Demonstration ein Grundrecht

Kommentar zur Flüchtlingskrise: Es reicht!

München - Die Flüchtlingskrise beherrscht Deutschland seit einigen Monaten und spaltet die Nation. In seinem Kommentar rechnet Michael Sapper aus unserer Onlineredaktion mit Pegida ab und hofft auf einen Dialog mit den Vernünftigen.

Seit Ende August sind Millionen Flüchtlinge unterwegs. Das Ziel vieler ist: Deutschland. Ein Teil der Deutschen sagt: Es reicht! Das stimmt. Und zwar mit den teils asozialen, unchristlichen und volksverhetzenden Meinungsäußerungen im Internet und bei Pegida-Demonstrationen.

Wenn man die Kommentare liest, erkennt man, dass viele Menschen Angst haben, dass ihre Leistung nicht wertgeschätzt wird im Vergleich zu den Flüchtlingen. Die meisten Flüchtlinge sind noch nicht in der Lage, den gleichen Teil zur Gesellschaft beizutragen wie die "besorgten Bürger". Manche werden es vielleicht nie können ebenso wie einige Deutsche. Allerdings entstehen derzeit durch Flüchtlinge eine Vielzahl an Arbeitsplätzen.

Anstatt sich zu beschweren, sollten die "besorgten Bürger" doch vielmehr dankbar sein, qua Geburt in einem so sicheren und reichen Land wie Deutschland aufzuwachsen. Es herrscht kein Krieg, kein Diktator sperrt Bürger willkürlich ein oder tötet sie sogar. Es gibt fließend Wasser, eine Sache, die wir als normal hinnehmen. Sie ist es aber nicht.

Flüchtlingskrise: Wo waren die 'besorgten Bürger' nach der Bankenrettung?

Trotzdem hat Deutschland auch Probleme, die durch die Flüchtlingsdebatte nicht in Vergessenheit geraten sollten. Es gibt arme Menschen, denen staatliche Hilfe zusteht. Die sollte nicht gekürzt werden. Um darauf aufmerksam zu machen, muss man demonstrieren. Das ist legitim, das ist wichtig! Aber: Die soziale Schieflage und die Wohnungsnot gab es schon, bevor sich Hunderttausende auf den Weg machten. Dass erarbeitetes Geld weniger einbringt als Kapitalerträge ebenfalls. Wo waren die "besorgten Bürger", als in der Finanzkrise Milliarden Euro vom Staat - also von ihnen - für die Bankenrettungen aufgewendet wurden? Das ist eine äußerst komplexe Thematik - sehr einfach dagegen ist es, die Schuld an der eigenen Situation bei Asylbewerbern zu suchen. Deshalb mein Appell: Gehen Sie auf die Straße! Das ist Ihr gutes Recht.

Aber warum die Pegida-Bewegung unterstützen, die vor Intoleranz und Rechtsradikalismus strotzt? Deren Teilnehmer offensichtliche Nazi-Parolen grölen und moralisch fragwürdige Handlungen durchführen, wie beispielsweise den Galgen für Angela Merkel und Sigmar Gabriel, die tätlichen Angriffe auf Journalisten oder die Kranzniederlegung. Wären das wirklich nur "besorgte Bürger", dann würden sie aus Respekt vor den Opfern der Nationalsozialisten am 9. November nicht demonstrieren. Schon gar nicht vor der Feldherrnhalle. Sie würden keine Straßenzüge in ehemalige Nazi-Viertel in München durchführen.

"Besorgte Bürger" dürfen und sollen die Willkommenskultur in Frage stellen. Das ist gelebte Demokratie und Pluralismus, aber die Argumente und die Handlungen müssen mit der deutschen Verfassung und auch mit den von ihnen propagierten "Werten des Abendlandes“ vereinbar sein.

Flüchtlingskrise: Angst ist irrational - Argumente dagegen nahezu machtlos

Ich will nichts beschönigen: Einige Asylbewerber werden rechtsstaatlich negativ auffallen. Es werden deshalb unvermeidlich auch einige Fundamentalisten oder Kriminelle einwandern. Unsere Aufgabe ist es, ihnen den Nährboden für Gewalt und Hass zu entziehen. Die meisten Asylbewerber wollen sich integrieren, aber wir sollten uns bewusst sein, dass Integration ein wechselseitig stattfindender Prozess ist. Viel öfter teilt man die gleichen Einstellungen als dass man verschieden ist. Angst ist ein Gefühl und deshalb irrational. Sie lässt rationale Argumente verpuffen. Dagegen hilft nur, so sagen Angstforscher, durch direkten Kontakt, die Angstgefühle abzubauen.

Wer eine Überfremdung befürchtet, der könnte einerseits selbst dafür sorgen, dass Deutschland und die christlichen Werte nicht aussterben. Andererseits könnten sich diese Menschen auch fragen: Warum empfinde ich "die Anderen" eigentlich als anders und was ist so schlimm am Fremden?

Vielfalt der Menschen berücksichtigen

Ab wann ist jemand anders? Wer bestimmt diese Unterscheidung? Der Nationalstaat, der selbst nichts anderes ist als ein soziales Konstrukt aus dem 19. Jahrhundert? Die Kultur, die ebenfalls nicht von Natur aus gegeben ist, sondern tradiert wird? Warum müssen "die Anderen" eigentlich "unsere" Kultur adaptieren? Die ist doch von Land zu Land, Stadt zu Stadt, teilweise sogar Dorf zu Dorf unterschiedlich.

Menschen sind so vielfältig wie die Launen der Natur. Mit einigen kommt man besser zurecht als mit anderen. Dieses Phänomen ist aber unabhängig von Nationalität, der sozio-ökonomischen Schicht und auch Religion zu beobachten.

Aus diesem Grund: Gehen Sie auf die Straße, protestieren Sie für Ihre Rechte, aber nicht mit Pegida und Neo-Nazis.

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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