Wahl zum CSU-Vize: Man nennt es Demokratie

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Sekunden nach der Entscheidung des Peter-Duells: Mit den Worten „Auf geht’s“ gratuliert Gauweiler (r.) seinem Konkurrenten Ramsauer. Horst Seehofer (M.) wirkt zufrieden.

Nürnberg - Der sichere Sieger stürzt auf den letzten Metern: Um ein paar Stimmen scheitert Euro-Rebell Peter Gauweiler bei der Wahl zum CSU-Vize. Eine nächtliche Absprache der Mächtigen bringt ihn zu Fall. Parteichef Horst Seehofer ist zufrieden – mit sich und mit allen.

In den bangen zehn Minuten, als sie irgendwo hinter der Bühne sein Schicksal auszählen, erinnert sich Peter Ramsauer seines Klavierlehrers. „Peterle“, habe der ihm vor dem ersten Auftritt gesagt, „Du musst Dir vorstellen, die sitzen da alle in Unterhosen“. Hilft immer gegen Lampenfieber. Nur jetzt nicht, als der 57-jährige Bundesminister zwischen all den CSU-Granden in der ersten Reihe sitzt und hilflos wartet.

Er steht auf, tigert durch die Reihe, wirft hinter sich eine Flasche um, hebt sie auf, setzt sich hin. Ordnet die Papiere vor sich neu von unten nach oben, legt den Stift exakt parallel daneben, das Brillenetui im 90-Grad-Winkel. Steht auf, in Reihe zwei halten sie jetzt spontan ihre Flaschen fest, setzt sich gleich wieder. Als das Ergebnis verlesen wird, presst Ramsauer die Lippen zusammen, nickt aus tiefster Erleichterung. Er wird nicht derjenige sein, der in Unterhosen heimgeht.

In einem bemerkenswerten Spektakel sichert sich Ramsauer am CSU-Parteitag den Verbleib in einem Amt, das bis vor Kurzem allen völlig wurst war. Mit 440 zu 419 entscheiden die Delegierten für ihn als Parteivize, gegen seinen Herausforderer Peter Gauweiler. Ramsauer darf weitere zwei Jahre einer der vier Stellvertreter von Parteichef Horst Seehofer bleiben.

Es ist das Duell Hirn gegen Herz. Nicht, dass es einem der Kontrahenten daran mangeln würde. Aber Gauweiler zu folgen, heißt für viele Delegierte, auf ihren Bauch zu hören. Mit seinem euroskeptischen Appell an die CSU-Emotionen, mit seiner widerborstigen, aber intellektuellen Art begeistert er vor allem die Basis. Beliebt, aber halt unberechenbar. Ein freies Radikal.

Ramsauer steht für die Wahl der Vernunft. Er kippt nicht in einen Anti-Euro-Kurs, passt zum Proporz, pflegt auch nicht vor dem Verfassungsgericht gegen Beschlüsse seiner Parteifreunde zu klagen. „57 Jahre, von Beruf Müllermeister“, stellt er sich dem Saal vor. Und mahnt: „Jede Unterstützung für mich ist eine Unterstützung unserer bayerischen Belange in Berlin.“

Ein Ministerkollege, der in Reihe zwei gerade in eine Wurst beißt, formuliert es drastischer: „Wenn wir den jetzt nicht wählen, nimmt ihn die Merkel nie mehr ernst. Wer schafft uns dann die Kohle ran?“ Für die Umgehungsstraßen, für die Dorfsanierung. Gauweilers Bewerbungsrede greift das in einer eigentlich unerhörten Bosheit auf. „Ich kann euch nichts anbieten – keinen einzigen Kilometer“, ruft er. Als Scherz getarnt, ist das schlicht der Vorwurf, dass Ramsauer das Gewicht seines Milliardenetats als Verkehrsminister missbrauche, um für sein Parteipöstchen Druck zu machen.

Freilich, in den hinteren Reihen wird schon gelästert. Einer erzählt heiter von jenem fränkischen Oberbürgermeister, der jüngst gleich mehrere Briefe auf Ministeriums-Papier erhielt. Unaufgeforderte Gesprächsangebote zufällig von jenen Herren, die für vordere Parteiämter kandidieren. Im vertraulichen „Du“, obwohl man sich gar nicht kenne – dafür handschriftlich angemerkt, man sehe sich ja auf dem Parteitag endlich mal wieder.

Die paar Briefe aber prägen das Peter-Duell nicht. Auch nicht die Bewerbungsreden, für die sich Gauweiler eine Krawatte umgehängt (aber nicht zugebunden) hat. Er, der sonst so eloquente Redner, reißt nicht mit, wirkt angespannt. „Dich, lieber Horst, vom Außenseiter zum Einzelgänger unterstützen“, das will er. Dass der liebe Horst auf diese Unterstützung allzu gerne verzichten würde, weiß man. Gauweiler glaubt aber, dass mache nichts.

Und täuscht sich gründlich. Hinter den Kulissen in den Nürnberger Messehallen hat sich zwischen Freitagnacht und Samstagmittag die Stimmung gedreht. Die wirklich Mächtigen, die Vorsitzenden der Bezirksverbände, haben diskret einen Pakt gegen ihn geschlossen. Sie werben für Ramsauer, dafür verzichtet der große Oberbayern-Block nun doch auf eine Sammelabstimmung, bei der die Kandidaten aus den anderen Regionen rausfliegen könnten. Ein Vize nach dem anderen soll einzeln gewählt werden, erst ganz am Ende Ramsauer. Der Wahlmodus ist das große Faustpfand von Oberbayerns Bezirkschefin Ilse Aigner. Sie hat die Taktik ausgetüftelt.

In den Vorbesprechungen frühmorgens schwören die Bezirksvorsitzenden ihre Delegierten auf den Kuhhandel ein. Ihr Wort hat Gewicht. „Ich verstehe jeden, der eine emotionale Bindung an Gauweiler hat“, wird der Oberfranke Hans-Peter Friedrich zitiert. „Aber ich kann nur appellieren, dass ihr eure Verantwortung für die Partei kennt!“ Bei den Oberbayern, die um acht Uhr früh im zweiten Stock tagen, ergreifen mehrere Promis das Wort. „Mit offenem Visier in die Abstimmung“, gibt Aigner vor. Sie ruft in Erinnerung, dass Gauweiler doch gezielt den Kampf gegen den Oberbayern Ramsauer suche. Das schweißt zusammen.

Mit kleinen Augen sitzen die Delegierten in diesen Runden. Einige kamen erst um vier Uhr früh vom Delegiertenabend heim, bei dem Ramsauer mit einem Bierglas von Tisch zu Tisch schlenderte (und Gauweiler fehlte). Aber die Predigt wirkt. Am Morgen faltet Ramsauer einen weißen Zettel und schiebt ihn in die linke Innentasche seines Jackets. Es ist eine Kalkulation, wie viele Delegierte er gewonnen haben dürfte. Er liegt später um nur fünf Stimmen daneben. Nicht schlecht geschätzt bei 1000 Delegierten.

Irgendwie ist das am Herausforderer und seinen Unterstützern komplett vorbeigelaufen. Gauweiler ist Manns genug, dass ihn sein erster Weg Sekunden nach der überraschenden Niederlage zu Ramsauer führt. Er gratuliert, „auf geht’s“, sagt er ihm. „Er hat gewonnen, und ich hab verloren, das ist das politische Spiel. Man nennt es Demokratie.“ Auf dem Rückweg durch die Reihen aber sinniert er. „Ich wurde in diesen Gesprächen nicht so integriert wie Dritte.“

Ganz vorne sitzt noch einer, der wurde auch nicht direkt integriert, lacht sich aber ins Fäustchen. Er habe immer gewusst, dass es knapp werde, sagt Parteichef Seehofer: Er habe halt „ein Gespür dafür, wie die Leute denken. Ich kenne meinen Laden in- und auswendig“. Mit keinem Wort hatte er sich offiziell auf Ramsauer festgelegt. Das Ergebnis aber dürfte er großartig finden: keiner beschämt, keiner beschädigt. Dem unterlegenen Gauweiler kann er sogar großherzig die freiwillige Mitarbeit im Vorstand des „Ladens“ anbieten.

Und um Prozente braucht sich der Boss auch nicht scheren. Seine Wiederwahl als Parteichef läuft völlig glatt. 89,9 Prozent, also noch ein paar Promille mehr als im Vorjahr, sind ein respektables Ergebnis. Seehofers 111-Minuten-Rede enthält zwar wenig Neues, eine Aneinanderreihung bekannter Sprücherl und eine endlose Dankeshymne an einzelne Parteifreunde. Seehofer trifft aber in zwei Details den Ton: Er bindet seine Kritiker ein, lobt ausdrücklich selbst Thomas Goppel und Erwin Huber für ihren Dienst an der CSU. Und er eröffnet das Feuer auf den SPD-Kandidaten Ude.

Die Delegierten springen auf am Ende, nicht pflichtbewusst, sondern begeistert. Seehofer sonnt sich vier Minuten in diesem Jubel, keine beschwichtigende Geste wie sonst, er verbeugt sich vielfach in jede Richtung und genießt. Es scheint sehr, sehr gut zu tun. „Blutdruck nach dieser Anstrengung wieder normal“, vermeldet Seehofer zum Ende des Parteitags.

Na ja, fast normal. Als die Delegierten feierlich die Bayernhymne singen, steht Peter Ramsauer ein Stück abseits. Zum ersten Mal seit einer Stunde kommt keiner zu ihm, dem er innig zu danken hätte. Aufrecht und gefasst steht und singt Ramsauer. Die Haltung hat er schon im Griff. Aber seine Finger flattern und zappeln noch. Als spiele er eine sehr komplizierte Sonate.

Christian Deutschländer

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