Silvio im Glück - Wahlcoup auf Italienisch

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Silvio Berlusconi in Siegerpose.

Rom - Tausendsassa? Silvio im Glück? Genialer Wahlkämpfer? Dem umstrittenen italienischen Regierungschef ist es einmal mehr gelungen, das Ruder bei den Regionalwahlen herumzureißen.

Trotz aller Berichte über private Skandale und der juristischen Geplänkel um Korruptionsaffären hat Silvio Berlusconi die Regionalwahlen überraschend gewonnen - vor allem auch dank des Triumphs seines ausländerfeindlich-populistischen Koalitionspartners Lega Nord. Nach zwei glanzlosen Regierungsjahren erklärte er den regionalen Urnengang schlichtweg zu einem nationalen Referendum über seine Person. Mit Erfolg, wie selbst die Speerspitze des Anti-Berlusconi-Lagers, die römische Tageszeitung “La Repubblica“ einräumte. Und welcher Regierungschef schafft das bei Zwischenwahlen?


Silvio Berlusconi: Seine Affären und Skandale

Korruption, Mafia-Verbindungen, Sexskandale: Silvio Berlusconi kam mit diversen Affären immer wieder in die Schlagzeilen. Hier eine Auswahl: © dpa
Spektakulärster Fall ist “Rubygate“. Die Staatsanwaltschaft lastet dem 75-Jährigen Kontakte zu dem minderjährigen marokkanischen Escortgirl Karima el-Marough, genannt “Ruby“, an. Da Berlusconi das Mädchen mit einem Anruf bei der Polizei aus deren Gewahrsam befreite, soll er sich auch wegen Amtsmissbrauchs verantworten. © dpa
Außerdem steht der Medien-Milliardär im Verdacht, den britischen Anwalt David Mills bestochen zu haben. 1998 soll Berlusconi 600 000 US-Dollar (436 347 Euro) bezahlt haben, damit dieser in Prozessen gegen seinen Medienkonzern Falschaussagen macht. Ein für Berlusconi maßgeschneidertes Immunitäts-Gesetz (“Lodo Alfano“), das zeitweise zur Aussetzung auch dieses Verfahrens geführt hatte, war vom Verfassungsgerichtshof Ende 2009 gekippt worden. © dpa
Drei prominente Mitglieder von Berlusconis Regierungspartei “Volk der Freiheit“ (PdL) gerieten im Juli 2010 ins Visier der Justiz - darunter ein wegen Geschäften mit der Mafia bereits verurteilter Berlusconi-Freund. Die Justiz wirft ihnen unter anderem vor, eine kriminelle Vereinigung mit aufgebaut zu haben, um politische und juristische Entscheidungen des Landes zu beeinflussen. Zuvor hatte ein ehemaliger Mafia-Killer Berlusconi vor Gericht sogar mit einer Serie von Bombenanschlägen in Verbindung gebracht. © dpa
Als Kandidatinnen der Regierungspartei für die Europawahl 2009 schlug Berlusconi drei junge Schönheiten vor: eine ehemalige TV-Ansagerin, eine Fernsehschauspielerin und eine Sängerin. © dpa
“Schamlose Luder im Dienst der Macht“, beschimpfte damals seine Noch-Ehefrau Veronica Lario die Damen. Lario reichte 2009 die Scheidung ein. © dpa
Eine angebliche Affäre mit der Schülerin Noemi Letizia hatte zuvor für Aufsehen gesorgt. Nach Berlusconis Besuch auf Noemis Party zum 18. Geburtstag hatte Gattin Lario öffentlich gesagt, Berlusconi treffe sich “mit Minderjährigen“. Gerüchte um eine Liaison mit der Schülerin, die ihn “Papi“ nannte, wies er allerdings zurück. © dpa
Und hier weitere Bilder, Skandale und Skandälchen von und mit Silvio Berlusconi: „Gott sei Dank gibt es mich“: Berlusconi leidet nicht an Minderwertigkeitsgefühlen. © dpa
Kleiner Mann: Ist 1,64 Meter groß, behauptet aber steif und fest, er sei 1,71 Meter. © dpa
Zumindest körperlich auf Augenhöhe: Angela Merkel und Silvio Berlusconi. © dpa
Liebt theatralische Gesten: Silvio Berlusconi. © dpa
Dem ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten gehören fast die Hälfte aller italienischen Fernsehsender. © dpa
Im „Canale 5“-Studio mit dem Journalisten Alessio Vinci. © dpa
Zwei Männer, die sich beide für unwiderstehlich halten und hielten: Berlusconi und der mittlerweile verstorbene libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi. © dpa
Der Milliardär mal ohne Dauergrinsen im Gesicht. © dpa
Berlusconi ist fünffacher Großvater. © dpa
Mit Escort-Dame Patrizia D'Addario soll er auch ein Verhältnis gehabt haben... © dpa
Und wieder eine große Geste. © dpa
Berlusconi bei einer UN-Vollversammlung. © dpa
Shaking Hands mit den Obamas beim G20-Gipfel in Pittsburgh. © dpa
Im Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel. © dpa
Berlusconi war ziemlich sauer darüber, dass seine Straffreiheit aufgehoben wurde. © dpa
Wohin führt nun der Weg? © dpa
Hier sieht es aus, als säße Berlusconi auf der Anklagebank. Tat er auch ständig - irgendwie. © dpa
Berlusconi resigniert. © dpa
Ciao, Silvio! © dapd

Der “Sarkozy-Effekt“, von dem die Linke im Stiefelstaat geträumt hatte, blieb also aus. Der 73-jährige Milliardär und Medienmogul aus Mailand wurde nicht von frustrierten Italienern abgestraft, wie vor kurzem der französische Staatspräsident bei den Regionalwahlen. Wer unzufrieden oder politikmüde ist, weil sich “die da in Rom“ mehr mit sich als mit der Wirtschaftskrise und der sehr hohen Arbeitslosigkeit beschäftigen, der machte lieber einen Bogen um die Wahllokale. Nach einem schrecklichen Wahlkampf sei es fast zu bewundern, dass noch so viele wählen gegangen seien, meinte die Turiner “La Stampa“ ironisch.


Berlusconi kann nicht nur deshalb weiter auf der Erfolgswelle schwimmen, weil er - anders als Nicolas Sarkozy mit Blick auf Jean- Marie Le Pen - die jetzt noch gestärkte rechte Flanke als wichtigen Partner in der Regierungskoalition sitzen hat. Die linke Opposition macht es ihm auch leicht, ist zerstritten, bleibt beim purem Anti- Berlusconi-Kurs stehen, ohne sich als überzeugende Alternative anbieten zu können.

Von ihren elf Regionen, in denen es zur Wahl ging, muss die Linke nun vier an das rechte Lager abtreten. Der Rechtsausleger Lega Nord von Umberto Bossi holt mit Spitzenergebnissen Venetien und Piemont, und nach einem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen knöpft Berlusconi den Gegnern auch die Schlüsselregion Latium um die Hauptstadt ab, obwohl seine Partei “Volk der Freiheit“ (PdL) dort gegen Pannen bei den Wahllisten ankämpfen musste - linke Katerstimmung, rechter Jubel rund um Rom.

Also alles in Butter für den Cavaliere, den Magier? “Ich habe in das Spiel eingegriffen, und das ist mein Sieg“, so verbuchte Berlusconi das überraschende Wahlergebnis sofort für sich. Der Erfolg der norditalienischen Lega - alles in allem 12,7 Prozent - könnte dieses “Referendum“ jedoch auch zu einem Pyrrhus-Sieg machen, wenn Bossis Mannen den Medienzar belagern und nach mehr Macht rufen. Lega- Leader Bossi gab sich zunächst zurückhaltend: “Wir werden die Gleichgewichte in der Regierung nicht verändern - es ist die Linke, die k.o. gegangen ist.“ Bitter nötige Reformen wollen sie in den nächsten drei Jahren bis zur nächsten Parlamentswahl anpacken.

Millionen gingen diesmal nicht wählen, und das in einem Land mit traditionell hoher Beteiligung. Die regionale Abstimmung hat so einen weiteren Verlierer hervorgebracht - die Demokratie. Riesig erscheint die Kluft zwischen den Wählern und der Politik. Lichtjahre entfernt von den Belangen der wirtschaftlich gebeutelten Italiener hatte sich der Wahlkampf ganz auf Berlusconi und noch auf ein paar kuriose Nebenkriegsschauplätze konzentriert. Der Regierungschef steht jetzt vor der Aufgabe, Italien auf Vordermann zu bringen und sein Bündnis mit Bossi auf der einen Seite und Parlamentspräsident Gianfranco Fini auf der anderen zusammenzuhalten. Das gleicht einer Sisyphus-Arbeit.

dpa

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