Ex-Turnerin enthüllt DDR-Doping-Praktiken

Berlin - Die frühere DDR-Top-Turnerin Dagmar Kersten hat am Tag vor der Eröffnung der Turn-EM in Berlin Doping-Praktiken im DDR-Sport enthüllt. Sie war lange Zeit selbst betroffen.

Erst 1996 habe sie erfahren, dass sie ohne ihr Wissen gedopt worden sei, erklärte die ehemalige Turnerin vom SC Dynamo Berlin, die heute in Oldenburg lebt, in der “Süddeutschen Zeitung“ (Dienstag-Ausgabe).


Die lange Liste: Sportstars unter Dopingverdacht

Bei Eisschnelläuferin Claudia Pechstein wurden 2009 auffällige Blutwerte festgestellt. Der Retikulozytenanteil lag bei Proben über dem von der Internationalen Eislaufunion (ISU) festgelegten Höchstwert. Sie bekam eine Sperre aufgebrummt. Pechstein klagt dagegen. © dpa
Jan Ullrich soll in die Doping-Affäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes verstrickt gewesen sein. Von seinem Team wurde er suspendiert. Er bestreitet die Vorwürfe. © dpa
Bei der erfolgreichen Sprinterin Katrin Krabbe-Zimmermann wurde im Juli 1992 das Mittel Clenbuterol nachgewiesen. © dpa
Im Oktober 1999 wurde Dieter Baumann positiv auf Nandrolon getestet. Der Wirkstoff stammte angeblich aus einer Zahnpasta. © dpa
Bei der WM 1994 wurde Fußballstar Diego Maradona des Dopings überführt. © dpa
Die französische Sporttageszeitung L’Équipe schrieb im August 2005, dass in Urinproben von Lance Armstrong aus dem Jahr 1999 das Dopingmittel EPO (Erythropoetin) nachgewiesen worden sei. © dpa
Nach seiner Goldmedaille bei Olympia 1988 in Seoul wurde der Sprinter Ben Johnson positiv getestet. © dpa
2007 gestand Erik Zabel im Rahmen einer Pressekonferenz, bei der Tour de France 1996 eine Woche lang Doping mit EPO betrieben zu haben. © dpa
1992 wurde die Läuferin Grit Breuer überführt. © dpa
John McEnroe hat zugegeben, während seiner aktiven Zeit gedopt worden zu sein. © dpa
Radfahrer Marco Pantani wurde beim Giro d’Italia 1999 wegen überhöhter Hämatokritwerte disqualifiziert. © dpa
1988 hatte Sprinter Carl Lewis bei den US-Ausscheidungskämpfen drei verbotene Doping-Substanzen (Ephedrin, Pseudoephedrin und Phenylpropanolamin) im Blut. © dpa
Negative Schlagzeilen lieferte Ludger Beerbaum 2004, als der deutschen Mannschaft bei Olympia in Athen aufgrund eines positiven Dopingtests von Beerbaums Pferd Goldfever die Mannschafts-Goldmedaille nachträglich aberkannt wurde. © dpa
Bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City gewann der für Spanien startende Langläufer Johann Mühlegg mehrere Medaillen. Kurz darauf musste er alle wegen nachgewiesenen Dopingmissbrauchs wieder abgeben. © dpa
Im Jahre 2004 geriet der Fußballer Marco Rehmer in die Schlagzeilen, als er ohne Absprache mit seinem Verein Hertha BSC ein Medikament nahm, das auf der Dopingliste stand. © dpa
Der Radrennfahrer Tom Simpson kam bei der Tour de France 1967 völlig überraschend ums Leben. Kurz vor dem Gipfel des Mont Ventoux bäumt er sich ein letztes Mal auf. Dann sackt er zusammen. Er flüstert: "Setzt mich wieder auf mein Rad". Dann stirbt er. Höchstwahrscheinlich war Doping im Spiel. © dpa
Nemanja Vučićević wurde 2005 positiv auf die verbotene Substanz Finasterid getestet. Er gab an, ein Haarwuchmittel genommen zu haben. © dpa
1999 wurde Linford Christie positiv auf das verbotene Dopingmittel Nandrolon getestet. © dpa
Dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gestand Jörg Jaksche 2007, jahrelang gedopt zu haben. © dpa
Der Sprinter Konstantinos Kenteris und die Sprinterin Ekaterini Thanou entzogen sich 2004 bei Olympia in Athen einem Doping-Test. Die verweigerte Probe wurde als positiv gewertet. © dpa
Dem Fußballspieler Adrian Mutu konnte Kokainkonsum nachgewiesen werden. Das gilt als Doping, und er wurde für sieben Monate gesperrt. © dpa
Am 29. Juli 2006 gab Justin Gatlin selbst eine positive A-Probe auf Testosteron bekannt. © dpa
Im November 2008 wurde der österreichische Radstar Bernhard Kohl für 2 Jahre wegen Dopings gesperrt. Seine Ergebnisse der Tour de France 2008 wurden annulliert. Er hatte Gesamtplatz 3 belegt. © dpa
Sprinterin Marion Jones gestand im Oktober 2007 die Verwendung des Dopingmittels Tetrahydrogestrinon (THG). © dpa
Floyd Landis gewann 2006 die Tour de France. Im Nachhinein wurde ihm der Titel jedoch wieder aberkannt. © dpa
Ex-Eishockey-Spieler Uwe Krupp (M.) war 1990 bei einer WM positiv getestet worden – der erkältete Krupp, damals NHL-Profi in Buffalo, hatte ein Hustenmittel genommen, das Ephedrin enthielt.  © dpa
Bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt 2005 wurde der Radfahrer Stefan Schumacher positiv auf Doping getestet. Im Oktober 2008 berichtete die französische Zeitung L’Équipe, dass Schum acher bei der Tour de France 2008 positiv auf das Blutdopingmittel CERA (EPO) getestet wurde. © dpa
Der Deutsche Leichtathletikverband eröffnete im November gegen Nils Schumann ein sportrechtliches Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen. © dpa
Der Radprofi Frank Vandenbroucke ist im Alter von 34 Jahren gestorben. Immer wieder hatte er unter Dopingverdacht gestanden © dpa
Am 18. Juli 2007 gab der Bund Deutscher Radfahrer bekannt, dass bei Patrick Sinkewitz in der A-Probe einer unangemeldeten Trainingskontrolle in den Pyrenäen am 8. Juni 2007 ein deutlich erhöhter Testosteron-Epitestosteron-Quotient festgestellt worden sei. © dpa
Das Pferd von Isabell Werth wurde im Jahr 2009 positiv auf die verbotene Substanz Fluphenazin getestet. © dpa
Am 24. Juli 2007 wurde bekannt, dass Alexander Winokurow beim Sieg im Einzelzeitfahren der 13. Etappe sowie drei Tage später auf der 15. Etappe der Tour de France positiv auf Blutdoping getestet wurde. © dpa

“Mein Trainer sagte mir damals, das sind Mittel, die auch Säuglinge für den Knochenaufbau bekommen“, sagte sie. Der Mediziner Bernd Pansold, der die wiederholte “Behandlung“ anordnete, wurde 1998 wegen der Vergabe von Dopingmitteln an Minderjährige verurteilt. Ärzte spritzten und Trainer verteilten Tabletten, Eiweißpralinen oder Kaugummis. Kersten erinnert sich, dass die Turnerinnen damals alles Essbare dankbar angenommen haben, waren sie doch ständig auf Diät, um das geforderte Idealgewicht zu halten.


Nach dem Ende der Karriere attestierte man ihr einen begutachtungspflichtigen sportbedingten Körperschaden. “Die körperlichen und seelischen Schäden, die Doping anrichtet, sind keine Medaille wert, das müssen junge Sportler erfahren“, sagte die Olympia-Zweite am Stufenbarren von Seoul 1988, die drei Jahre zuvor sogar vier Medaillen von der Weltmeisterschaft aus Montreal mitgebracht hatte.

Heute ist Dagmar Kersten anerkanntes Dopingopfer. Seit Anfang des Jahres spricht sie in Schulen über ihre Jahre als Turnerin. Sie will informieren, “wie Leistungssport in der damaligen Zeit in der DDR vonstatten ging.“ Dabei war sie nach dem Ende ihrer Karriere überzeugt, dass sie mit dem Turnen nie wieder etwas zu tun haben wollte.

“Ich habe meine Karriere erst in den letzten Jahren kritisch gesehen, ich habe mich davor einfach gar nicht damit beschäftigt“, gibt sie zu. Heute weiß Kersten genau, was damals geschehen ist: Ihre in nur sieben Jahren auf über hundert Seiten angewachsene Krankenakte dokumentiert akribisch jede Trainingseinschränkung und die Bemühungen zur Wiederherstellung ihrer Wettkampffähigkeit.

Als die sportärztliche Jahresuntersuchung bei der 15-Jährigen schwere Schädigungen an der Wirbelsäule feststellt, musste Kersten das Training vorübergehend einstellen. Als Therapie verordnete man die Verabreichung des sogenannten Stoffwechselschemas, eines Medikamentenmix, zu dem auch das Steroid Oral-Turinabol gehörte.

dpa

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