Diskussion um "Mein Kampf"

Hitler-Dilemma im bayerischen Landtag

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„Mein Kampf“ ist seit 1945 in Deutschland nicht mehr offiziell erhältlich.

München - Eigentlich wollte der Landtag eine kritische Ausgabe von Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ vorantreiben. Doch im Ausland wirkt eine staatlich geförderte bayerische Hitler-Edition ziemlich seltsam.

Adolf Hitlers „Mein Kampf“ bringt den Landtag in eine schwierige Lage: Soll die Hetzschrift nach dem Auslaufen der Urheberrechte Ende 2015 weiter tabu bleiben? Oder wäre es nicht besser, eine historisch-kritische Ausgabe vorzubereiten, die Geschäftemachern und Rechtsextremisten den Wind aus den Segeln nimmt? Eigentlich hatten die Abgeordneten die Frage schon beantwortet: Das Institut für Zeitgeschichte sollte möglichst schnell eine kritische Hitler-Edition vorbereiten - nicht nur als Buch, sondern multimedial.

Doch das hat inzwischen in Israel Proteste ausgelöst. Auch Charlotte Knobloch, die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist inzwischen besorgt. So sehen sich die Abgeordneten, die eigentlich für Aufklärung kämpfen wollen, nun mit einer neuen unangenehmen Frage konfrontiert: Ist es wirklich Aufgabe eines demokratischen Staats, eine Neuausgabe der schlimmsten Hetzschrift der deutschen Geschichte zu fördern? Ein offizieller bayerischer Hitler multimedial auf allen Kanälen als Buch, als Hörbuch, im Internet und als gekürzte Schulfassung?

CSU-Vizefraktionschef Karl Freller hat Bedenken: Er sei kürzlich von einem KZ-Überlebenden angesprochen worden, berichtet er. Die naheliegende Frage des Mannes: „Dieses Buch, das vor Hass gegen uns Juden trieft und in dem unsere Vernichtung angekündigt ist, wollt ihr wieder freigeben?“ Freller ist besorgt, dass die Hitler-Neuausgabe sich zum Renner entwickeln könnte: „Die Vorstellung, dass in einem Buchladen in Dachau die Schaufenster wieder voll sind mit Hitler-Büchern, die erschrickt.“

Deswegen soll es nun eine Kommission geben, die die Sache prüft. In die Kommission sollen auch Fachleute aus Israel berufen werden. Geprüft wird unter anderem, ob das Buch nicht nach dem Auslaufen der Urheberrechte verboten werden könnte. Seit 1945 ist „Mein Kampf“ zwar nicht verboten, aber trotzdem nicht frei verkäuflich. Inhaber der Urheberrechte ist der bayerische Staat, der seitdem die Publikation blockiert. Doch dieses Verhinderungsmonopol endet mit dem Auslaufen der Urheberrechte im Dezember 2015.

Die Befürworter einer quasi offiziellen Hitler-Edition argumentieren, dass dem Hassbuch die Anziehungskraft des Verbotenen genommen werde. Wer die Hasstiraden lesen könne, der werde merken, was für ein „krudes Zeug“ Hitler geschrieben habe, sagt der Grünen-Kulturpolitiker Sepp Dürr. Ohnehin kann jetzt schon jeder Hitler lesen, der Hitler lesen will. „Wenn jetzt einer „Mein Kampf“ in Google sucht, kann er nicht nur die Originalausgaben downloaden, sondern alle möglichen Ausgaben kaufen“, sagt der SPD-Abgeordnete Christoph Rabenstein.

Grünen-Politiker Dürr argumentiert, das Hitler-Buch sei heute nicht mehr gefährlich. Deutschland sei eine gefestigte Demokratie. „Da wird die Macht der Aufklärung und der Demokratie unterschätzt.“ Doch in der CSU wird darauf verwiesen, dass Hitler nach wie vor das Vorbild aller Neonazis ist - und die heutige Propaganda nach dem gleichen Schema abläuft wie zum Zeitpunkt der Erstausgabe in den zwanziger Jahren.

Außerdem, merkt ein CSU-Politiker an, passe es nicht so ganz zusammen, einerseits ständig vor Neonazis zu warnen und andererseits die Neuausgabe der zentralen Hetztiraden des Stammvaters aller Neonazis staatlich zu fördern. Denn Hass wird auch heute noch gepredigt, wie Finanzminister Markus Söder sagt. Deswegen soll die Staatsregierung nun gleichzeitig die historisch-kritische Ausgabe vorantreiben als auch ein Verbot prüfen lassen. „Ich glaube, dass "Sowohl als Auch" der richtige Weg ist“, sagt Söder.

dpa

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