Gesunde Mischung und Top-Ausländer

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Jubel um Toptorjäger Mark Teevens (Bildmitte), der 1998 viel zu früh verstarb. Rechts neben ihm sein kongenialer Sturmpartner Doug Derraugh. Beide zusammen erzielten in der Zweitliga-Saison 1992/93 116 Tore und 132 Assists.

Rosenheim: 1992/93 - lange ist es her. Manches, ja eigentlich vieles ist anders, in gewisser Hinsicht sind aber auch Parallelen zur damaligen Eishockey-Mannschaft erkennbar.

Es war ein schwieriger Beginn im Sommer 1992. Eigentlich hatte man beim Sportbund DJK Rosenheim nach dem Ausstieg aus der Bundesliga (als deutscher Vizemeister) für die Oberliga geplant und vornehmlich auf den eigenen Nachwuchs und die Rückkehr mehrerer ausgeliehener Spieler gesetzt. Dann wurde man aber vom Deutschen Eishockey-Bund (DEB) für die 2. Bundesliga eingeteilt – die Verstärkungen dafür fand man in einigen Routiniers und drei Top-Neuzugängen. Und so hatte der frühere Kapitän Ernst Höfner bei seiner ersten Trainerstation eine besondere Mischung aus blutjungen und hochtalentierten Cracks, vermischt mit einigen routinierten Führungsspielern und zwei Klasse-Kanadiern.


Ernst Hofner feierte in seinem ersten Trainerjahr einen Riesenerfolg.

Aber der Reihe nach: Aus dem verbliebenen Vizemeister-Team unterschrieben Ron Fischer (33), Butzi Reil (37) und Manfred Ahne (31) auch für die 2. Bundesliga. Aus Bayreuth, Hannover, Peißenberg und Klostersee kehrten frühere Rosenheimer wie Tom Schädler und Peter Heinold, Roman Slezak, Balu Elters oder Max Deisenberger zurück, aus dem Nachwuchs rückten Talente wie Christian Gegenfurtner, Gabriel Krüger, Andi Schneider, Thomas Hieble und Markus Kempf auf. Dazu angelte man sich Routinier Rick Boehm aus Riessersee, die Kontingentstellen besetzten die Stürmer Doug Derraugh, der aus Norwegen kam, und Mark Teevens, der zuvor in Heilbronn spielte. Fertig war „Höfners Kindergarten mit Aufsichtspersonal“!

Der Start war holprig: Zwar gewann der SBR das erste Saisonspiel am 18. September 1992 beim EHC 80 Nürnberg mit 3:1 (das erste Saisontor erzielte Ahne), nach fünf Spielen hatte man aber 3:7 Punkte auf dem Konto. Bei der 5:6-Niederlage beim ECD Sauerland in Iserlohn halfen selbst fünf Teevens-Treffer nicht, beim SV Bayreuth ging man mit 3:9 baden, beim späteren Hauptrundenersten Augsburger EV verlor man 0:5 – es war das einzige Spiel ohne Rosenheimer Treffer. Auch die Heimpremiere gegen den EHC Essen-West verlief mit dem 4:4 noch problematisch, dann zündete der SBR aber den Turbo: Es gab elf Siege hintereinander und Rosenheim lag plötzlich an der Tabellenspitze.


Das tat zunächst aber nicht gut, es folgte ein kleiner Negativlauf von fünf sieglosen Spielen, darunter auch das 4:4 gegen Augsburg am 20. November 1992: Kamen auch sonst nur einmal weniger als 4000 Zuschauer, sowar das Stadion gegen die Fuggerstädter erstmals in dieser Saison mit 7100 Zuschauern ausverkauft. Es sollte nicht das einzige Mal sein...

Rick Boehm bejubelt den Aufstieg: Er war einer der routinierten Rosenheimer Spieler.

Vor allem, weil die Grün-Weißen schnell wieder in die Erfolgsspur fanden. Rosenheim hatte am Ende die beste Heimbilanz der Liga. Nur eine Niederlage und zwei Unentschieden gab es an der Mangfall – und einige absolute Kracher-Spiele. Insgesamt dreimal in der Hauptrunde war das Stadion proppenvoll, mit 5364 Zuschauern pro Spiel hatte man den fünftbesten Schnitt in Eishockey-Deutschland. Die sahen zweistellige Erfolge gegen den SC Memmingen (10:4 und 11:1) und den EC Bad Nauheim (10:3), Kantersiege gegen Nauheim (9:2) und den SC Riessersee (9:1). In keinem Spiel dürfte es aber so geknistert haben wie am 4. Dezember 1992 gegen Nürnberg. Als die Mannschaften auf dem Weg zum nächsten Drittel wieder aufs Eis gingen, krachte es zwischen Nürnbergs Marcel Lichnovsky und den Schädler-Brüdern.

Herbert Schädler erlitten einen Kreuzbandriss und Tom Schädler wurde bis zum Saisonende gesperrt. In diesem Spiel gab es 169 Strafminuten und die Roseheimer verwandelten ein 1:4-Rückstand im letzten Drittel in einen 7:4-Sieg. Der SBR ging als Hauptrundenzweiter (63:25 Punte) hinter dem Augsburg EV in die Play-offs. Mit einem „Sweep“ schaltete der Höfner-Truppe im Viertelfinale den ECD Sauerland aus, ein Heimspiel wurde zweistellig gewonnen. Im Halbfinale traf man nun auf Nürnberg. Auch hier gewann Rosenheim alle drei Partien, die übrigens äußerst fair verliefen. Insgesamt gab es den drei Halbfinals lediglich 58 Strafminuten – die gringste Zahl in einem der vier Hauptrundenduelle zwischen beiden Teams war 48...

Weil das Team aus Weißwasser im anderen Halbfinle den Top-Favoriten aus Augsburg entzauberte, traf der SBR in der Endspiel-Serie auf die Lausitzer – und hatte auch noch den entscheidenden Heimvortel. Das erste Duell endete klar mit 5:1 für Rosenheim, Weißwasser erzielte Rick Boehm das goldene Tor zu 1:0-Sieg in der Verlängerung. Natürlich war das Rosenhemer Stadion ausverkauft, als am 23. März im dritten Duell mit einem 5:4-Erfolg die Meisterschaft perfekt gemacht wurde.

Die Parallelen von damals zu heute: Dieser Erfolg war der Rosenheimer Mannschaft vor und auch während der Saison keinesfalls zugetraut worden. Die Mischung in der Mannschaft passte, die Identifikation mit Team, Verein und Stadt ebenso. Den zweiten Sieg in der Finalserie landete der SBR auswärts mit 1:0 nach Verlängerung. Und man konnte auf starke Ausländer bauen: Doug Derraugh kam auf 113 Punkte (49 Tore, 64 Vorlagen), Mark Teevens auf 135 (67 Treffer, 68 Assists). Derraugh ist übrigens heute Trainer des Damenteams seiner ehemaligen Universität in Kanada. Teevens verstarb am 19. April 1998 im Alter von 31 Jahren auf dem Parkplatz vor demB ad Nauheimer Eisstadion nach einem Spiel an den Folgen einer Lungenembolie.

Was damals anders war: Während heute der 37-jährige Norm Maracle die gegnerischen Angreifer zur Verzweiflung bringt, stand damals mit Patrick Lange (zu Saisonbeginn 21) und Marc Seliger (18) ein blutjunges Torwart-Duo zwischen den Pfosten. Höfners Vertrauen wurde aber belohnt, ein Gegentorschnitt von 2,10 pro Spiel sagt alles. Seliger wurde sogar der erste Zweitliga-Spieler, der noch im Juniorenalter zum Nationalspieler wurde. Ebenfalls anders: Damals durfte der Zweitliga-Meister aufsteigen. In der Saison 1993/94 spielte der SB Rosenheim wieder erstklassig.

Neumeier / Oberbayerisches Volksblatt 

Quelle: rosenheim24.de

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