Nach Herzschlagfinale

Handball-Liga offen für Regel-Revolution

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Der THW Kiel sicherte sich den Titel denkbar knapp.

Hamburg - Nach dem irren Meisterschaftsfinale steht der Modus der Handball-Bundesliga heftig in der Kritik. Die Liga ist für Änderungen offen.

Tordifferenz, direkter Vergleich oder sogar ein Entscheidungsspiel: Nach der hauchdünnen Zwei-Tore-Meisterschaft des Rekordchampions THW Kiel werden die Rufe nach einer Modus-Änderung in der Handball-Bundesliga (HBL) lauter. Die Liga-Spitze steht einer möglichen Regel-Revolution offen gegenüber.


„Unser Herz hängt da nicht dran“, sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann am Montag: „Wenn es dafür eine Mehrheit gibt, können wir die Spielordnung gerne ändern.“ Das aktuelle Reglement war zuvor heftig in die Kritik geraten, nachdem Kiel nur aufgrund der um zwei Treffer besseren Tordifferenz (1114:878) gegenüber den Rhein-Neckar Löwen (1126:892) die Meisterschaft gewonnen hatte.

Direkter Vergleich als Lösung?

„Das ist totaler Schwachsinn, dass die stärkste Liga der Welt über die Tordifferenz entschieden wird. Da muss man sich Gedanken machen“, sagte Löwen-Trainer Gudmundur Gudmundsson, dessen Team trotz eines Sieben-Tore-Polsters am letzten Spieltag noch abgefangen worden war. Und so brachte nicht nur Löwen-Manager Thorsten Storm den direkten Vergleich als „gerechtere“ Alternative bei Punktgleichheit zweier Mannschaften ins Spiel.


Auch Bundestrainer Martin Heuberger kritisierte das Wettwerfen um den Titel in den vergangenen Wochen. „Dass Siege mit 15, 20 Toren herausspringen, ist nicht okay für den Sport“, sagte Heuberger bei Sky: „Deshalb bin ich der Meinung, dass man sich da eine andere Regelung überlegen sollte. Beispielsweise den direkten Vergleich.“

Hier hätten die Löwen hauchdünn die Nase vorn gehabt. Nach der 28:31-Niederlage in der Hinrunde in Kiel gewannen die Mannheimer das Rückspiel in eigener Halle mit 29:26 und wären aufgrund der mehr erzielten Auswärtstreffer erstmals Meister geworden.

Die zehn besten deutschen Handballer der Geschichte

Joachim "Jo" Deckarm wurde 1978 Weltmeister mit der deutschen Nationalmannschaft. Ein Jahr später verletzte sich der als bester Spieler der Welt geltende Rückraumriese bei einem Europapokalspiel des VfL Gummersbach in Ungarn. Nach einem Foul fiel Deckarm auf den Kopf und lag 132 Tage im Koma. Er kämpfte sich durch intensive Therapien zurück ins Leben, ist aber bis heute durch den Unfall gezeichnet. © dapd
Jochen "Scholle" Fraatz war einer der besten Linksaußen der Welt. Er spielte lange Jahre für TuSEM Essen, später für die HSG Nordhorn und den TBV Lemgo. 1984 gewann er mit der DHB-Auswahl die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Los Angeles. Vor allem seine "Dreher" waren weltweit gefürchtet. Er ist mit 2.660 Toren Zweiter der ewigen Torschützenliste der Handball-Bundesliga. © getty
Florian Kehrmann wurde 2007 Weltmeister im eigenen Land. Der dynamsiche Rechtsaußen vom TBV Lemgo errang außerdem mit der "Goldenen Generation" um Daniel Stephan, Stefan Kretzschmar, Volker Zerbe und Christian Schwarzer 2004 den EM-Titel. 2003, 2005 und 2006 wurde er zu Deutschlands Handballer des Jahres gewählt. 2006 wurde er außerdem Zweiter bei der Wahl zum Welthandballer des Jahres. © dapd
Bernhard Kempa prägte den Handball in Deutschland wie kaum ein anderer Spieler. Der Feld- und Hallenhandballspieler errang mit seinem Heimatverein Frisch Auf Göppingen elf Meistertitel. Legendär ist der "Kempa-Trick", der nach "Monsieur Handball" benannt wurde. Nach seiner aktiven Karriere feierte er auch als Trainer große Erfolge und war Welt- und Europameister im Tennis der Senioren. © dpa
Vielen Handballfans ist Wieland Schmidt kaum ein Begriff. Der Torhüter feierte mit der olympischen Goldmedaille 1980 in Moskau seinen größten Erfolg. Der langjährige Nationaltorhüter der DDR galt in den 70er und 80er Jahren als einer der besten Keeper der Welt. Mit seinem Heimatverein SC Magdeburg feierte er u.a. sechs Meistertitel und und zwei  Europapokalsiege. Er wurde dreimal zum Handballer des Jahres der DDR gewählt. © dpa
Christian Schwarzer feierte mit der deutschen Nationalmannschaft seine größten Erfolge. Neben dem WM-Titel 2007 und dem Gewinn der Europameisterschaft 2004 wurde er 2003 bei der Weltmeisterschaft in Portugal als Kreisläufer zum wertvollsten Spieler gewählt. Während seines Engagements beim FC Barcelona wurde der überragende Abwehrspieler Champions-League-Sieger (2000). © dapd
Daniel Stephan gilt als "der Unvollendete". Er war 1998 der erste Welthandballer Deutschlands (2004: Henning Fritz). Der Rückraumspieler hatte während seiner Karriere mit etlichen Verletzungen zu kämpfen und spielte deshalb nie eine Weltmeisterschaft. 2004 errang der dreimalige Handballer des Jahres (1997-1999) mit der Nationalmannschaft den EM-Titel. Stephan war ein unglaublich vielseitiger Rückraumspieler. Neben seiner guten Übersicht zeichnete er sich als Spielmacher und Torjäger aus. © dapd
Andreas Thiel, genannt der "Hexer", gewann mit dem VfL Gummersbach fünf Deutsche Meisterschaften und zweimal den Europapokal der Landesmeister. Gefürchtet waren vor allem die Reflexe des siebenmaligen Handballer des Jahres. Er hielt in seiner Bundesligakarriere (528 Spiele) 430 Siebenmeterwürfe. © getty
Erhard Wunderlich ist Deutschlands "Handballspieler des Jahrhunderts". Im Alter von 21 Jahren gewann er mit der deutschen Nationalmannschaft 1978 den Weltmeistertitel. Mit dem VfL Gummersbach sicherte er sich alle nationalen und internationalen Titel. In seiner Karriere wurde er dreimal mit der höchsten sportlichen Auszeichnung der BRD, dem "Silbernen Lorbeerblatt", ausgezeichnet.  1981 und 1982 wurde er außerdem zum Handballer des Jahres gewählt. © getty
Volker Zerbe steht für außergewöhnliche Vereinstreue. Der 2,11 große Linkshänder spielte seine gesamte Karriere (1986-2006) beim TBV Lemgo. Zerbe galt als einer der weltbesten Abwehrspieler und zeichnete sich in der Nationalmannschaft vor allem durch sein blindes Verständnis mit Kreisläufer Christian Schwarzer aus. In der DHB-Auswahl feierte er mit dem Gewinn der Europameisterschaft 2004 seinen größten Erfolg. Den TBV Lemgo führte der langjährige Kapitän u.a. zu zwei deutschen Meisterschaften, drei Pokalsiegen und drei internationalen Titeln. © getty

„Bei solch einer Regelung gebe ich zu Bedenken, dass eine Mannschaft, die an diesen Spieltagen beispielsweise mit Verletzungssorgen zu kämpfen hat, an nur einem bzw. zwei Tagen alles verlieren kann“, sagte Bohmann. Eine mögliche Entscheidung durch zusätzliche Finalspiele sei bei den Vereinen ohnehin „unbeliebt“, weil die Klubs im Sommer auch Phasen der Regeneration bräuchten.

Und so fällt das Fazit des Liga-Chefs eindeutig aus. „Meiner Meinung ist der jetzige Modus die gerechteste Lösung“, sagte Bohmann, „aber wir stehen alternativen Vorschlägen völlig offen gegenüber und sind gesprächsbereit“.

Noch bis zum Mittwoch kommender Woche kann ein entsprechender Antrag bei der HBL gestellt werden, über den bei der nächsten Liga-Versammlung am 2. Juli abgestimmt würde. Für eine Änderung der Spielordnung genügt dann eine einfache Mehrheit der Vereinsvertreter.

sid

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