Petition an Obama geschickt

Tyson kämpft um Ehre eines toten Boxers

Mike Tyson zu seinen besten Zeiten
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Mike Tyson zu seinen besten Zeiten

Galveston/Berlin - Er gewann 1908 als erster schwarzer Boxer die WM im Schwergewicht, den Rassismus konnte Jack Johnson sein Leben lang nicht besiegen. Jetzt kämpft Mike Tyson für ihn.

Seine Fans nannten ihn ehrfürchtig den „Riesen von Galveston“, Gegner fürchteten seine Fäuste im Ring: Jack Johnson, der große Boxer aus der kleinen Hafenstadt in Texas, schrieb 1908 Geschichte, als er als erster Schwarzer den Weltmeistertitel gewann. Vielen galt der 1878 geborene Johnson lange als bester Schwergewichtsboxer der Geschichte. Muhammad Ali bezeichnete ihn einmal als sein größtes Vorbild. Doch was den meisten seiner Konkurrenten im Ring nicht gelang, schaffte die Justiz: Mit einem umstrittenen Urteil zwang sie den Hünen in die Knie.


Jetzt will einer seiner Nachfolger den schwersten Kampf des 1946 bei einem Autounfall tödlich verunglückten Champions zu Ende führen: Ex-Schwergewichtsweltmeister Mike Tyson hat eine an Präsident Barack Obama gerichtete Online-Petition gestartet, um den Boxer zu rehabilitieren.

Jack Johnson (r.) schlug seinen Gegner zu Boden

1913 war Johnson in einem Prozess zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Ihm war vorgeworfen worden, eine weiße Prostituierte über Staatsgrenzen geschleust und damit gegen ein amerikanisches Gesetz verstoßen zu haben. Seine Anhänger sprachen und sprechen von einem rassistisch motivierten Urteil. „Diese ungerechtfertigte Verfolgung hat Jack Johnsons Erbe letztlich beschädigt“, zitiert die Petitionsplattform „change.org“ Tyson, der selbst als jüngster Schwergewichts-Champion in die Box-Geschichte einging. „Lasst uns mit der Unterzeichnung Präsident Obama und dem Weißen Haus zeigen, dass auch uns Johnsons Andenken am Herzen liegt.“


Die besten Boxer-Sprüche

"Es gab schon viele Weltmeister, die später Alkoholiker wurden. Aber ich bin der erste Alkoholiker, der Weltmeister wurde." Eckhardt Dagge (rechts), Superweltergewichts-Weltmeister 1976. © dpa
George Foreman auf die Frage eines Interviewers, warum seine fünf Söhne alle "George" heißen: "Stellen Sie sich mal mit Ali, Frazier oder Holyfield in den Ring und halten den Kopf hin. Dann sind sie froh, wenn sie sich später nicht so viele Namen merken müssen." © dpa
"Falls Du davon träumst, mich zu schlagen, dann wachst Du besser sofort auf und entschuldigst Dich bei mir!" Muhammad Ali © getty
"Ich weiß, wie ich Mike Tyson schlagen kann!" Das verkündete Peter Mc Neeley 1995 vor seinem Kampf gegen Mike Tyson (links). Tyson haute McNeeley (rechts) anschließend in der ersten Runde K.o. © dpa
"Er war unheimlich schnell als Champion. Er war so schnell, dass er das Licht löschte und im Bett war, bevor es im Schlafzimmer dunkel wurde..." George Foreman (links) über Muhammad Ali (rechts). Foreman wurde bei dem legendären Fight der beiden 1975 in Zaire ausgeknockt. © AP
"Es gibt schlaue Deutsche und schlaue Polen, aber Du bist ein dummer Pole. Mit Dir kann man nicht diskutieren, Du bist zu dumm..“ Graciano "Rocky" Rocchigiani (rechts) zu Dariusz "Tiger" Michalczewski (links) auf einer Pressekonferenz vor dem Kampf im Januar 2000. © dpa
„Er ist ein Asozialer. Der sollte sich auf der Straße prügeln". “ Der Tiger im April 2000 über Rocky. © dpa
Muhammad Ali wurde in einem Flugzeug vor dem Start von einer Stewardess aufgefordert, den Gurt anzulegen. Ali prahlte: "Superman braucht keinen Gurt." Die Stewardess konterte: "Superman braucht kein Flugzeug." © dpa
"Einmal machte ich zwei Wochen lang Diät. Alles was ich verloren habe, waren zwei Wochen." George Foreman © dpa
"In Russland gibt es ein Sprichwort: Ein guter Boxer hat so viele Fähigkeiten, die kann er nicht mal versaufen. Und ich saufe noch nicht einmal." Vitali Klitschko rechnete sich gute Chancen für sein Comeback aus. © dpa
Auf die 1939 gestellte Frage, ob er eigentlich wisse, wer William Shakespeare sei, antwortete Schwergewichtsboxer Tony "The TNT Kid" Galento: "Shakespeare? Ich habe noch nie von ihm gehört. Ich vermute mal, er ist einer dieser ausländischen Schwergewichtler. Die sind alle lausig. Eins ist sicher, ich vermöbel den Penner." Da war die Dichterlegende nur schon fast ein halbes Jahrtausend tot. © dpa
Vor seinem letzten Profi-Kampf gegen  Trevor Berbick (links) 1981 war  Muhammad Ali (rechts) schon deutlich von seiner Parkinsonkrankheit gezeichnet. Die Bedenken, ob er überhaupt noch antreten solle, kommentierte Ali trocken: "Noch nie in der Weltgeschichte haben sich so viele weiße Menschen um einen Neger solche Sorgen gemacht." © dpa
Alis Humor ist legendär: Nachdem er durch einen IQ-Test der US-Armee fiel, meinte er nur: “Ich sagte, ich bin der Größte. Ich sagte nicht, ich bin der Klügste” © dpa
Halbschwergewichtler Willie Pastranos kassierte böse Treffer bei einem Kampf in New York . Als er vom Ringarzt gefragt wurde, ob er überhaupt wisse, wo er sei, sagte Pastrano: “Davon kannst Du verdammt noch mal ausgehen. Ich bin im Madison Square Garden , wo ich gerade die Scheiße aus mir herausgeprügelt bekomme” © dpa
Ralf Rocchigiani lästerte: “ Torsten May ist nicht WM-würdig. Der trinkt und raucht nicht” © dpa
Mike Tyson hörte von einem Reporter, dass sein Gegner Bruce Seldon über beeindruckende athletische Fähigkeiten verfüge. Tyson meinte nur: "Was will er tun, wenn ich ihn voll treffe? Hürdenlaufen?" Einen Tag später haute er Seldon in der ersten Runde die Lichter aus. © dpa
Mittelgewichts-Legende Hector "Macho" Camacho über seine Vorlieben: "Meine Frau buht mich aus, wenn wir Sex haben. Sie weiß, dass mich das anmacht." © dpa
Schwergewichts-Weltmeister Lennox Lewis erzählte, wie er sich an seine einzige KO-Niederlage 1994 gegen Oliver McCall erinnert: "Plötzlich wachte ich auf, lag auf dem Boden und der Ringrichter starrte mir ins Gesicht und brüllte: sechs, drei, sieben, fünf!" © dpa
"Iron-Mike" Tyson über sich selbst: "Ich weiß, ich bin ein Arschloch, aber das ist nun mal mein Stil." © dpa
Bundeskanzler Konrad Adenauer zu Hein ten Hoff, als der 1952 Europameister im Schwergewicht geworden war und auf USA-Reise ging: "Nun boxen Sie mal schön, aber vergessen Sie nicht, daß wir mit den Amerikanern jetzt befreundet sind." © dpa
"Das Ohr ist durch einen Schlag abgeflogen", erklärte Mike Tyson (links), nachdem er Evander Holyfield (rechts) 1997 ein Stück seines Ohrs abgebissen hatte. Das Foto beweist das Gegenteil... © dpa
Der frühere britische Europa- und Weltmeister im Mittelgewicht, Alan Minter , meinte leicht verharmlosend: "Sicher, es gab Verletzungen und Todesfälle im Boxsport. Aber keine ernsthaften." © Getty
"Man weiß ja nicht, wie groß das bei einem da unten alles ist." Premiere-Kommentator und Ex-Profi Axel Schulz während des "Tiefschlag-Festivals" zwischen John Ruiz und Kirk Johnson . © dpa
"Er ist ein Typ der morgens um sechs Uhr aufsteht, egal welche Uhrzeit es ist." Coach Lou Duva 1996 über das harte Training von Andrew Golota (links). © Getty
"Ich werde dieses In terview sofort abbrechen, wenn Sie nicht ihr Maul halten!" US-Kommentatorenlegende Larry Merchant (Foto) während eines Interviews mit Hector Camacho Jr . zu Promoter Dan Goossen - der sagte Camacho die Antworten vor. © Screenshot: Youtube
Auf die Reporter-Frage, wie es denn zu seinem WM-Gewinn kam, antwortete Ralf Rocchigiani: “Ich habe es mal mit Training versucht” © dpa
"Ich finde, die Deutschen sind wunderbare Leute." Promoter-Legende Don King 1995 nach dem Skandal-Kampf zwischen Axel Schulz und Francis Botha , bei dem die aufgebrachten Zuschauer den Ring bewarfen. © dpa
„Warum sind Sie Boxer?“ wurde der irische Federgewichts-Champion Barry McGuigan (links) gefragt. Seine Antwort: „Weil ich kein Dichter bin. Ich kann keine Geschichten erzählen.“ © Getty
Mike Tyson über seine Ring-Strategie: "Ich versuche, die Nasenspitze meines Gegners zu treffen. Ich will ihm das Nasenbein ins Gehirn treiben." © Getty
Vor seinem Kampf gegen Rocky Marciano (Foto) verkündete Schwergewichts-Weltmeister "Jersey" Joe Walcott 1952: "Ihr könnt meinen Namen aus den Annalen streichen, wenn Marciano mich besiegt!" Marciano haute Walcott in der ersten Runde um. © AP
"Warum glaubte irgendjemand, dass er schlauer rauskommt? Er war drei Jahre im Knast - nicht auf der Uni." Promoter Dan Duva über Tyson, der sich vertraglich wieder an Don King band, kaum dass Tyson wieder ungesiebte Luft atmete. © dpa
"Mann am Bo den - jutet Jefühl" Lebensweisheit des Philosophen und Boxers Graciano "Rocky" Rocchigiani. © dpa
"Keiner versteht, warum Holyfield gegen Tyson kämpfen will. Wäre es nicht einfacher, sich vor einen fahrenden Zug zu stellen?" Das fragte sich Schwergewichtler Michael Moorer. Doch entgegen seiner Prognose besiegte Holyfield Tyson 1996 per K.o. © dpa
"Wir sind verheiratet, wie Vater und Sohn." So beschrieb Promoter Don King sein Verhältnis zu Halbmittelgewichtler Julio César Chavez.  © dpa
Quizmaster und TV-Legende Robert Lembke ("Was bin ich?") befand: "In dieser Welt sind die einzigen Menschen, die noch die Rechte anderer beachten, die Berufsboxer." © dpa
"Foreman kann mich gar nicht getroffen haben, die Hallendecke muß heruntergekommen sein." "Smokin'" Joe Frazier (links) wurde von Foreman (rechts) 1973 mit einem linken Aufwärtshaken ausgeknockt. Frazier hob bei diesem Treffer mit beiden Beinen vom Boden ab. © Getty

Zu den prominenten Unterstützern der Petition zählen auch der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain sowie der demokratische Fraktionschef im Senat, Harry Reid. Verwandte und Bürgerrechtler haben außerdem ein Video aufgenommen, in dem sie Obama auffordern, Johnsons Ehre wiederherzustellen. Schon früher hatten sich Juristen und Politiker um die posthume Begnadigung der Box-Legende bemüht - bisher erfolglos.

Zum Zeitpunkt des Prozessbeginns war Johnson ein Star - und eine Provokation für die weiße Oberschicht in den USA: Im Ring demütigte er seine Gegner, privat frönte er einem exzessiven Lebensstil. Er liebte der teure Kleidung, schnelle Wagen und wilde Partys. Er wurde geliebt, gefürchtet - und gehasst.

Als sich Johnson gegen Tommy Burns den WM-Titel holte, war dies ein Schlag ins Gesicht aller Rassisten. Fortan trachteten seine Gegner nach Rache und versuchten, die große Schmach zu sühnen. Sportlich gelang es ihnen nicht, Johnson räumte alle beiseite, die ihn stoppen wollten.

Auch James Jeffries, der die Ehre des weißen Amerika wieder herstellen sollte, geriet 1910 zwischen seine Fäuste. Johnson dominierte den „Kampf des Jahrhunderts“, wie der legendäre Fight von Reno noch heute genannt wird, und gewann das Duell in der 15. Runde. Der Sieg löste Rassenunruhen im ganzen Land aus. Dabei kamen zahlreiche Menschen ums Leben.

1912 fand sich schließlich ein juristischer Weg, den Box-Champion vorübergehend aus dem Weg zu räumen. Johnson wurde ein Gesetz zum Verhängnis, das es unter Strafe stellte, mit einer Frau über Bundesstaatsgrenzen hinweg zu reisen, wenn damit ein „unmoralischer“ Zweck verfolgt wurde. Damit sollte ursprünglich Prostitution und Menschenhandel eingedämmt werden. Der Box-Star wurde von einer ausschließlich weißen Jury zu einem Jahr und einem Tag Gefängnis verurteilt.

Johnson floh zunächst ins Ausland, schlug sich in Kanada und Frankreich durch. Um Geld zu verdienen, stieg der alternde Weltmeister immer wieder in den Ring und verlor den Titel schließlich 1915 gegen Jess Willard in Havanna. 1920 kehrte er in seine Heimat zurück und saß seine Haftstrafe doch noch ab. Bis zu seinem Tod verdingte er sich als Nachtclubbesitzer, Trainer und Boxexperte und stieg nur noch für Schaukämpfe in den Ring. 1990 wurde er in die Hall of Fame des Boxens aufgenommen.

Für seine Anhänger und Nachfahren schwebt das umstrittene Urteil bis heute wie ein Schatten über Johnsons Lebens. Vom ersten dunkelhäutigen Präsidenten der USA erhoffen sie sich nun die langersehnte Rehabilitation. „Der Vater von Präsident Obama hätte wegen der gleichen Sache verurteilt werden können“, sagte ein Unterstützer der Kampagne aus Johnsons Heimatstadt. „Denn er war mit einer weißen Frau verheiratet und ist mit ihr durch die Welt und von Staat zu Staat gereist.“

dpa

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