Sportdirektor-Job verloren

Zabel nach Not-Geständnis in der Kritik

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Erik Zabel hat die Öffentlichkeit jahrelang belogen.

Hamburg - Jahrelang hat Dopingsünder Erik Zabel nicht die Wahrheit gesagt. Sogar Sohn Rick wusste bis zur Vorwoche nicht Bescheid. Nach seinem Not-Geständnis muss der Ex-Sprinter viel Prügel einstecken.

„Kriminelle Szene“, „Schandfleck“ oder „verseuchtes Jahrzehnt“ - das Not-Geständnis von Erik Zabel hat teils heftige Reaktionen ausgelöst und sogar Verbandspräsident Rudolf Scharping in Erklärungszwang gebracht. Für Zabel hat das verspätete Outing als jahrelanger Dopingsünder direkte Konsequenzen. Seinen Job als Sportdirektor beim Hamburger WorldTour-Rennen Cyclassics ist der ehemalige deutsche Radstar erstmal los, der TV-Sender ARD prüft rechtliche Schritte. Tour-de-France-Sprintkönig Marcel Kittel forderte sogar eine lebenslange Sperre für sein früheres Vorbild.


Viele Experten zweifeln den Wahrheitsgehalt der nachgereichten Doping-Beichte an. Zabel gab in der „Süddeutschen Zeitung“ an, jahrelang mit EPO, Cortison und Blutdoping betrogen, aber „nie einen strukturierten Dopingplan“ und nie „irgendwelche Experten“ um sich herum gehabt zu haben. „Mir fällt es schwer zu glauben, dass dies die ganze Wahrheit sein soll. Die Gesamtgeschichte passt einfach nicht zusammen. Als Wissenschaftler kann ich nur sagen, dieses Doping muss im System passiert sein. Zabel sollte die Hintermänner nennen“, sagte der renommierte Pharmakologe Fritz Sörgel. Auch Molekularbiologe Werner Franke war skeptisch: „Das Geständnis ist immer noch nicht voll. Was so üblich war, hat einmal Jef D'Hont (früherer Telekom-Betreuer) gesagt. Das ist nah an der Wahrheit dran. Es wurden damals auch Wachstumshormone und andere Steroide genommen.“

Scharping auf dünnem Eis


Stutzig machte zudem die Tatsache, dass Zabel nach eigener Aussage nach 2005 sauber unterwegs gewesen sein soll. Damit drohen ihm aufgrund der achtjährigen Verjährungsfrist zumindest sportrechtlich keine Konsequenzen. Franke fand wie gewöhnlich deftige Worte, sprach von einer „kriminellen Szene“ und stellte die staatliche Förderung für den Radsport einmal mehr infrage.

Wesentlich zurückhaltender äußerte sich Verbandsboss Scharping - aus gutem Grund. Er wertete die Aussagen als weiteren „traurigen Beleg“ für das „verseuchte Jahrzehnt“ im Radsport, hatte aber auch lobende Worte für seinen langjährigen Intimus übrig („Dass Erik Zabel reinen Tisch gemacht ist, ist zu begrüßen“). Der frühere SPD-Kanzlerkandidat bewegt sich auf dünnem Eis. Schließlich pflegte er lange Zeit ein freundschaftliches Verhältnis zu Zabel, während er mit Jan Ullrich stets hart ins Gericht ging. 2007 drückte er nur wenige Monate nach Zabels erstem Geständnis trotz großer Kritik innerhalb des BDR dessen Nominierung für die WM in Stuttgart durch. „Vor der WM in Stuttgart hatte es wegen Zabel eine Krise im Präsidium gegeben, die mit einer Kampfabstimmung pro Zabel endete“, sagte der frühere BDR-Vizepräsident Dieter Kühnle der Nachrichtenagentur dpa.

Scharping musste wieder einmal unangenehme Fragen beantworten. Für die turnusgemäße Präsidiumssitzung des BDR am Montag in Frankfurt/Main wurde ein Eilantrag gestellt, die Geschehnisse von damals auf die Tagesordnung zu nehmen. „Scharping war nie tragbar. Das war der Kumpel von Zabel“, sagte Franke.

Neue Generation hat nur wenig Mitleid

Es sei damals schon absehbar gewesen, dass im Team Telekom flächendeckend gedopt wurde, ergänzte Kühnle, seinerzeit aus Protest zurückgetreten. „Trotz des damaligen Teilgeständnisses von Zabel hielt Scharping an seinen Plänen fest, Zabel mittelfristig als Sportdirektor im BDR aufbauen und nach dessen Karriereende dort auch installieren zu wollen.“ Nur aufgrund der vielen Verpflichtungen des früheren Aushängeschilds sei der Plan verworfen worden.

Zumindest eine dieser Tätigkeiten hat Zabel bereits verloren. Bei den Cyclassics ist der 43-Jährige als Sportdirektor ausgeschieden. Nach einem Telefonat mit Zabel am Wochenende sei man dessen Rücktrittsangebot nachgekommen, sagte Reinald Achilles, Sprecher des Veranstalters Upsolut Sports mit Blick auf das wichtigste Radrennen in Deutschland am 25. August. Die ARD prüft wie im Fall Jan Ullrich rechtliche Schritte. Das umstrittene Team Katusha, bei dem Zabel als Sportlicher Leiter angestellt ist, hat vorerst noch keine Sanktionen angekündigt.

Ausbaden muss die Negativ-Schlagzeilen ohnehin die neue Generation, die beim Versuch, das schlechte Image des Radsports zu verbessern, immer wieder durch die Sünden der Vergangenheit zurückgeworfen wird. Dementsprechend deutliche Worte sind aus dem Fahrerlager zu vernehmen. „Wer sich Eigenblut reinjagt oder sich eine Epo-Spritze setzt oder Wachstumshormone schluckt, sollte lebenslang gesperrt werden. Denn das tut man nicht aus Versehen“, sagte Kittel der Tageszeitung „Die Welt“. Degenkolb pflichtete auf dpa-Anfrage bei: „Er hat die Chance für ein umfangreiches Geständnis zum richtigen Zeitpunkt nicht genutzt. Mein Mitleid fällt aber nicht allzu groß aus.“

Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

Alberto Contador erklärte seine positive Doping-Probe mit verunreinigtem Essen. Er wurde daraufhin freigesprochen. Es ist nicht die erste merkwürdige Erklärung in der Geschichte des Dopings. © AP
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-Sprinter Dennis Mitchell nutzte seinen positiven Dopingbefund, um sich als Sexprotz zu outen. Das viele Testosteron komme von einer wilden Partynacht, in der er seine Frau verwöhnt habe. „Fünf Flaschen Bier und mindestens vier Mal Sex mit seiner Frau. Es war ihr Geburtstag. Die Lady hatte es verdient“, so lautete sein Statement. © Getty
Der Klassiker: Wer hat die Dopingmittel in Dieter Baumanns Zahnpastatube deponiert? © ots/dpa/Getty
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Adrian Mutu: Der rumänische Fußballspieler sagte 2004 nach einer positiven Dopingprobe, er habe lediglich ein Mittel zur “Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit“ genommen. Zuvor hatte er zugegeben, Kokain genommen zu haben, dieses Geständnis wenige Tage später jedoch widerrufen. © Getty
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Die Lebensmittelvergiftung der anderen Art: Ex-Sprinter Linford Christie beteuert: „Ich habe nicht gedopt, ich habe nur Avocados gegessen!“ © Getty
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Die wohl abgefahrenste Ausrede für Blutdoping hatte Radsportler Tyler Hamilton: “Ich bin ein Mischwesen. Die fremden Zellen in meinem Körper werden von den Stammzellen meines vor der Geburt gestorbenen Zwillingsbruders produziert." © Getty
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Gefährliche Mitbringsel: Die aus Südamerika importierten Bonbons sollen mit Koks verseucht gewesen sein, meint Straßenrad-Star Gilberto Simoni. © Getty
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Johann Mühlegg soll eine Spezial-Diät gemacht haben, wegen der in seinem Kreislauf eine EPO-ähnliche Substanz nachgewiesen wurde... © Getty
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Zu tief ins Glas geschaut und damit den Testosteronspiegel erhöht. Floyd Landis schiebt‘s auf den Whiskey © Getty
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Ex-Radprofi Rolf Aldag gibt dem System die Schuld. Ohne EPO-Missbrauch hätte er im T-Mobile-Team keinen neuen Vertrag bekommen. © Getty
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Erik Zabel sagte, er habe nur einmal EPO probiert. Die Substanz habe aber nicht mit seinem Körper und Geist harmoniert. © Getty
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Jan Ullrich ließ sich in einer Disco Ecstacy andrehen. „Ulle“ schluckte die Tabletten, ohne sich dabei etwas gedacht haben zu wollen. “Ich war den Abend ziemlich mies drauf. Das waren zwei Tabletten, wo mir bestätigt wurde, (...) und dass das eigentlich harmloses Zeug ist.“ Wer ihm die Tabletten gab, sagte er nicht. “Zu den Tabletten kann ich gar nichts sagen, ich kenn' kein Ecstasy. Ich weiß nicht wie das aussieht. Ich bin um die Ecken gezogen und war in verschiedenen Läden. Ich möchte keinen Unschuldigen da mit reinziehen.“ © Getty
400-Meter-Olympiasieger LaShawn Merritt wurde nach positiven Dopingproben gesperrt. Die positiven Tests ließen sich mit der Einnahme eines frei erhältlichen Produkts zur Vergrößerung des männlichen Geschlechtsteils erklären, sagte sein Berater. © dpa
Claudia Pechstein: “Ich weiß nun, dass ich eine Blutmacke habe, aber nicht krank bin“, sagte die Eisschnellläuferin. Die Sportlerin war 2009 wegen auffälliger Blutwerte gesperrt worden. Später erklärten Ärzte, ein von ihrem Vater vererbter Gen-Defekt sei für die hohen Retikulozyten-Werte verantwortlich. © dpa
Ivonne Kraft: Den positiven Test auf das Asthma-Mittel Fenoterol erklärte die Mountainbikerin 2007 mit einer explodierten Sprühflasche. Ihre Mutter habe Asthma-Spray benutzen wollen, dann sei die Flasche explodiert und sie habe die Substanz offenbar eingeatmet. © Getty

Überrascht über die späte Offenbarung sei er aber nicht, ergänzte der WM-Vierte: „Erik Zabel kommt aus einer Zeit, wo die Doping-Einstellung zu 100 Prozent anders war als jetzt. Wir predigen schon jahrelang, dass die damalige Zeit ein großer Schandfleck für den Radsport war.“ Degenkolb hatte 2011 beim Team HTC-Highroad mit Zabel zusammengearbeitet. Zu der Zeit war Zabel insbesondere für die Sprinter und Nachwuchsfahrer zuständig.

Einer der vielversprechenden Nachwuchsfahrer ist Zabels Sohn Rick, der bis zur vergangenen Woche von all den Machenschaften seines Vaters nichts wusste. Erst der Bericht des französischen Senats hatte Zabel Sr. in der vergangenen Woche als EPO-Sünder 1998 entlarvt und zur neuen Beichte getrieben. Bei seinem ersten Teil-Geständnis 2007 hatte Zabel noch ausgesagt, nur 1996 für eine Woche EPO genommen zu haben. Dieses Mini-Geständnis 2007 habe er nur gemacht, so Zabel in der „Süddeutschen Zeitung“, weil er sein „Traumleben“ als Radprofi nicht aufgeben wollte.

Jetzt sei er auf „sehr starke Kritik, Ablehnung und Unverständnis“ eingestellt. „Den Moment, mir von einer Offenbarung oder einer aufrichtigen Entschuldigung etwas erhoffen zu dürfen, den habe ich leider verpasst“, sagte Zabel. „Ich wünsche mir selbst jetzt einfach, dass ich mit diesem Schritt hier meine innere Ruhe wiederfinde - dass ich wieder in den Spiegel schauen kann.“

dpa

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