Turner Philipp Boy holt EM-Gold

Philipp Boy
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Philipp Boy nach seinem EM-Titel

Berlin - Jahrelang stand er im Schatten des großen Fabian Hambüchen. Jetzt hat Philipp Boy das verletzungsbedingte Fehlen des hessischen Rivalen zu seinem ersten großen Einzeltitel genutzt: Gold bei der EM.

Philipp Boy ballte immer wieder die Siegerfaust, umarmte seine Teamgefährten und ließ sich auf der Euphoriewelle treiben: Der 23-jährige Cottbuser ist am Freitag in die Fußstapfen von Fabian Hambüchen getreten, der vor zwei Jahren in Mailand den bislang einzigen deutschen Mehrkampf-Titel in der Geschichte von Turn-Europameisterschaften erobert hatte und wegen Verletzung in Berlin als ARD-Co-Kommentator dabei ist. Dabei steigerte sich Boy mit einer großartigen Aufholjagd in eine Top-Form und zog mit 88,875 Punkten in einer irren Wimpernschlag-Entscheidung erst an den beiden letzten Geräten an allen Mitfavoriten vorbei.


Marcel Nguyen lächelte hingegen etwas gequält. Als Sechster verpasste er das Siegerpodest (87,550), nachdem er 20 Stunden zuvor noch Zweiter der Qualifikation gewesen war. Silber ging mit 0,05 Punkten Rückstand an den Rumänen Flavius Koczi (88,825) vor den beiden punktgleichen Dritten Daniel Purvis (Großbritannien) und Mykola Kuksenkow (Ukraine/beide 88,350).

“Ein Traum ist wahr geworden. Ich habe noch nie so einen spannenden und krassen Wettkampf erlebt. Wahnsinn“, meinte Philipp Boy euphorisch. “Ich habe so viele Fehler gemacht, aber ich habe mich durchgekämpft und bin für meinen Kampf mit dem Titel belohnt worden“, sagte der 23-jährige Sportsoldat. “Das war eine Achterbahnfahrt mit allen Höhen und Tiefen“, stöhnte sein Heimtrainer Karsten Oelsch. Und DTB-Präsident Rainer Brechtken jubilierte: “Das war der verrückteste Wettkampf meines Lebens. Ich freue mich für Philipp.“


Für den Lausitzer “Sonnyboy“ hatte der Wettkampf mit einer Ernüchterung begonnen. Am Pauschenpferd fehlte ihm die Kraft, um den Abgang ordentlich vorzubereiten. Das wurde hart bestraft. Konsequenz: Nur Platz 20.

Danach setzte Boy zu einer phänomenalen Aufholjagd an und schob sich mit einer starken Ringe-Übung (14,625) auf Platz 12. Nach einem Super-Sprung (15,95) war er Siebter. Am Barren musste er einmal aufsitzen (14,20), damit galt am Reck schon das “Alles oder Nichts“: Doch so sauber wie am Vortag brachte er seine auf Sicherheit geturnte Übung nicht durch und hatte vor dem abschließenden Boden noch 0,6 Punkte Rückstand auf den Rumänen Koczi. Dank großer Nervenstärke gelang es Boy, diesen Rückstand aufzuholen (15,15) und den Rumänen noch zu übertrumpfen. “Als der Sportdirektor sagte 'Philipp, Du hast gewonnen' habe ich nur den Kopf geschüttelt. Ich kann es jetzt immer noch nicht glauben“, meinte er in der Mixed-Zone.

“Ich wollte nicht der Favorit sein. Aber jetzt habe ich gespürt, wie geil dieses Gefühl ist. Unbeschreiblich“, brüllte er ins TV-Mikrofon, um die begeisterten Zuschauer zu übertonen. “Das ist der Tag meines Lebens. Ich setze den Titel über den zweiten Platz von der WM in Rotterdam. Gold - hier vor Heimpublikum - ist so was von fantastisch.“

Marcel Nguyen ging sein zweites internationales Mehrkampf-Finale nach der WM 2009 voller Leichtigkeit an, ließ sich zunächst von der kochenden Atmosphäre inspirieren und bot wie schon am Vortag an den ersten drei Geräten stabile Leistungen. Vor allem am Barren unterstrich der Bayer seinen Medaillenhunger für das Finale am Sonntag (15,325). Am Reck schlug dann aber für ihn die “schwarze Sekunde“: Er stürzte bei der Kombination nach Adler halbe Drehung und Kovac-Salto und musste Einbußen von rund 1,5 Punkten hinnehmen. Die Medaille war futsch. “Ich bin trotzdem zufrieden, weil ich wusste, dass es schwer wird, die Leistung vom Vortag zu wiederholen“, meinte er zu seinem ersten Wettkampf nach überstandener Zwangspause wegen Wadenbeinbruchs.

dpa

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