Kritik: Durch Frührente droht Altersarmut

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Frührentner gehen statistisch gesehen drei Jahre und zwei Monate vorher in Ruhestand.

Berlin - Immer mehr Arbeitnehmer gehen vorzeitig in den Ruhestand. Weil es dann Abschläge gibt, fürchten Sozialverbände mehr Altersarmut. Die Regierung hält dagegen: Das Rentensystem sei stabil.

Rekordzahl bei der Frührente: Fast jeder zweite Beschäftigte in Deutschland geht vorzeitig in den Ruhestand und nimmt dafür eine niedrigere Rente in Kauf. Sozialverbände warnen, dass sich mit der Einführung der Rente mit 67 zum neuen Jahr die Gefahr der Altersarmut verschärfen könnte. Die SPD fordert die Aussetzung der Rente mit 67. Die Bundesregierung weist das zurück. Das Rentensystem sei dank der Reform für die nächsten Jahrzehnte finanziell sicher aufgestellt. Zum 1. Januar 2012 wird mit der schrittweisen Anhebung des Rentenalters auf 67 bis zum Jahr 2029 begonnen.

Nach Statistiken der Deutschen Rentenversicherung bezogen im vergangenen Jahr knapp 674 000 Versicherte erstmals eine Altersrente. 47,5 Prozent von ihnen oder fast 320 000 mussten Abschläge verkraften, weil sie nicht bis zum 65. Lebensjahr, der Regelaltersgrenze, gearbeitet haben. Fünf Jahre vorher waren es noch 41,2 Prozent gewesen, 2000 nur 14,5 Prozent. Bei Frührentnern fällt die Rente im Durchschnitt um monatlich 113 Euro geringer aus.

Frührentner gehen statistisch gesehen drei Jahre und zwei Monate vorher in Ruhestand, um zusammen mit dem Partner im Alter mehr freie Zeit zu genießen. Viele haben Haus oder Wohnung abbezahlt, eine private Altersvorsorge und können die Abschläge finanziell verkraften.

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Das Bundessozialministerium erklärte, bei einer älter werdenden Gesellschaft und mehr Frauen in Arbeit sei es nur natürlich, dass es mehr Frührentner gebe. „Die Zunahme ist alleine auf die Entwicklung bei den Frauen zurückzuführen“, sagte ein Sprecher. Bei den Männern sei der Trend seit 2005 stark rückläufig.

Insgesamt hätten sich die Chancen Älterer deutlich verbessert. So sei die Beschäftigungsquote der 60- bis 64-Jährigen von 16,6 Prozent (2005) auf 26,4 Prozent (2011) gestiegen. Auch gingen generell die Menschen später in Rente: Das Eintrittsalter sei im Schnitt auf 63,5 Jahre gestiegen. Die Rente mit 67 sei notwendig, um die Alterssicherung finanzierbar zu halten: „Die Rente ist für die nächsten Jahrzehnte finanzsicher aufgestellt“, so das Ministerium.

Ulrike Mascher, Vorsitzende des Sozialverbandes VdK Deutschland, fürchtet dagegen, dass sich mit der langsamen Erhöhung der Renteneintrittsalters auf 67 Jahre die Situation noch verschärfen wird. „Die Gefahr von Altersarmut wird wachsen“, sagte sie der „Süddeutschen Zeitung“.

"Reines Rentenkürzungsprogramm"

Genauso sieht es Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). „Solange die Beschäftigten kaum eine Chance haben, bis 65 zu arbeiten, ist die Rente mit 67 ein reines Rentenkürzungsprogramm.“

Auch die SPD erklärte, die Rentenpolitik müsse stärker an der Lebenswirklichkeit der Menschen ausgerichtet werden. Generalsekretärin Andrea Nahles forderte, eine Anhebung des Renteneintrittsalters sollte erst erfolgen, wenn mindestens die Hälfte der 60- bis 64-Jährigen sozialversicherungspflichtig beschäftigt sei. Nahles warf Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vor, stur am Konzept der Rente mit 67 festzuhalten. „Wegschauen und Ignorieren ist keine vernünftige Politik.“

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt kritisierte Ausnahmen für besonders langjährig Versicherte bei der Rente mit 67. „Dieses Rentenprivileg ist sozialpolitisch falsch und kostet die Rentenversicherung langfristig jährlich zwei Milliarden Euro“, sagte Hundt der „Welt“ (Donnerstag). Die Rente mit 67 sei zumutbar. Ältere Arbeitnehmer seien heute „meist fit genug, um länger am Erwerbsleben teilzunehmen“, sagte Hundt. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigen im Alter von 60 bis 64 Jahren habe sich in den letzten zehn Jahren auf über 1,2 Millionen verdoppelt.

dpa

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