten "Fantastischen Vier" als Vorgruppen der berühmten "Run-DMC" auf Tour zu gehen.

Ein Erinnerungsfoto auf dem Tödtenberg:Pater Bernhard Stiegler und Dergin Tokmak. Im Hintergrund eine nuegierige Kuh.

Dergin, der von so etwas immer geträumt hatte, witterte seine große Chance. Im Endeffekt war die Sache ein Flop, er bekam nicht viel Gelegenheit, seine Kunst zu zeigen, das Team passte nicht zueinander und das versprochene Demo-Tape sprang auch nicht raus - das Bewusstsein, wie hart das Showbusiness ist, traf ihn mit voller Wucht. "Außer Spesen nichts gewesen", resümiert der Künstler. Allerdings schwärmt er von den positiven und respektvollen Begegnungen mit "Jam Master Jay" von "Run-DMC", der ihn ermutigte, weiterzumachen.

Als der Schulschwänzer wieder in Waldwinkel auftauchte, bekam er eine Standpauke von seinem Meister, der ihm zwar ein Nachsitzen bescherte, aber verhinderte, dass er von der Schule flog. Ludwig Mangstl erklärt auf Nachfrage der Zeitung, dass Dergin 22 Tage geschwänzt hatte - und diese musste er an 22 Samstagen nachholen. Dergin war noch nicht volljährig und verschwand einfach ohne ein Wort - daher konnte man ihm einen Denkzettel nicht ersparen, wie Mangstl erklärt.

Trotzdem ein Pfundskerl, der Mangstl, wie Dergin immer schon wusste. Verstanden hat Mangstl die Motive seines Schützlings sehr wohl. "Ich hätte das auch gemacht, denn es war ja sein Traum", verrät der Meister. Allerdings hätte er es mit der Einrichtungsleitung besprechen sollen, um eine offizielle Erlaubnis zu haben.

Mangstl beschreibt Dergin Tokmak "als gar nicht so schwierig, dafür ein wenig ausgeflippt". "Der ist nie normal mit seinem Rollstuhl einfach in einem Raum gefahren, sondern hat immer noch ein paar Drehungen eingebaut", erinnert er sich. Außerdem sei der junge Bursche immer nach den neuesten Trends gekleidet und frisiert gewesen.

"Dergin ist unser berühmtestes Kindl"

Als er seinen ehemaligen Schüler beim BR-Interview nun wieder traf, sah er sich einem "reifen und erwachsenen Mannsbild" gegenüber, der das Leben heute anders sehe als damals. Dergin habe seine alte Ausbildungsstätte besichtigt und sei begeistert gewesen von den technischen Neuerungen.

Und er wurde in der Einrichtung umlagert wie ein Star, sollte Autogramme geben, sogar was vortanzen. "Er ist eben unser berühmtestes Kindl", lacht sein ehemaliger Meister, der berichtet, dass für die "Lebenslinien" auch in den USA und Kanada gefilmt wurde. Das Ergebnis des zwölftägigen Drehs werde Anfang 2013 ausgestrahlt.

Dergins Werdegang findet Mangstl "super". Allerdings wies er darauf hin, dass der "Tänzer auf Krücken" diesen Beruf als Hochleistungssportler nicht ewig machen könne und hoffe, dass er einen Plan B habe. Den hat er nicht wirklich, wie er zugibt. Denn er genieße das Jetzt. Mit 50 sieht sich der artistische Künstler nicht mehr auf der Bühne. Er könne sich vorstellen, seine Erfahrungen als Motivationstrainer weiterzugeben - an junge Leute. Nochmal in die Schule zu gehen, will er heute nicht mehr ausschließen. Der Bereich Mediengestaltung und Grafik hat es ihm angetan.

Seine Ausbildung in Waldwinkel hat Dergin Tokmak im Übrigen mit der Note zwei bestanden, wie ihm Buch zu erfahren ist. Die Zeit in Waldwinkel - Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre - war nicht einfach für ihn. Er sei durch seinen Zimmernachbarn auch mit Drogen in Berührung gekommen - die Joints seien "eine Krücke" gewesen, um seine Probleme vorübergehend zu vergessen. Glücklicherweise brauchte er die nicht lange, wie er schreibt, denn am Ende waren es die Musik und das Tanzen, die ihn aufrecht erhielten. Wenn er heute an Waldwinkel zurückdenkt, sagt er, er habe die Einrichtung "im Positiven verlassen". Und genau so sei man ihm jetzt bei den Dreharbeiten begegnet.

In seinem Buch beschreibt der Augsburger nicht nur die Triumphe, sondern auch die Rückschläge, die er einstecken musste, um "sein Ding" zu machen. Die Botschaft: Es lohnt sich für jeden, für seine Träume die Zähne zusammenzubeißen und dafür zu kämpfen. "Stix" ist im Irisiana Verlag erschienen und für 19,99 Euro zu haben.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

Quelle: rosenheim24.de

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