Wimbledon oben ohne

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War ja klar: Kaum hat Wimbledon ein Dach, wird es nicht mehr gebraucht.

London - So musste es ja kommen. Kaum hat Wimbledon seinen legendären Center Court mit einem Glasdach überspannt, da wird bei den All England Championships Tennis ohne einen Tropfen Regen gespielt.

Mindestens bis zum kommenden Freitag, so die Prognose der in früheren Jahren vielbeschäftigten Meteorologen des Londoner Wetterdienstes, soll es trocken, sonnig und heiß bleiben. Der Center Court bleibt oben ohne.

“Wir haben das Dach nicht gebaut, weil wir auf Regen hoffen, sondern damit wir auch bei Regen weiterspielen können“, betonte der Geschäftsführer des All England Lawn Tennis & Crocket Clubs, Ian Ritchie. Für das Dach, das sich einer Ziehharmonika gleich binnen zehn Minuten schließen lässt und zusammen mit dem Umbau des Courts rund 120 Millionen Euro gekostet hat, war jahrzehntelang gestritten worden. Die Traditionalisten wollten nicht, doch das Fernsehen drohte - und das TV-Geld siegte.

Wimbledon konnte sich den Neuerungen nicht verschließen, zumal der Konkurrenzkampf mit den anderen drei Grand-Slam-Veranstaltern hart ist. Dem tragen die Macher an der Church Road seit mehr als 13 Jahren Rechnung, ohne dass es den Zuschauern wirklich bewusst wird. Der Mythos und der einzigartige Charme sind durch die umfangreichen Um- und Ausbauten nicht beschädigt worden. Auch in den kommenden Jahren soll die gepflegte Anlage im Londoner Südwesten weiter verändert werden.

Nach diesem Wimbledon rücken die Bulldozer wieder an. Dann wird der legendäre “Friedhof der Stars“ abgerissen. An seiner Stelle wird ein kleines modernes Stadion entstehen, ähnlich dem, das am Rande der Anlage dieses Jahr eingeweiht wurde. Auf diesem schmucken Platz, der immerhin 4000 Zuschauern Platz bietet, wird die Kunst deutlich, Tradition und Moderne funktionell zu vereinen. Müßig zu erwähnen, dass auch dieses Mini-Stadion gepolsterte Sitze hat, ohne Werbebanden auskommt und im obligatorischen Dunkelgrün gehalten ist.

Angefangen hat der Wandel in Wimbledon mit dem Abriss des alten Courts No. 1, den Spieler, Medien und Fans ehrfurchtsvoll “Hinterhof des Henkers“ nannten. Dieser Platz, auf dem sich Boris Becker den Arm brach, den der fünfmalige Champion Roger Federer aber nur vom Hörensagen kennt, musste einem neuen Spielertrakt und Pressezentrum weichen. Er wurde auf einer Wiese unweit des Center Courts neu gebaut. Ohne Dach, was damals selbstverständlich war, schon bald aber geändert werden soll.

“Wimbledon verändert sich ständig, aber niemand empfindet es als störend“, meinte Becker, der auch in diesem Jahr als Kommentator für die BBC arbeitet. Wie früher in Regenpausen üblich, sind die großen Matches des dreimaligen Wimbledonsiegers in diesem Jahr noch nicht einmal über die Bildschirme geflimmert. Das wird sich auch kaum ändern, denn quälende Wartezeiten wird es dank des Ziehharmonika-Dachs nicht mehr geben.

dpa

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