Schwimmstar Steffen mag nicht nass werden

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Britta Steffen will bei den deutschen Meisterschaften wieder angreifen

Berlin - Zehn Monate nach den beiden Olympia-Siegen stehen für Britta Steffen die ersten ernsthaften Wettkämpfe an: Von Mittwoch an geht sie bei den deutschen Meisterschaften an den Start.

In einem dpa-Interview spricht die 25- Jährige über ihr Leben als Olympiasiegerin, ihren Respekt vor dem Meer, das Doping-Problem und den Ärger mit den High-Tech-Anzügen.

Sie trainieren pro Tag mehrere Stunden im Wasser, gehen Sie eigentlich noch privat schwimmen?

Steffen: “Wenn ich Freizeit habe, dann mache ich lieber was an Land. Ich mag es eigentlich gar nicht so, immer nass zu werden. Aber das bringt das Schwimmen mit sich (...lacht).“

Woher kommt der große Respekt einer Olympiasiegerin vor dem offenen Meer?

Steffen: “Ich habe mich mal beim Wellenreiten überschlagen und wusste nicht mehr, wo oben und unten ist. Die Macht des Wassers habe ich da schon mitbekommen und mich entschieden, mich nicht mit dem Wasser anzulegen. Ich würde meine schwimmerische Leistung nicht überschätzen und lieber sagen: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Im Becken bin ich eine ganz gute Schwimmerin, aber im Meer überschätze ich mich gar nicht.“

Wie ist die Form vor der am Mittwoch beginnenden Meisterschaft?

Steffen: “Grundsätzlich sollte die DM eine Durchgangsstation sein. Wir haben jetzt nicht 100-prozentig auf die deutschen Meisterschaften hin trainiert. Deshalb werde ich da noch nicht meine absolute Topleistung bringen. Ich hoffe, dass es aber trotzdem dafür reicht, mich für die 100 Kraul zu qualifizieren und dann bei der WM mein Rennen vernünftig abzuliefern.“

Das letzte verbliebene Ziel - Weltmeisterin - bleibt?

Steffen: “Das Ziel bleibt grundsätzlich, aber ich bin Realist genug, dass es nicht leicht werden wird. Die (Olympia-Zweite Lisbeth) Trickett ist konstant 53 Sekunden geschwommen, das ist eine starke Konkurrenz wie auch Marleen Veldhuis und dann gibt es immer noch ein bis zwei Überraschungen. Es ist natürlich nicht leicht, aber wenn man das höchste Ziel nicht anstrebt, kann man nicht das erreichen, was man erreichen will.“

Ist die Problematik der High-Tech-Anzüge durch die Regeln der “Dubai- Charter“ des Weltverbandes FINA gelöst?

Steffen: “Es sollte verschärfte Regeln geben, ähnlich wie in der Formel 1. Ich finde es halt nur schade, weil Schwimmen nie ein teurer Sport war. Anzug, Kappe, Brille, das war's. Mittlerweile sagen Zwölfjährige, dass sie nur noch schnell schwimmen können, wenn sie auch so einen Anzug haben. Das sind dann halt 350 Euro. Die kleinen Kiddies schwimmen damit, lernen überhaupt nicht mehr die Technik und verlassen sich auf den Anzug, dieses Hilfsmittel. Das ist eine Abhängigkeit, die da entsteht. Das könnte ein Grund sein, zu verzagen und zu sagen, 'ich habe eh kein gutes Material', zu resignieren und aufzugeben, obwohl sie vielleicht die besseren Schwimmer sind. Das finde ich etwas traurig.“

Besteht die Gefahr, dass die Sportart Schwimmen durch die andauernde Anzug-Diskussion und die Weltrekordflut Schaden nimmt?

Steffen: “Einerseits hat sie schon großen Schaden genommen. Das Ansehen derer, die Weltrekord schwimmen, ist unglaublich gesunken. Wie lange ist man heutzutage Weltrekord-Halter? Vielleicht zwei oder drei Wochen. Damit kannst du heute keinen mehr locken, das finde ich schon echt traurig. Durch das High-tech-Material schwimmen Leute schnell, die nicht vom Urtypus die Veranlagung zum Schwimmer hätten. Früher hieß es: schmalgliedrig, groß. Jetzt ist es eher so, dass klein und wuchtig Vorteile hat, weil sie viel Kraft haben und der Anzug das Übrige tut. Es ist vielleicht ein bisschen fies, wenn ich das sage, aber es geht schon in die Richtung, dass eher Typen gute Leistungen bringen, die in Badeanzügen nicht so erfolgreich schwimmen würden. Mit diesem neoprenartigen Material kannst du auf 100 Meter vielleicht anderthalb Sekunden schneller sein. Das ist schon eine andere Welt.“

Was könnte die Lösung sein?

Steffen: “Es fragt sich, ob es in den nächsten Monaten überhaupt zu einer Lösung kommt. Man hätte viel früher erkennen müssen, wohin diese Anzugdiskussion führt. Niemand weiß, woher der Effekt bei bestimmten Materialien kommt, aber alle wissen, dass es einen Effekt gibt. Was will ich verbieten, wenn selbst die Wissenschaft nicht weiß, welchen Effekt welcher Anzug bringt? Die einzige Lösung, die ich mir vorstellen kann, ist irgendwann ein allgemeingültiger Anzug, auf den jeder Hersteller sein Logo druckt. Aber dann würden sich vielleicht verschiedene Unternehmen rausziehen aus dem Schwimmsport. Früher hatten wir sechs Firmen, mittlerweile 27, weil alle das große Geschäft wittern.“

Gab es nach dem Doppel-Olympiasieg den Gedanken an Rücktritt?

Steffen: “Klar, im Moment fühle ich mich auch sehr mutig. Natürlich wäre es sehr leicht gewesen, zu sagen, jetzt ist Schluss. Grundsätzlich geht es aber nicht darum, mit einem guten Image abzutreten. Man macht es doch, weil es einen erfüllt, sonst gehe ich nicht vier Stunden ins Wasser. Ich will meinen Körper trainieren und meinen Geist. Das ist für mich eine gute Definition von Leben, wenn man sich beides gönnt, das ist ein Luxus-Zustand. Von daher mache ich noch ein paar Jahre weiter. Dazu gehört auch, dass man verlieren kann.“

Aber die Olympiasiege über 50 und 100 Meter Freistil bleiben...

Steffen: “Den Druck, den ich da hatte, dem wollte ich mich entziehen. Ich habe kurz vorher gesagt, ich schwimm das nicht. Ich war einfach nur bockig, weil ich Angst davor hatte, was passieren kann. Das war mit Abstand das psychisch Aufwendigste, was ich jemals erlebt habe. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das noch mal erleben wollte. 50 Meter sind ein Klacks, aber 100 Meter sind schon der Hammer, auch taktisch. Eben das Prestigerennen.“

Welche Werte sind Ihnen wichtig?

Steffen: “Ehrlichkeit, Treue, Beständigkeit. Dass man auch ehrlich im Sport ist. Mir macht kein Sieg Spaß, wenn er nicht ehrlich herbeigeführt worden ist. Auch, wenn man Doping unterstellt bekommt, aber das ist nun mal nicht zu ändern. Die Einzige, die wirklich wissen kann, ob ich dope, bin ich. Dann bekommt man die Ruhe und Gelassenheit, wegzuhören, wenn andere so etwas erzählen. Du machst es für dich und weißt, was richtig und falsch ist.“

Inwieweit wird Doping unter Weltklasse-Schwimmern thematisiert?

Steffen: “Es wird viel drüber gesprochen, dass das alles ja gar nicht sein kann. Mittlerweile gab es vor der Anzugdiskussion kaum ein anderes Gesprächsthema mehr bei irgendwelchen internationalen Wettkämpfen. Es wurde nur noch ungläubig mit dem Kopf geschüttelt, wenn irgendwelche Leistungen erbracht worden sind.“

Brauchen wir strengere Anti-Doping-Gesetze, inklusive Gefängnisstrafen?

Steffen: “Meistens steckt ja ein System dahinter, Leute, die es dir anbieten, diese sollte man eher verfolgen als die Sportler an sich. Es gibt manche Sportler, die sich verkaufen würden, die sind dann vielleicht auch psychisch krank, für mich ist das nicht normal. Wenn jemand gedopt hat, ist er in meinen Augen kein fairer Sportler. Wer bewusst etwas genommen hat, um andere zu betrügen, dem sollte nie wieder eine sportliche Karriere ermöglicht werden.“

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Steffen: “Ich würde gerne einen Beruf machen, der mir Spaß macht, mich erfüllt, der mir genug Zeit für meine Familie und meinen Garten lässt - und dann bin ich zufrieden.“

Haben die Olympiasiege Sie verändert?

Steffen: “Grundsätzlich bin ich entspannter geworden, hab mir halt irgendwo einen Lebenstraum erfüllt. Bodenständig bin ich aber trotzdem geblieben, weil meine Familie auch darauf achtet. Ich glaube nicht, dass ich mich großartig verändert habe, außer, dass ich eine andere Gelassenheit in mir trage.“

Sie drängen von sich aus nicht in die Öffentlichkeit, wie wichtig ist es Ihnen, sich persönliche Freiräume zu erhalten?

Steffen: “Total. Nichts ist schöner für mich, als eine Freundin zum Frühstück zu treffen oder mit meiner Familie Geburtstag zu feiern. Das macht mich wirklich glücklich, das erfüllt mich auch. Wenn ich auf einer Glamour-Party bin, dann ist das eine tolle Erfahrung, aber eben auch Theater.“

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