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Amateurfußball

206 Tage ohne ein Mannschaftstraining: Ein Rückblick auf den quälend langen Sport-Lockdown

216 Tage liegen zwischen diesen beiden Bildern: Leon Simeth beim letzten Spiel der Wasserburger...
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216 Tage liegen zwischen diesen beiden Bildern: Leon Simeth beim letzten Spiel der Wasserburger...

Monotone Dauerläufe, Krafttraining per Video-Konferenz, im Wohnzimmer steht ein selbst gezimmertes Eishockey-Tor, der Garten ist ein Fußball-Tennis-Feld, der Keller ein Fitnessstudio. Ein Rückblick auf 206 quälend lange Tage Corona-Stillstand im Amateurfußball.

Großkarolinenfeld/Wasserburg – Über ein halbes Jahr ist es nun her, seitdem wir zum letzten Mal mit unserer Mannschaft trainiert haben. Wir, das bin ich – Leon Simeth, Volontär in der Sportredaktion der OVB-Heimatzeitungen und Spieler beim Bayernligisten TSV 1880 Wasserburg – und ihr, tausende weitere Hobbyfußballer in der Region, die alle im gleichen Boot sitzen, denn: Wir alle wollen einfach wieder kicken, anderen dabei zuschauen und unseren Spielbetrieb im Amateurfußball zurück.

...und beim Covid-Test im Löwen-Vereinsheim vor dem ersten Training nach der langen Pause.

Nun ist es endlich vorbei, das monatelange Hoffen auf die Nachricht, dass es wieder losgeht. Seit letztem Freitag ist der Trainingsbetrieb im Amateurbereich wieder möglich. Bei uns in Wasserburg liegen genau 206 Tage zwischen der letzten Einheit im Oktober und dem ersten Mannschaftstraining auf dem Platz am Freitag. Auch wenn zahlreiche Vorschriften einzuhalten sind, es ist den Aufwand wert: Was für eine Befreiung, die Bälle endlich wieder durch die Wasserburger Altstadtluft zu jagen.

Das Aus kommt per Whats-App

Aber drehen wir die Uhr noch einmal zurück. Nach dem Re-Start im September letzten Jahres läuft der Trainings- und Spielbetrieb mit ein paar Ausnahmen reibungslos. Ein paar Spiele werden abgesagt oder verlegt, aber jede Mannschaft bestreitet einige Partien. Auch wenn lange mit der zweiten Welle gerechnet wird, kommt die Nachricht am 29. Oktober quasi aus dem Nichts: „Das Spiel am Wochenende findet nicht statt. Aufgrund der aktuellen Situation und den neuen Maßnahmen, müssen wir den Trainingsbetrieb einstellen“, heißt es in der WhatsApp-Teamgruppe.

Von nun an stehen wöchentlich zwei Läufe und eine Krafteinheit per Zoom auf dem Programm. Die Online-Trainings mache ich im Keller. Nach und nach entwickelt sich dieser immer mehr zum eigenen kleinen Fitnessraum.

Krafttrainings-Einheiten per Zoom: So hielt sich der Fußball-Bayernligist TSV Wasserburg fit.

Kämpferherz Hain hängt den Rest ab

Um den Spaß dabei zu halten wird aus den Laufeinheiten eine Team-Challenge gemacht. Jeder hat acht Läufe, jeweils 45 Minuten. Wer am weitesten läuft, gewinnt. Auf Platz eins der Einzelleistung steht am Ende unser Kämpferherz Hannes Hain. Wer auch sonst.

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Im Dezember ist dann offiziell Winterpause angesagt, bevor es nach den Weihnachtsfeiertagen weitergeht. Da der am 11. Januar geplante Trainingsauftakt nicht möglich ist, gilt das gleiche Programm wie zuvor: Zwei Läufe, eine Krafteinheit – Woche für Woche für Woche. Es ist nicht immer leicht, die Motivation zu finden. „Wenn es im März oder April weitergeht, zahlt sich alles aus“, rede ich mir immer wieder ein.

Die Sportplätze sind gesperrt und dass Wetter ist grausig, also bleibt nur noch eine Möglichkeit zum Kicken: Das Wohnzimmer. Glücklicherweise ist mein Papa ähnlich fußballbegeistert wie ich und hat noch nicht alles verlernt. So steigt im Lockdown ein „Indoormatch“ nach dem anderen, mit einem kleinen Softball.

Doppelpass mit der Geschirrspülmaschine

Im Wohnzimmer steht das vom Opa selbstgezimmerte Eishockey-Tor, das Netz stammt noch aus Zeiten von Karl Friesen, Wacki Kretschmer und Mondi Hilger. Davor, mittig platziert, ein Stuhl, dicke Bücher oder Sonstiges – das ist der Torwart. Geschossen wird von der Küche aus, rund acht Meter Torentfernung und es gibt jede Menge Varianten - mit rechts, links, Außenrist, Volley, Kopfball. Die Doppelpasspartner heißen Ofen, Geschirrspülmaschine und Küchenzeile.

Der Modus: Best of five. Zehn Versuche sind ein Satz, drei Gewinnsätze bedeuten den Sieg. Es geht natürlich auch immer um etwas. Der Verlierer muss Einkaufen gehen, kochen oder den Abwasch erledigen. Die Duelle wurden schon einige Male durch das Zusammenkehren von Glasscherben unterbrochen. In wie viele kleine Splitter Wasserflaschen oder Kerzenhalter zerbersten können, wenn sie – unglücklich von einem Querschlägerball getroffen – auf den Fliesenboden krachen, ist eine von vielen neuen Erkenntnissen in Zeiten von Corona.

Das Indoorfeld: Von der Küche aus wird Richtung Wohnzimmer auf das Eishockey-Tor geschossen.

Fußballtennis im Modus „Best of five“

Dann wird das Wetter schöner, anders gesagt, an manchen Tagen kann man rausgehen. Also wird der Garten zum Fußball-Tennis-Feld umfunktioniert. Spätestens beim zweiten Kontakt muss die Kugel über die Schnur. Auch wenn sich mein Papa die eine oder andere Klatsche abholt (wieder geht es über drei Gewinnsätze), schlägt er sich wacker. Wetterbedingt endet der Großteil der Partien jedoch in einer Schlammschlacht.

Fußballtennis im heimischen Garten: Das „Netz“ ist eine quer gespannte Schnur, befestigt am Gartenstuhl.

Anfang März gibt es dann die erste erfreuliche Nachricht seit Langem, was die Bestimmungen zum Amateursport angeht. Die ersten Schicht-Trainingseinheiten sind möglich! In Vierergruppen können wir gleichzeitig auf den Platz, trainiert wird aber jeweils nur zu zweit. Nach zwei solcher Einheiten ist die Euphorie schnell wieder verflogen. Der nächste Lockdown ist beschlossen.

Es heißt also wieder: Läufe, Krafttraining vor dem Bildschirm und Wohnzimmer-Duelle. So vergehen wieder mehr als zwei Monate, bis Mitte Mai endlich der Beschluss steht, dass wieder mit der Mannschaft auf dem Platz trainiert werden kann. Dazu müssen aber alle Trainer und Teilnehmer einen höchstens 24-Stunden alten, negativen Covid-Test vorweisen.

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Glücklicherweise sind die Voraussetzungen bei uns in Wasserburg dafür optimal. Seit knapp zwei Monaten ist das Löwen-Vereinsheim ein Testzentrum für die Stadt Wasserburg. Das heißt, wir Spieler werden direkt vor Ort getestet. Zwischen 50 und 20 Minuten vor Trainingsbeginn sollen wir – weil wir die Kabinen nicht benutzen dürfen – schon umgezogen am Gelände sein, am besten in zeitlichen Abständen.

Direkt ins Testzentrum in der Altstadt

Angekommen in der Altstadt, geht es also mit FFP2-Maske auf der Nase und Fußballschuhen in der Hand direkt ins Testzentrum. Ich treffe meine Trainer und Mitspieler, die ich seit Oktober nur noch per Zoom gesehen habe, darf sie aber erst mit Körperkontakt begrüßen, wenn das negative Ergebnis vorliegt. In dieser Wartezeit wird Abstand gehalten und auch die Maske bleibt auf.

Abstand und Maske bis das negative Testergebnis da ist, hier Markus Grübl und Neu-Löwe Daniel Kobl.

Nach einer Viertelstunde warten ertönt die erlösende Nachricht aus dem Vereinsheim: „Simeth, Test ist negativ.“ Ich darf also endlich wieder auf den Fußballplatz, die Mitspieler – die das negative Ergebnis auch schon haben – begrüßen und gegen die Kugel treten.

Endlich wieder Rasen statt Fliesenboden

Beim Aufwärmen macht es sich schon bemerkbar, dass ich diese Bewegungs-Abläufe nicht mehr gewohnt bin. Nach vorwiegend Techniktraining geht es am Ende endlich auf die Kiste. Dafür lohnt sich jeder Aufwand: Den Ball, und zwar kein weiches Softkugerl, endlich wieder in die Maschen zu jagen, vom Strafraumeck, nicht aus der Küche, auf echtem Rasen statt auf Fliesenboden – was für ein befreiender, großartiger Moment.

Durchgeschwitzt und erschöpft, aber glücklich geht es nach dem Training direkt ins Auto. Auch das nimmt man gerne in Kauf. Und was muss das erst für ein Gefühl sein, wenn es wieder „richtige“ Spiele gibt. Freitagabend Fußball-Bayernliga in der Altstadt. 90 Minuten, kein Best of five.

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