Analyse der Wahl in Südostoberbayern

Interview mit Politik-Experten: Wirkte sich Corona auf die Wahl aus?

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Dr. Martin Gross, Vertretungs-Professor für Politikwissenschaft an der LMU München erklärt im Gespräch mit innsalzach24.de, ob und wie sich die Corona-Krise auf die Kommunalwahl ausgewirkt hat.

Südostoberbayern - Statt einem erneuten Gang an die Wahlurnen gibt's die Stichwahlen nur per Brief. Aber hatte die Corona-Krise auch andere Auswirkungen auf die Kommunalwahl Bayern 2020? 

"Das ist jetzt nur wegen dem Corona", Äußerungen dieser Art konnte man von manchem frustrierten Kandidaten am Wahlabend hören. Allerhand wurde damit erklärt: Warum der Amtsinhaber wiedergewählt wurde. Oder warum dieser in die Stichwahl musste. Oder auch, warum die eigene Partei nicht so gut wie erwartet abschnitt. Der Wähler sei verunsichert, er vertraue da dann halt lieber auf Altbekanntes. Nein, er sei verunsichert und daher offen für Neues, in der Hoffnung auf Besserung. Alles mögliche wurde in die derzeit wütende Pandemie hineingedeutet. Aber was ist dran?


Wirkte sich Corona auf die Wahlbeteiligung aus?

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"Auf die Wahlbeteiligung hat die aktuelle Lage definitiv eine Auswirkung gehabt!", erklärt Dr. Martin Gross, Vertretungs-Professor für Politikwissenschaft an der LMU München gegenüber innsalzach24.de. "Da wurde ja vielfach gesagt, es sei ein tolles Signal, wie hoch die auch in Zeiten von Corona war. Das sehe ich anders. Wir kamen von einem schwachen Niveau und hatten insgesamt nur einen sehr schwachen Anstieg zu verzeichnen!"

Dass Corona für einen außerordentlichen Anstieg der Briefwahlbeteiligung gesorgt hat, will er auch nicht annehmen."Eine Mehrheit der Anträge ging schon ein, bevor die meisten Leute Corona auf dem Schirm hatten. Es ist einfach allgemein ein Trend geworden."


Half Corona bestimmten Kandidaten?

Gänzlich widersprechen müsse er der Annahme, die Corona-Krise habe Kandidaten irgendeiner Couleur unmittelbar geholfen. "Zumindest nicht direkt. Es ist stark anzuzweifeln, dass jemand irgendwen wegen Corona gewählt hat. Da haben ja beispielsweise die Bürgermeister und Landräte, die wieder antraten auch bislang viel zu wenig damit zu tun gehabt." Allenfalls seien Wahlunwillige deshalb erst gar nicht wählen gegangen.

"Aber insgesamt dürfte die gravierendste Auswirkung gewesen sein, dass es alle anderen Wahlkampfthemen überlagerte. Manchen der eher auf Themen als auf Personen ausgerichteten Parteien könnte das etwas geschadet haben. Das aber eher hinsichtlich der Wahl von Gemeinde-, Stadt- und Kreisräten."

Unfaire Situation in der Stichwahl?

Wie schaut es wiederum mit den Chancen der Kandidaten nun in der Stichwahl aus? Manch alteingesessener Lokalpolitiker ist unter Umständen besser im Wahlkampf auf der Straße, als im Umgang mit Social Media. "Da muss man leider sagen: Spätestens nach dem Landtagswahlkampf hätten die Parteien mal langsam merken müssen, wie wichtig das Internet geworden ist. Wer also in der Zwischenzeit nicht nachgerüstet hat, ist auch ein wenig selbst schuld." Auch wenn man selbst nicht ausreichend vertraut mit der neuen Technik sei, gäbe es genug Möglichkeiten, parteiinterne Social Media-Teams oder Agenturen übernehmen zu lassen.

"Zugegebenermaßen, einen Aspekt gibt es, den Corona etwas verkompliziert", räumt Gross ein. "Diejenigen, die schon die Kandidaten der Stichwahl gewählt haben, mögen wissen, wen sie wählen sollen. Anders schaut es da allerdings bei den Anhängern derjenigen aus, die im Ersten Wahlgang 'rausgeflogen' sind. Die müssen nun unter Umständen besonders aktiv werden, um rechtzeitig und ausreichend über ihre Wahlempfehlung zu informieren.

hs

Quelle: rosenheim24.de

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