Misstrauen nach Schumacher-Affäre

"Dann ist Holczer ein totaler Armleuchter"

Hans Michael Holczer
+
Hans Michael Holczer

Berlin - In der düsteren Doping-Ära hatte sich Hans Michael Holczer als energischer Kämpfer für einen sauberen Sport profiliert, inzwischen werden die Zweifel an seiner weißen Weste immer größer.

„Wenn Holczer nicht weiß, was da gespielt wurde, dann ist er für mich ein totaler Armleuchter. Er ist zwar Lehrer, auf der anderen Seite dann aber auch total dumm. Wenn ich das ganze Team und die Ärzte eingestellt habe, dann weiß ich, was da läuft. Er ist da genau involviert“, sagte der sechsmalige Tour-Etappengewinner Dietrich Thurau der dpa.


Die Anschuldigungen von Schumacher, der bei seinem Geständnis im „Spiegel“ betont hatte, dass Holczer über die Doping-Aktivitäten informiert gewesen sei, wertet Thurau als Retourkutsche im Zuge der gerichtlichen Auseinandersetzung. „Da hat er dann gesagt, wie es wirklich ist.“ Holczer hatte Schumacher auf Rückzahlung von drei Monatsgehältern in Gesamthöhe von 150 000 Euro verklagt, der Betrugsprozess beginnt am 10. April vor dem Landgericht Stuttgart.

Holczer hatte die Anschuldigungen Schumachers als „aus der Luft gegriffen“ zurückgewiesen und vermutet taktische Gründe mit Blick auf den Prozess. Das Geständnis des „Rad-Schumis“, der jahrelang Doping-Aktivitäten geleugnet hatte, findet in der Radszene durchaus Zuspruch. „Grundsätzlich befürworte ich so ein Geständnis. Ich finde es gut, dass einer Ehrlichkeit zeigt. Wenn wir es nicht so machen, kommen wir im Radsport nicht weiter“, sagte der WM-Vierte John Degenkolb der dpa.


Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

Alberto Contador erklärte seine positive Doping-Probe mit verunreinigtem Essen. Er wurde daraufhin freigesprochen. Es ist nicht die erste merkwürdige Erklärung in der Geschichte des Dopings. © AP
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-Sprinter Dennis Mitchell nutzte seinen positiven Dopingbefund, um sich als Sexprotz zu outen. Das viele Testosteron komme von einer wilden Partynacht, in der er seine Frau verwöhnt habe. „Fünf Flaschen Bier und mindestens vier Mal Sex mit seiner Frau. Es war ihr Geburtstag. Die Lady hatte es verdient“, so lautete sein Statement. © Getty
Der Klassiker: Wer hat die Dopingmittel in Dieter Baumanns Zahnpastatube deponiert? © ots/dpa/Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Adrian Mutu: Der rumänische Fußballspieler sagte 2004 nach einer positiven Dopingprobe, er habe lediglich ein Mittel zur “Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit“ genommen. Zuvor hatte er zugegeben, Kokain genommen zu haben, dieses Geständnis wenige Tage später jedoch widerrufen. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Die Lebensmittelvergiftung der anderen Art: Ex-Sprinter Linford Christie beteuert: „Ich habe nicht gedopt, ich habe nur Avocados gegessen!“ © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Die wohl abgefahrenste Ausrede für Blutdoping hatte Radsportler Tyler Hamilton: “Ich bin ein Mischwesen. Die fremden Zellen in meinem Körper werden von den Stammzellen meines vor der Geburt gestorbenen Zwillingsbruders produziert." © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Gefährliche Mitbringsel: Die aus Südamerika importierten Bonbons sollen mit Koks verseucht gewesen sein, meint Straßenrad-Star Gilberto Simoni. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Johann Mühlegg soll eine Spezial-Diät gemacht haben, wegen der in seinem Kreislauf eine EPO-ähnliche Substanz nachgewiesen wurde... © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Auf den Hund gekommen: Frank Vandenbroucke behauptete, als bei ihm Anabolika und EPO sichergestellt wurden, die Mittel seien für seinen asthmakranken Hund bestimmt gewesen. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Justin Gatlin gab einem Masseur die Schuld. Der soll ihn nämlich mit einer testosteronhaltigen Salbe bearbeitet haben. Es soll sich sogar um eine fiese Retourkutsche des Profikneters gehandelt haben, meint Gatlin. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Christian Henn, ehemals Radprofi, wollte eigentlich nur der eigenen Libido auf die Sprünge helfen. Ein Spezialtee wurde ihm zum Verhängnis. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-T-Mobile-Fahrer Matthias Kessler nahm angeblich Präparate zu sich, auf denen chinesische Schriftzeichen standen. Nur doof, dass er kein Chinesisch kann. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Zu tief ins Glas geschaut und damit den Testosteronspiegel erhöht. Floyd Landis schiebt‘s auf den Whiskey  © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Keiner war über einen positiven Dopingtest so verwundert wie Patrik Sinkewitz: "Ich? Das kann nicht sein", wunderte er sich. Und das ist noch nicht mal eine Ausrede...  © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Martina Hingis, die Schweizer Version von Zahnpasta-Dieter Baumann: Jemand soll ihr Koks in den Fruchtsaft gemischt haben. Sieht ja auch aus wie Süßstoff... © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-Radprofi Rolf Aldag gibt dem System die Schuld. Ohne EPO-Missbrauch hätte er im T-Mobile-Team keinen neuen Vertrag bekommen. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Erik Zabel sagte, er habe nur einmal EPO probiert. Die Substanz habe aber nicht mit seinem Körper und Geist harmoniert. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Jan Ullrich ließ sich in einer Disco Ecstacy andrehen. „Ulle“ schluckte die Tabletten, ohne sich dabei etwas gedacht haben zu wollen. “Ich war den Abend ziemlich mies drauf. Das waren zwei Tabletten, wo mir bestätigt wurde, (...) und dass das eigentlich harmloses Zeug ist.“ Wer ihm die Tabletten gab, sagte er nicht. “Zu den Tabletten kann ich gar nichts sagen, ich kenn' kein Ecstasy. Ich weiß nicht wie das aussieht. Ich bin um die Ecken gezogen und war in verschiedenen Läden. Ich möchte keinen Unschuldigen da mit reinziehen.“ © Getty
400-Meter-Olympiasieger LaShawn Merritt wurde nach positiven Dopingproben gesperrt. Die positiven Tests ließen sich mit der Einnahme eines frei erhältlichen Produkts zur Vergrößerung des männlichen Geschlechtsteils erklären, sagte sein Berater. © dpa
Claudia Pechstein: “Ich weiß nun, dass ich eine Blutmacke habe, aber nicht krank bin“, sagte die Eisschnellläuferin. Die Sportlerin war 2009 wegen auffälliger Blutwerte gesperrt worden. Später erklärten Ärzte, ein von ihrem Vater vererbter Gen-Defekt sei für die hohen Retikulozyten-Werte verantwortlich. © dpa
Ivonne Kraft: Den positiven Test auf das Asthma-Mittel Fenoterol erklärte die Mountainbikerin 2007 mit einer explodierten Sprühflasche. Ihre Mutter habe Asthma-Spray benutzen wollen, dann sei die Flasche explodiert und sie habe die Substanz offenbar eingeatmet. © Getty

Auf Holczer könnten beim Betrugsprozess jedenfalls ungemütliche Fragen zukommen. Denn Schumacher war kein Einzelfall im Team. Auch der Österreicher Bernhard Kohl und der italienische Klassikerspezialist Davide Rebellin waren zu Gerolsteiner-Zeiten des Dopings überführt worden. Und der damalige Kapitän Levi Leipheimer (USA) hat im Zuge des Skandals um Lance Armstrong ebenfalls ein Geständnis abgelegt.

Die Doping-Ära im Radsport sei laut Thurau, der 1977 15 Tage das Gelbe Trikot getragen hatte, nicht vergleichbar zu seiner Zeit. „Wenn man liest, was da passiert ist, ist das schon schockierend. Dagegen waren wir Waisenkinder. Es wäre mir auch zu riskant gewesen“, ergänzte Thurau, der selbst mehrmals wegen Dopingverstößen aufgeflogen war.

Für den Radsport sei all das, was nun offen zutage tritt, eine „Katastrophe“. Es seien zwar immer wieder die alten Kamellen und jeder wisse, dass alle dasselbe gemacht hätten, „aber es kommt immer wieder neu hoch“. Die Leistung werde in der Öffentlichkeit längst nicht mehr respektiert, sagte Thurau, der glaubt, dass sich inzwischen aber etwas geändert habe. „Was ich höre, geht es auch ohne Doping. Ich glaube auch, dass mein Sohn sauber fährt“, sagte der Frankfurter, dessen 24-jähriger Sohn Björn beim französischen Team Europcar fährt.

dpa

Kommentare