Kundus-Opfer stellen neue Forderungen

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Bei dem von der Bundeswehr befohlenen Bombenangriff von Kundus waren am 4. September bis zu 142 Menschen getötet oder verletzt worden.

Berlin - Knapp sieben Monate nach dem verheerenden Luftangriff bei der afghanischen Stadt Kundus werden neue Entschädigungsforderungen gegen Deutschland laut.

Das Verteidigungsministerium ist bereit, nicht nur mit den Bremer Opfer- Anwälten Bernhard Docke und Karim Popal zu verhandeln, sondern auch mit anderen Stellen. Nach einem Bericht des in Bremen erscheinenden “Weser-Kurier“ (Montag) haben sich 30 Familienoberhäupter aus Kundus an die Unabhängige Afghanische Menschenrechtskommission (AIHRC) gewandt.


Der blutige Angriff in Kundus

Nach dem blutigen NATO-Luftangriff in Afghanistan wachsen die Spannungen zwischen den Bündnispartnern Deutschland und USA. © dpa
Die deutschen Truppen forderten am Freitag, 4. September 2009, bei Kundus einen Luftangriff gegen die Taliban an. Die Amerikaner schickten Kampfflugzeuge. © AP
Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) erklärte: Die beiden von den Amerikanern bombardierten Lastwagen sollten nach Ansicht militärisch Verantwortlicher möglicherweise für einen Selbstmordanschlag auf die Deutschen genutzt werden. © dpa
Nach Angaben der Bundeswehr hatten Taliban-Kämpfer in der Nähe von Kundus einen Kontrollposten errichtet und dort gegen 01.50 Uhr Ortszeit zwei beladene Tanklastzüge in ihre Gewalt gebracht. © dpa
Die Taliban hätten den Treibstoff in den Unruhedistrikt Char Darah bringen und selbst nutzen wollen. © AP
Bei der Durchquerung des Flusses Kundus sechs Kilometer vom deutschen Wiederaufbauteam entfernt seien sie mit den Fahrzeugen in einer Sandbank steckengeblieben. © AP
Von der Bundeswehr angeforderte NATO-Flugzeuge hätten sie dann um 02.30 Uhr bombardiert. © AP
Nun soll geklärt werden, was sich genau abspielte: Die Untersuchung der Internationalen Schutztruppe ISAF zu dem von der Bundeswehr angeordneten Luftangriff dauert an. © dpa
Die Öffentlichkeit werde nach Abschluss der Untersuchungen über das Ergebnis informiert, sagte ein ISAF-Sprecher am Montag in Kabul. © dpa
Einen Zeitpunkt nannte er nicht. Die NATO-geführte ISAF und eine Delegation von Präsident Hamid Karsai untersuchen den Vorfall vom vergangenen Freitag. © AP
Nach einem Bericht der “Washington Post“ gingen erste Schätzungen der NATO-Untersuchungskommission von rund 125 Toten aus, davon mindestens zwei Dutzend Zivilisten. © AP
Der verheerende Luftangriff bringt die Bundesregierung immer stärker in Erklärungsnöte. © AP
Unter Druck gerät vor allem Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU), dem neben der Opposition auch die SPD eine miserable Informationspolitik vorwirft. © AP
Oberst Georg Klein, Kommandeur des Bundeswehrlagers in Kundus, hat den Luftangriff befohlen. © dpa
Oberst Klein hat sich zuversichtlich gezeigt, dass bei der Untersuchung des Vorgangs alle notwendigen Informationen herangezogen werden und es zu einer fairen Beurteilung kommt. © AP
Nach wie vor nicht bekannt war die genaue Zahl der Opfer. © dpa
Nach afghanischen Angaben kamen etwa 70 Menschen ums Leben. © dpa
US-Konteradmiral Gregory Smith, der Sprecher von NATO-Kommandeur Stanley McChrystal, nannte die vorläufige Zahl von 56 Toten. © dpa
Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung sagte, seinen Informationen zufolge seien bei dem Angriff ausschließlich Taliban-Mitglieder getötet worden. © dpa
Nach Darstellung von Offizieren der NATO in Afghanistan sind unter den Toten mit einiger Wahrscheinlichkeit auch einfache Bewohner der Region. © dpa
Verletzte in einem Krankenhaus in Kundus. © dpa
Ein Verletzter im Krankenhausbett. © dpa
US-Konteradmiral Gregory Smith, der Sprecher von NATO-Kommandeur Stanley McChrystal (Bild), erklärte, die Bundeswehr habe bis zur Besichtigung des Angriffsorts zu viel Zeit verstreichen lassen. © dpa
Nach Ansicht McChrystals sei die Reaktionszeit “vermutlich länger gewesen, als sie hätte sein sollen“, sagte Smith am Sonntag. © AP
Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan. © AP
Bundeswehr-Soldaten bereiten in Kundus den Start einer unbemannten Drohne vor. Eine solche Drohne habe die Entführer der Tanklaster verfolgt und mit der Kamera 67 Taliban-Kämpfer registriert, aber keine Zivilpersonen, verlautete aus Bundeswehrkreisen in Kundus. © AP

Die Familien wollen demnach über die Kommission direkt mit deutschen Stellen verhandeln und rasch entschädigt werden. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte am Montag: “Gesprächen mit der AIHRC über Entschädigungsleistungen würden wir uns nicht verschließen.“ Bei dem von der Bundeswehr befohlenen Bombenangriff von Kundus waren am 4. September bis zu 142 Menschen getötet oder verletzt worden.


Voraussichtlich an diesem Mittwoch wird es nach Angaben des Sprechers ein weiteres Treffen mit Docke und Popal geben. Über den Inhalt der Gespräche sei Stillschweigen vereinbart worden.

Nach dem Bericht des “Weser-Kuriers“ vertreten die 30 Männer Familien, die nach Angaben der AIHRC bei dem Bombardement insgesamt 66 Todesopfer zu beklagen hatten. Sie drängten vorzugsweise auf finanzielle Unterstützung. Der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Christian Schmidt (CSU), wolle sich bei einem Besuch in Kabul in den nächsten Tagen mit Ahmad Fahim Hakim treffen, dem stellvertretenden AIHRC-Leiter. In einem Schreiben beklage Hakim, bislang habe es in Kundus “zu viele Versprechungen, aber keine Lieferung“ an Hinterbliebene gegeben.

“Spiegel Online“ berichtete am Montag, die 30 afghanischen Familien wollten direkt mit der Bundeswehr verhandeln, weil sie zum bisher in der Sache federführenden Anwalt Popal kein Vertrauen hätten. Auf der neuen Namensliste fänden sich auch Namen, die in den Papieren von Popal als Mandanten aufgeführt seien. Ob es sich um die gleichen Personen handele, sei unklar. “Von meinen Mandanten ist keiner abgesprungen“, betonte Popal auf Anfrage. Er habe die Vertretung einiger Menschen ablehnen müssen, weil sie nicht seriös hätten nachweisen können, dass sie zu den Opfern gehörten.

“Spiegel Online“ hatte zudem Mitte März berichtet, die Anwälte der Bombenopfer hätten sieben Millionen Euro Entschädigung von der Bundesregierung gefordert. Docke hatte daraufhin gesagt, über exakte Summen sei nicht gesprochen worden.

Als erste Entschädigungsmaßnahme hatte die Bundesregierung im Winter 1400 Hilfspakete in der Region verteilt und dafür 150 000 Euro investiert. Zudem hatte sie sich bereiterklärt, in einem zweiten Schritt “nachhaltige Projekte“ über einen längeren Zeitraum zu fördern. Popal hatte ein Waisenhaus, eine Milch-Genossenschaft, ein Landbeschaffungsprojekt, eine Teppichknüpferei und eine Gerberei für eine Förderung ins Gespräch gebracht.

dpa

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