Coronavirus-Krise

DFL plant für Tag X - Task Force stellt Konzept vor

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Geisterspiele stellen für die Polizei einen erheblichen Mehraufwand dar. Foto: Fabian Strauch/dpa

Der Profifußball bereitet sich auf die Wiederaufnahme des seit Mitte März unterbrochenen Spielbetriebes vor. Die eingesetzte Task Force hat einen Krisenplan erarbeitet, mit dem die Entscheidungsträger aus der Politik überzeugt werden sollen.

Frankfurt/Main (dpa) - Das Konzept für eine Fortsetzung der Bundesligasaison liegt auf dem Tisch - doch für einen schnellen Neustart fehlt der Deutschen Fußball Liga weiter das grüne Licht von der Politik und den Gesundheitsexperten sowie eine breite Akzeptanz in der Öffentlichkeit.


Auf der Mitgliederversammlung an diesem Donnerstag (11.00 Uhr) wird DFL-Boss Christian Seifert die Vertreter der 36 Profivereine daher nicht nur im Detail mit dem von der Task Force "Sportmedizin/Sonderspielbetrieb" erarbeiteten Strategiepapier vertraut machen, sondern die Clubs vor allem auf eine zurückhaltende Außendarstellung in der Corona-Krise einschwören.

Längst ist die von der Liga im Mai erhoffte Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu einem Politikum geworden. Dass die DFL mit dem gewieften Taktiker Seifert an der Spitze am Donnerstag bereits einen konkreten Wunschtermin für die ersten kompletten Spieltage mit Geisterspielen in der 1. und 2. Bundesliga verkünden wird, ist deshalb nicht zu erwarten. Diesen Schritt visiert die Liga erst nach der nächsten Konferenz der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am 30. April an.


Bundesgesundheitsminister Jens Spahn machte in Berlin erneut Hoffnung auf den baldigen Neustart mit Geisterspielen - funktionierende Schutzmaßnahmen vorausgesetzt. "Wenn das gelingen kann bei minimiertem und so gut wie möglich ausgeschlossenem Infektionsrisiko, dann kann das sicherlich gehen", sagte der CDU-Politiker. Dies sei nun zu bewerten.

Inhaltlich hat sich der Profifußball gewissenhaft auf den Tag X vorbereitet. Die von DFB-Chefmediziner Tim Meyer geleitete Task Force wird auf der Mitgliederversammlung ein detailliertes verbindliches Konzept mit strengen Hygiene-Vorgaben, erforderlichen Testungen und permanentem Monitoring vorstellen.

41 Seiten umfasst das Corona-Regelwerk. Darin werden strikte Vorgaben für organisatorische und hygienische Vorkehrungen im Stadion, die TV-Produktion, eine Hotelunterbringung, die häusliche private Hygiene im Alltag und in Quarantäne sowie zur Wiederaufnahme des Mannschaftstrainings penibel aufgelistet.

Die dynamische Personalbedarfsplanung sieht vor, dass bei den Geisterspielen - nur die kommen wegen des Verbots von Großveranstaltungen in Deutschland bis zum 31. August in Betracht - "maximal ca. 300 Personen" anwesend sein sollen. Das Stadiongelände wird in drei Zonen eingeteilt: Stadioninnenraum (max. 98 Personen), Tribünenbereiche inklusive Funktionsräume (max. 115) und Stadionaußenbereich inklusive TV-Compound (max. 109).

Sollte ein Spieler, Trainer oder Betreuer positiv getestet werden, müsse dieser sofort isoliert werden. Die dokumentierten Kontaktpersonen sollen in diesem Fall umgehend getestet und beobachtet werden. Der Mannschaftsarzt sei für die "Beruhigung und Aufklärung des Teams über den Sachverhalt (keine Panik, strategische Ausrichtung des Teams, Kontrolle der Hygienemaßnahmen, etc.)" zuständig.

Der Sportrechtsexperte Michael Lehner lehnt Geisterspiele wegen der unabwägbaren Risiken dennoch strikt ab und plädiert für einen Abbruch der Saison. "Für mich ist die Problematik des Gesundheitsschutzes nicht gelöst", sagte der Rechtsanwalt am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. "Ein positiver Fall mit Quarantäne-Verpflichtung würde alles wieder durcheinander werfen. Es ist ein gewagtes Spiel, fast ein Roulettespiel." Die Ansteckungsgefahr sei trotz der geplanten Maßnahmen groß, zudem befürchtet er Probleme beim Thema Doping.

Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI), hatte sich zuletzt ebenfalls skeptisch zu den Ligaplänen geäußert. Das könnte die Pläne der DFL torpedieren, denn vom RKI erwartet die Politik die entscheidenden Signale für oder gegen eine Fortsetzung der Saison.

"Wir brauchen die Expertise des Robert Koch-Instituts. Wenn das Robert Koch-Institut beziehungsweise der Bundesgesundheitsminister das für vertretbar halten, wenn die Gesundheitsämter vor Ort das für vertretbar halten - dann würde ich es auf Bewährung wagen", betonte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Dienstagabend in den ARD-"Tagesthemen".

Allerdings treibt immer mehr Politiker die Frage um, wie bei den Geisterspielen dafür gesorgt werden kann, "dass vor den Stadien auch nichts stattfindet", so Söder. Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) befürchtet schon mögliche Fan-Aufläufe vor den Arenen. "Das bereitet Probleme. Ich kann mir kein Sonderrecht für den Fußball vorstellen, das am Ende so aussieht, dass sich Hunderte von Fans an einem Ort versammeln", sagte Mäurer der "Bild"-Zeitung (Mittwoch).

Die Fanszene ist ohnehin gespalten. Ein Teil hat sich klar gegen Geisterspiele positioniert, der andere sehnt ein Stück Normalität zurück. "Es klingt absurd, nun neun Spieltage in leeren Stadien durchzuziehen, aber viele Anhänger sind trotzdem bereit, diese Kröte zu schlucken", sagte Sig Zelt, Sprecher der Organisation ProFans, in einem Interview mehrerer Zeitungen.

Fakt ist: Einen "Blankoscheck" für die Clubs "nach dem Motto, egal was passiert, es findet statt", wird es laut Söder "natürlich nicht geben". Sollte es zum Neustart kommen, müsse die Lage "von Spieltag zu Spieltag" beobachtet und bewertet werden.

Die DFL ist sich dessen bewusst und gibt sich entsprechend demütig. Unabhängig vom Konzept bleibe "die Entscheidung über eine Fortsetzung der Saison und die finale Festlegung eines konkreten Termins selbstverständlich bei den zuständigen politischen Gremien", teilte das Präsidium mit.

Auch mit Blick auf das Ausland ist Diplomatie gefragt, denn die Bundesliga könnte als Beispiel für andere europäische Topligen dienen. Die Nachbarländer Belgien und Niederlande werden indes ihre Saison kaum mehr zu Ende spielen. Ein solches Szenario will die DFL aus finanziellen Gründen in jedem Fall vermeiden, denn noch warten die Clubs auf die letzte TV-Tranche von insgesamt gut 300 Millionen Euro. Die gibt es nur, wenn auch Fußball gespielt wird.

Spiegel-Bericht

Mitteilung DFL-Präsidium

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