"Werde nicht Politik betreiben"

Chodorkowski will keinen Machtkampf mit Putin

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Michail Chodorkowski bei seiner Pressekonferenz in Berlin.

Berlin - Nach zehn Jahren Lagerhaft geht Kremlgegner Chodorkowski in Berlin vor die Weltpresse. Das Interesse ist gewaltig. Genaue Zukunftspläne hat er noch nicht. Aber auf eine politische Karriere, so sagt er, will er verzichten.

Der russische Regierungsgegner Michail Chodorkowski will sich nach der Begnadigung durch Präsident Wladimir Putin auf keinen Machtkampf mit dem Kreml einlassen. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt kündigte der 50-Jährige am Sonntag in Berlin den Verzicht auf eine politische Karriere an. „Ich werde nicht Politik betreiben. Der Kampf um die Macht ist nicht mein Ding.“ Auf einen neuen Rechtsstreit um seinen früheren Konzern Yukos will es der Ex-Milliardär ebenfalls nicht ankommen lassen. Ausdrücklich mahnte er den Westen aber, das Schicksal von anderen politischen Häftlingen nicht zu vergessen.

Die nächsten Tage will Chodorkowski weiterhin in Berlin verbringen. Nach dem Wiedersehen mit seinen Eltern und dem ältesten Sohn werden auch seine zweite Ehefrau Inna und die drei gemeinsamen Kinder erwartet. Am Sonntag hielten sich Frau und Kinder noch in der Schweiz auf. Er selbst wohnt derzeit im Hotel „Adlon“ am Brandenburger Tor. Die Entscheidung über seinen künftigen Aufenthaltsort ließ er offen. „Wo wir leben werden, das werde ich mit meiner Frau besprechen. Das kann ich jetzt nicht allein entscheiden.“ Für Deutschland hat er eine Aufenthaltserlaubnis von einem Jahr.

Chodorkowski machte deutlich, dass er sich eine Rückkehr nach Russland derzeit nicht vorstellen kann. Der ehemals reichste Mann des Landes begründete dies damit, dass er keine Garantien habe, dann auch wieder ausreisen zu dürfen. Ausdrücklich bedankte er sich bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für die deutsche Unterstützung bei seiner Freilassung aus russischer Lagerhaft am Freitag. „Sie hat es möglich gemacht, dass ich heute in Freiheit bin.“

Beim ersten öffentlichen Auftritt war das Medien-Interesse gewaltig. Zahlreiche Fernsehsender aus dem In- und Ausland übertrugen die Pressekonferenz aus dem Mauermuseum am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie live. Als Chef des größten russischen Ölkonzerns Yukos war der Unternehmer zum Milliardär geworden. Nach öffentlicher Kritik an Putin fiel er in Ungnade und kam 2003 in Haft. An der Freilassung wirkte auch der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) mit.

Zu seinen Vermögensverhältnissen äußerte sich Chodorkowski nicht näher. „Ich kenne meine finanziellen Verhältnisse derzeit nicht. Das Geld reicht mir zum Leben.“ Sein Geldvermögen wird immer noch auf viele Millionen geschätzt. Anders als zu Yukos-Zeiten sei er aber nicht mehr in der Lage, als Geldgeber für die Opposition aufzutreten, sagte er. „Ich habe diese finanziellen Möglichkeiten wirklich nicht.“ Chodorkowski trat in Anzug, weißem Hemd und mit Krawatte auf. Die halbstündige Pressekonferenz meisterte er souverän.

Auf einen neuen Rechtsstreit um den inzwischen zerschlagenen Ölkonzern Yukos werde er sich nicht einlassen. „Ich werde nicht um meine Yukos-Anteile kämpfen“, sagte Chodorkowski. Er habe auch nicht die Absicht, ins Geschäftsleben zurückzukehren. Zur Rolle der Opposition sagte er: „Die Opposition hat derzeit keine starken Perspektiven, aber sie sind viel besser als noch vor zehn Jahren.“ Seine Freilassung sei aber „kein Symbol für grundlegende Veränderung im Land“.

Deutschland und andere westliche Demokratien forderte er auf, das Schicksal von anderen politischen Häftlingen nicht zu vergessen. „Ich hoffe sehr, dass die Politiker, wenn sie sich mit Wladimir Putin austauschen, daran denken, dass ich nicht der letzte politische Gefangene in Russland war.“ Gleichzeitig empfahl er dem ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, dem Beispiel Putins zu folgen, und die ukrainische Oppositionsführerin Julia Timoschenko aus der Lagerhaft zu entlassen.

Trotz seines Gnadengesuchs an Putin betrachtet sich Chodorkowski weiterhin als unschuldig. „Die Macht wollte immer von mir ein Schuldbekenntnis, doch das war unannehmbar für mich.“ Das Gesuch habe er ohne Schuldeingeständnis unterzeichnet. Von seiner Freilassung habe er am Freitag „um 2 Uhr am Morgen“ im Lager erfahren. Auf die Frage nach seinen Plänen sagte er: „Gerade vor 36 Stunden habe ich meine Freiheit wiedergewonnen. In dieser Zeit konnte ich keine Pläne für die Zukunft fassen.“

Chodorkowskis erster öffentlicher Auftritt

Chodorkowskis erster öffentlicher Auftritt

Michail Chodorkowski kommt am Sonntag ins «Mauermuseum am Checkpoint Charlie» in Berlin. © dpa
Nach zehn Jahren Haft stellt sich der Kreml-Kritiker erstmals der internationalen Presse. © dpa
Nach zehn Jahren Haft stellt sich der Kreml-Kritiker erstmals der internationalen Presse. © dpa
Michail Chodorkowski im «Mauermuseum am Checkpoint Charlie». © dpa
Vor dem Gebäude wird Michail Chodorkowski von Museumsleiterin Alexandra Hildebrandt begrüßt. © dpa
Im Museum betrachten die beiden eine Vitrine, in der die Jacke liegt, in der Chodorkowski vor zehn Jahren verhaftet wurde. © dpa
Nach einem Rundgang durch das Museum gab Chodorkowski eine Pressekonferenz. © dpa
Bei der Pressekonferenz. © dpa
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Boris Chodorkowski, der Vater des freigelassenen Kreml-Kritikers Michail Chodorkowski, redet am mit Alexandra Hildebrandt, der Leiterin des Museums. © dpa
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Michail Chodorkowski mit seiner Mutter Marina und seinem Vater Boris Chodorkowski. © dpa
Die Eltern von Michail Chodorkowski, seine Mutter Marina Chodorkowskaja und sein Vater Boris Chodorkowski. © dpa
Michail Chodorkowski mit seinem Vater Boris Chodorkowski (M.) und seinem Sohn Pawel. © dpa
Großer Andrang bei der Pressekonferenz. © dpa
Der russische Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski (r) sitzt am Sonntag im «Mauermuseum am Checkpoint Charlie» in Berlin bei einer Pressekonferenz. © dpa
Der russische Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski (r) sitzt am Sonntag im «Mauermuseum am Checkpoint Charlie» in Berlin bei einer Pressekonferenz. © dpa
Der russische Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski (r) sitzt am Sonntag im «Mauermuseum am Checkpoint Charlie» in Berlin bei einer Pressekonferenz. © dpa

In zwei international umstrittenen Verfahren wurde der Unternehmer unter anderem wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Öldiebstahls verurteilt. Regulär wäre seine mehrfach reduzierte Haftzeit im August 2014 zu Ende gewesen. Er kritisierte die Urteile erneut als Ergebnisse von politischer Willkürjustiz. Zu seiner Klage gegen Russland vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg sagte Chodorkowski, dass die Arbeit fortgesetzt werde.

dpa

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