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China.Table

China oder der Westen – wer ist wirklich verantwortlich für Sri Lankas Schuldenfalle?

In Sri Lankas Hauptstadt Colombo warten Menschen in einer Schlange, um Kochgas zu kaufen.
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In Sri Lankas Hauptstadt Colombo warten Menschen in einer Schlange, um Kochgas zu kaufen.

Der Präsident ist geflohen, die Wirtschaft liegt am Boden: Die Lage in Sri Lanka ist dramatisch. Die Rolle, die China in dem Drama spielt, ist weniger eindeutig, als viele denken.

  • Die Lage in Sri Lanka ist heikel. Das Land steckt in der tiefsten Wirtschaftskrise seiner Geschichte, der Präsident ist auf die Malediven geflohen.
  • Doch wer ist schuld an diesem Zustand? Viele zeigen auf China. Aus ihrer Sicht handelt es sich um ein Paradebeispiel für Chinas angebliche Schuldenfalle. Aber stimmt das wirklich?
  • Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 12. Juli 2022.

Hambantota/Peking – Sri Lanka steckt in der größten Wirtschaftskrise seiner Geschichte: Die Inselnation hat mehr als 50 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden, die Inflation liegt bei rund 60 Prozent. Am Wochenende stürmten Aufständische den Präsidentenpalast, Präsident Gotabaya Rajapaksa floh wenige Tage später mit seiner Frau und einem Leibwächter Richtung Malediven.

Viele denken sofort an China, wenn es um die Schulden Sri Lankas geht. Genauer gesagt: an die vermeintliche chinesische Schuldenfalle, in die Peking die Länder der „Belt-and-Road-Initiative“ (auch als „Neue Seidenstraße“ bekannt) treibt – „chinesischer Neokolonialismus“, wie man das in Washington nennt. Präsident Rajapaksa und Premier Ranil Wickremesinghe unterhielten in der Tat lange Zeit enge Beziehungen zu China. Jetzt müssen sie sich vorwerfen lassen, von China über den Tisch gezogen worden zu sein.

Als Paradebeispiel der Pekinger Schuldenfalle gilt Hambantota, der zweitgrößte, aber neueste Tiefseehafen Sri Lankas. Der Hafen liegt an der wichtigsten Schifffahrtsroute zwischen Europa und Asien und ist auch militärisch interessant. So weit, so richtig. Doch schaut man sich nun den Vorwurf der Schuldenfalle genauer an, entpuppt er sich schnell als geopolitische Sage. Sie lautet wie folgt: Peking habe Sri Lanka gegen hohe Zinsen Geld für einen neuen Hafen geliehen, der im Grunde aber gar nicht rentabel werden kann, nur um schließlich Sri Lanka zu zwingen, China den strategisch wichtigen Hafen vor der Haustür Indiens für 99 Jahre zu überlassen – denn das war die Garantie für den ursprünglichen Kredit.

Die Geschichte vom Kredithai China hat allerdings ein grundlegendes Problem: Sie stimmt nicht. Das belegen jüngste, im Rahmen der Wirtschaftskrise durchgeführte Forschungen der US-Spitzenuniversität Johns Hopkins: „Es ist eine Lüge, eine machtvolle zudem“, fasst Professor Deborah Bräutigam die Ergebnisse ebenso knapp wie provokant zusammen. Sie wurden jüngst sogar als großes Stück im Magazin The Atlantic veröffentlicht, einer der renommiertesten amerikanischen Zeitschriften.

China und der Hafen von Hambantota: Eine geopolitische Sage

Die Machbarkeitsstudie, auf der der Ausbau des Hafens basiert, ist demnach nicht etwa von Peking finanziert worden, sondern zu 75 Prozent von der kanadischen Regierung, erstellt von SNC-Lavalin, einem der führenden kanadischen Bauunternehmen, für 1,5 Millionen US-Dollar. Das Ergebnis: Der Hafen ist wirtschaftlich rentabel, wenn ein internationales Konsortium ihn in einem Joint Venture baut, betreibt und später übergibt. Entsprechend muss Colombo die Investitionskosten von 1,7 Milliarden US-Dollar nicht alleine stemmen. Eine zweite Studie der renommierten dänischen Beratungsfirma Ramboll, die viele EU-Projekte umsetzt, kommt zu dem gleichen Ergebnis.

Der Hafen von Hambantota gilt als Paradebeispiel für Chinas Schuldenpolitik in Sri Lanka.

Mit diesen Studien warb die Regierung von Sri Lanka in Kanada, den USA und Indien für das Projekt – allerdings zeigte man dort kein Interesse. Auch niemand aus der EU. Den Investoren war (und ist) die politische Lage nach 30 Jahren Bürgerkrieg und einem Tsunami schlicht zu riskant.

Die einzigen, die das unternehmerische Risiko nicht scheuten, waren die Chinesen. Die China Exim Bank bot Sri Lanka einen 307 Millionen US-Dollar hohen Kredit auf 15 Jahre an, inklusive der Wahl zwischen festen Zinsen von 6,3 Prozent oder flexiblen Zinsen. Die Regierung wählte die zweite, riskantere Option. Dass Pekings Zinsen angemessen sind, zeigt eine internationale Anleihe, die Colombo gleichzeitig auflegte: Sri Lanka muss 8,3 Prozent Verzinsung anbieten, um sich am internationalen Markt Geld leihen zu können.

Chinas Rolle in Sri Lankas Wirtschaftskrise

Allerdings entschied sich die Regierung in Sri Lanka, den Hafen selbst zu betreiben. 2010 wurde er feierlich eröffnet. Doch schnell wurde klar, dass das so nicht funktionieren wird. Mehr noch: Statt zu warten, bis die erste Phase profitabel wird, wie die westlichen Berater es vorgeschlagen hatten, ließ Colombo 2012 auch noch die zweite Ausbaustufe bauen – mit einem neuen 757-Millionen-US-Dollar-Kredit zu nun nur zwei Prozent. Denn die nach der Weltfinanzkrise waren die Zinsen gesunken.

Als 2016 der Hafen immer noch zu geringe Profite machte, bat Colombo die China Harbor and Merchants Group, den Hafen für 35 Jahre zu betreiben, da diese schon den Hafen der Hauptstadt erfolgreich verwaltet. Doch bevor die chinesischen Betreiber richtig Fuß fassen konnten, war Sri Lanka derart überschuldet, dass das Wachstum schließlich vollkommen einbrach.

An diesen Schulden spielen die Chinesen mit einem Anteil von zehn Prozent allerdings nur eine randständige Rolle. „Sri Lanka hat höhere Schulden bei Japan, der Weltbank oder der Asian Development Bank ADB als bei China“, stellt Bräutigam in ihrer Studie fest. Die meisten Schulden habe Sri Lanka ohnehin am privaten internationalen Kapitalmarkt, wo es im Jahr 2017 rund 4,3 Milliarden Dollar nicht zurückzahlen konnte.

Sri Lankas Wirtschaft ist völlig zusammengebrochen

Dem Rat des Internationalen Währungsfonds (IWF) folgend, versuchte Colombo daraufhin, den Hafen international zu privatisieren, um an US-Dollar zu kommen. Doch nur zwei chinesische Firmen waren an dem weltweiten Bieterverfahren interessiert. Für 1,12 Milliarden US-Dollar bekam China Merchants 70 Prozent des Hafens für 99 Jahre.

Doch auch dieser Kraftakt verpuffte. Ein Anschlag 2019, bei dem mehr als 200 Menschen sterben, und die Corona-Pandemie in den beiden folgenden Jahren geben Sri Lankas Wirtschaft schließlich den Rest. „Unsere Wirtschaft ist völlig zusammengebrochen“, musste Premierminister Ranil Wickremesinghe jüngst vor dem Parlament einräumen. Die Inflation in Sri Lanka liegt bei über 60 Prozent. Die Lebensmittelpreise sind um mehr als 80 Prozent gestiegen. Und wegen Devisenknappheit ist das Land nicht in der Lage, genug Treibstoff zu importieren.

„Sri Lankas Schuldenfalle ist nicht wegen Chinas Regierung entstanden, sondern vor allem durch innenpolitische Entscheidungen und internationale private Gläubiger“, fasst auch die Zeitung South China Morning Post die Entwicklung zusammen.

China ist vorsichtig geworden

Doch inzwischen ist auch China vorsichtig geworden. So vorsichtig, dass Sri Lankas Präsident Gotabaya Rajapaksa sich gegenüber dem Nachrichtendienst Bloomberg beschwerte, Peking würde seinem Land substantielle Hilfe verweigern. Zudem könne Sri Lanka nicht auf versprochene China-Kredite von 1,5 Milliarden US-Dollar zugreifen. Und auf die Anfrage nach einem Hilfspaket über eine Milliarde US-Dollar habe man gleich gar keine Rückmeldung mehr erhalten.

Rajapaksa weiß natürlich, welche Erzählung international gut funktioniert: erst von China ausgenommen, dann in der schlimmsten Krise im Stich gelassen worden. Doch geholfen hat ihm das nicht. Denn Peking weiß, dass sich der Präsident nicht an der Macht halten wird, und beschränkt seine Hilfe nun auf humanitäre Maßnahmen. 10.000 Tonnen Reis werden nach Sri Lanka verschickt, zudem Medikamente. Und zwei neue Hafenkräne wurden Ende Juni wie geplant geliefert. Doch die Verhandlungen zu dem seit langem ausstehenden Freihandelsabkommen zwischen China und Sri Lanka sind ins Stocken geraten. Peking hofft vor allem, dass Sri Lanka ohne den US-dominierten Internationalen Währungsfonds auskommt.

Und während Peking zurückhaltend geworden ist, versucht derweil Indien, seine Position in Sri Lanka zu verbessern. Delhi hat allein in diesem Jahr Kredite im Umfang von 376 Millionen US-Dollar vergeben – und ist damit der größte Kreditgeber des Jahres. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es nur 13 Millionen US-Dollar gewesen. Bei dem jüngsten Quad-Gipfel – dem Treffen der großen asiatischen Demokratien Indien, Japan und Australien mit den USA – hat sich Delhi dafür eingesetzt, dass der Internationale Währungsfonds einer Rettung Sri Lankas zustimmen möge. Doch mit einer neuen Regierung in Colombo ist das Machtspiel zwischen Indien und China um Sri Lanka wieder offen.

Von Frank Sieren

Der China-Spezialist und Bestseller-Autor Frank Sieren lebt seit 1994 in Peking. Er arbeitete bereits als Korrespondent für die Wirtschaftswoche und das Handelsblatt. Seit 2021 schreibt er für das China.Table Professional Briefing.

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